Zeitvergleich


(Wohnzimmer, mit guten alten und soliden Möbeln. Frau, 29 Jahre, beim Saubermachen, beim Polieren von Kristall)

Frau: Wann fing es eigentlich an, mit ihrer latenten Schwermut? Das war als Vater starb vor fünfzehn Jahren. Natürlich. Auf dem Friedhof schon…
Wir kamen nach dem Begräbnis nach Hause – die Bekannten hatten sich nach dem Leichenschmaus von uns verabschiedet – im Flur dann ließ sie sich einfach fallen, fiel in sich zusammen wie ein Mantel, den man versucht hat aufzustellen – leer.
Sie lag da und stöhnte, schrie. Ich versuchte zu helfen, wie man in diesem Alter helfen kann, tröstete sie.
Ich hätte gern mit ihr geweint. Mama, Mama, rief ich, um sie zurückzuholen. Ich glaube, sie hat meine Berührung nicht gespürt.
Ihr Mund war geöffnet und der Speichel lief ungehindert als ich aufstand und aus guter Entfernung – von der Küchentür aus – meiner Mutter zuschaute.
Wie alt war ich damals? Vierzehn…Fünfzehn? Genau, Vater starb vier Wochen vor meinem fünfzehnten Geburtstag.
Meine Freundin durfte noch nicht einmal kommen.
Der Rock war ihr weit nach oben gerutscht, die Bluse, aus einem synthetischen Material, das ich nie tragen wollte, war aufgeplatzt. Meine Mutter machte da unten auf dem Boden eine sehr unglückliche Figur.

Ich fand es ungerecht von ihr, mich so allein zu lassen in diesem Moment. Schließlich war es m e i n Vater, der in irgendeinem Wohnhaus in der Innenstadt nicht den Fahrstuhl benutzte, sondern die Treppe bis zur zwölften Etage hinaufrennen musste, um, oben angekommen, seinem HERZSCHLAG zu unterliegen.
An welcher der vierundzwanzig Türen er klingeln wollte, habe ich nie erfahren, bis heute nicht.
Mein Vater hätte das nicht tun dürfen! Treppensteigen war er nicht gewöhnt. Sein Wohlstandsbauch, wie muss der geschaukelt haben.
Den Tag über hinter seinem Schreibtisch, im weichen Sessel. Stress und Zigaretten. Abends Bier und Fernsehen oder weiter arbeiten und zur Abwechslung den Garten vorm Haus mit dem Wasserschlauch erschrecken – sagte Mutter immer, denn gegossen war alles, schließlich hatte sie genug Zeit am Tag. Aber er meinte, das sei der einzige Ausgleich, das verschafft Bewegung und beruhigt die Nerven.
Nun gut, als ihm sein Missgeschick widerfuhr, taute gerade der letzte Schnee.
Vater war tot und Mutter stöhnte, stöhnte wie die Frauen im Liebesfilm aus Wollust stöhnen – zumindest klang es zum Verwechseln ähnlich.
Und ich sah ihren weißen Baumwollschlüpfer und das dazu gehörige Hemd. Sie hatte nicht die schlechteste Figur für ihr Alter, Ende dreißig.
Es war genau die Unterwäsche, die sie mir immer gekauft hat – das hält die Nieren schön warm, meinte sie, DAS IST GESUND im Gegensatz zu diesem kurzen FUMMEL. Mit „Fummel“ war ich damals schnell zu überzeugen. Fummeln war große Mode in der Klasse. Die Hände der Jungs rutschten oben und unten in die Wäsche der Mädchen. Diese dreckigen, klebrigen Pfoten – zumindest bei denen, die es zuließen. Ich hatte Glück, ich war ein Neutrum. Oben nichts und hinten nichts, die passende Figur dazu, die Kleidung ganz nach dem Geschmack des Papas. Und der interessierte sich nicht allzu sehr für Mode.
Nach dem Krieg ging es für ihn um andere Dinge, als um Lippenstift und Spaß. Hart arbeiten, aufbauen, sich durchsetzen – egal um welchen Preis. Ausspannen und Gefühle waren Luxus für ihn, glatte Zeitverschwendung.
Meine Mutter liebte ihn und ich liebte ihn auch. Warum liebte ich ihn? Weil er mein Vater ist.
Er starb zu früh, er hatte keine Chance, zu verstehen, sich zu korrigieren. Er starb als sich meine Mutter total an ihn gewöhnt hatte.
Meine Mutter war die Frau, die ihn morgens zum Auto begleitete und ihm abends das Essen servierte, nur manchmal klingelte das Telefon, und er kam erst, nachdem ich eingeschlafen war.
Ich ließ meine Mutter im Flur liegen, ging in die Küche und wusch ab, räumte auf. Die Freunde und Kollegen haben viel getrunken, dachte ich. Die Küche sah aus wie nach der Silberhochzeit. Fast alle von damals waren zur Beerdigung gekommen.
Als meine Mutter dann immer noch nicht aufstehen wollte, rief ich Herrn Doktor Wundermann, den Bekannten meiner Eltern an. Er kam relativ schnell, meinte, das hätte er schon auf dem Friedhof befürchtet. Gut wenn man Freunde hat, glaubte ich erleichtert.

(Wohnzimmer, sie hat mit dem Polieren aufgehört und kramt in den Schränken, holt aus dem Nebenzimmer Berge von Wäsche, wirft wahllos Dinge in den Raum beim Sprechen, bis ein gewisser Grad an Verwüstung erreicht ist.)

Herr Wundermann, der Wunder kann, gab ihr eine Spritze, nach der sie lange schlief und danach kamen noch viele Spritzen und mir fuhr er einmal durchs Haar und klopfte auf meine rechte Schulter.
Mein Geburtstag fand nicht statt, sie bat mich darum, da es ihr doch so schlecht erginge.
Mit jeder Spritze, die sie bekam, ließen meine schulischen Leistungen nach. Die anfängliche Nachsicht der Lehrer schlug in rücksichtslose Gleichbehandlung um. Ich meinte manchmal ein sarkastisches Lächeln zu sehen – der Klassenlehrer erklärte: Du bist eine Schülerin wie jede andere (ganz plötzlich) und in diesem Land entscheiden Zensuren, sonst nichts.
Die Berufswahl erfolgt nach dem Durchschnitt.
Das geplante Abitur fiel aus. Krankenschwester sei ein sehr praktischer Beruf, meinte Herr Wundermann, dadurch könne ich besser auf meine Mutter eingehen und sie fachgerecht pflegen. Er behielt recht. Sie wurde mein Staatsexamen und das Haus mein Altersheim. Die Arbeit im Krankenhaus war nur ein Hobby.

(Sie findet Briefe, Programmhefte)

Mein kleiner Freund, was wird aus dir geworden sein? Sicher hast du geheiratet, eine Frau, die weniger Probleme macht, nicht so verkrampft ist wie ich damals und nicht so zugeknöpft erobert werden will.
Mein Kamerad, wie tapfer warst du und geduldig. Drei Jahre fast, die Schwesternschule hindurch, hast du gewartet auf mich, die nie Zeit hatte, bis auf eine Hand voll gemeinsamer Erlebnisse.
Die Programmhefte und Eintrittskarten habe ich noch und die Schallplatten mit der Musik der beiden Konzerte, die wir zusammen besuchten, habe ich nachträglich gekauft.

Unsere beiden Sterne stehen noch am Himmel, UNNERREICHBAR und TEILNAHMSLOS.

Hast du Kinder? Einen Jungen oder ein Mädchen?
Wie oft warst du nach unserer Zeit an unserem See, dem mit den verwitterten Filmkulissen aus dem UFA-Film… ich habe den Titel vergessen, die Vasen und Säulen waren damals schon in die Gärten aufgeteilt – unser Pavillon muss noch stehen, der war nicht im Stück abzutragen. Efeuumrankt, verwunschen – ein Liebespaar gibt sich hier den ersten Kuss weil es muss. Ich bin nie wieder dort gewesen.
Ich wollte die Trennung nicht. Mutter rief mich in ihr Krankenzimmer, ihr Zustand verschlechterte sich. Ich musste bei ihr schlafen in diesen Wochen. Ich hatte einfach nicht genug Kraft für euch beide.

(Auch ihre eigenen Erinnerungen wirft sie ins Zimmer. Aus den verstreuten Kleidern und Papieren ordnet sich allmählich ein beachtlicher Haufen. Zielsicher geht sie zu dem Schrank, entnimmt eine Cognac-Flasche und ein Glas. Sie setzt sich auf einen Stuhl.)

Krank, was heißt hier krank. Ihr Zustand verschlechterte sich tatsächlich. Sie trank mehr Alkohol. Veranstaltete die merkwürdigsten Dinge im Haus, versteckte sich vor mir, riss die Blumen aus, kroch unter den Schreibtisch, rollte sich in den Teppich ein. Ich musste sie wieder heraus rollen, gegen ihren Willen, mit Gewalt.
Es kam der Zeitpunkt, an dem ich Mutter schlug, bis sie weinte und wieder im Flur lag, genauso wie nach Vaters Begräbnis. Nur diesmal gab es einen Grund dafür.
Jeder glaubte, sie sei krank, würde den Tod ihres Mannes nicht verwinden. Mag sein, für mich hat sie einfach nur gesoffen, gesoffen wie ein Loch, sie hat sich gehen lassen.
Meine Mutter.

(Sie entdeckt ein Pedikürbesteck)

Manchmal schaute sie um den Kopf wie eine Vogelscheuche aus. Nur ihre Finger waren tiptop. Jeden Tag mindestens eine Stunde gehörte den Fingernägeln. Sie feilte daran herum, selbst dann, wenn es nichts mehr zu feilen gab.
Ich glaube, sie hat in den ganzen Jahren nicht ein einziges Mal abgewaschen.

Warum hast du immer behauptet, du liebst mich? Ich sei das einzige, was dir geblieben sein.
Nein, nein Mutter, Dr. Wunderbar, mit dem hast du doch getrunken und dich amüsiert, wenn ich im Krankenhaus gearbeitet habe. Zumindest so lange, wie dein körperlicher Verschleiß im ästhetischen Rahmen verlief.

Bist du jetzt überrascht, Mutter? Du hattest – besser ihr hattet euch solche Mühe gegeben, mich hinters Licht zu führen. Die Kleine, die Naive, das Küken – dein Doktor, gleich nach Vaters Beerdigung, als es dir tatsächlich dreckig ging, kam er nach DEINER Behandlung in MEIN Zimmer, sprach über deinen kritischen Zustand und tätschelte mir die Schenkel, griff zu … ich habe es dir nie erzählt.

Ich kann dich beruhigen, erst vor fünf Jahren kam ich hinter euer Geheimnis. Solange hielt mein glauben an dich, meine Zuneigung.
Damals schwindelte ich dir etwas von vierundzwanzig-Stunden-Dienst vor, traf mich mit einem Mann, der an diesem Tag nicht kam und ich wollte zurück zu dir, nach Hause. Was ich durchs Fenster sah, warst du mit deinem FUMMEL Fummler.
Dein sorgsam verschlossenes Wäschefach, meinst du, ich habe nie hineingeschaut.

(Sie beginnt die Möbel im Raum zu verschieben, das Mobiliar miteinander auszutauschen)

Was ihr gemacht habt an dem Tag fand ich lustig, gefragt habe ich mich nur, was daran schön sein mag. Auch deine Accessoires, vielleicht braucht das eine Frau um die Fünfzig, sagte ich mir. Trotzdem Mutter, das kannst du nicht gewesen sein.
Auf solche Ideen wäre ich nie gekommen.
Ich hätte euch damals stören sollen, mit dir Klartext reden müssen. Ich glaube, du hast mich benutzt, Mutter, nicht absichtlich, nein, es war nur so bequem. Endlich musstest du nicht mehr Vater bedienen oder die Entlassung aus der Pflicht nahm dir den Halt, die Möglichkeit ein neues, vielleicht dein Leben zu beginnen.
Ich, dein Alibi, deine Tochter, dein schlechtes Gewissen vielleicht, dein Fußabtreter, dein Trost – wie sehr hast du mich geliebt.

(Sie hat mit dem Verrücken der Möbel aufgehört. Die Veränderung ist unmerklich. Aus dem Durcheinander auf dem Boden sortiert sie zwei Haufen, der eine gerät größer, ihn sortiert sie wieder in die Schränke.)

Nun hast du ruhe. Ich habe dir jeden Wunsche erfüllt, selbst den nach mehr Alkohol, nach mehr Prozenten, es war gar nicht so einfach, unauffällig zu bleiben.

Dein Schmerz war mein Schmerz, deine Trauer war … was ist Trauer. Um wen trauert man wirklich?
Fünfzehn Jahre Baumwollunterwäsche, gesund geblieben bin ich. Ich muss albern aussehen in deinem Fummel. Dennoch, mein Leben kann beginnen, vielleicht morgen schon. Ich bin noch jung und selbst wenn man nicht so gut aussieht hat man seine Chancen – auf jeden Topf passt ein Deckel.
Ich habe ein Haus mit Garten, ein gut gefülltes Konto, zwei Gräber zum Pflegen…

1997

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