Weiße Blätter


November. Der eisige Atem des Nordens frisst sich durch die Kleidung. Regen rinnt über die Gesichter. Nebeldunst verschleiert unheilvoll das Gedränge auf den Straßen. Das Leben flieht in die Wohnungen.
Einer merkt von alldem nichts. Sieht nicht die fallenden Äste, hört nicht den Sturm, der an den Schultern zerrt und die Menschen angstvoll macht. Antonius irrt ohne Ziel, einer Ahnung folgend, umher. Seit Wochen, Tag für Tag, Schuhe und Hosensaum von Asphaltnässe aufgeweicht, die Hände in den aufgeschlagenen Trenchcoat vergraben, die Stirn zusammengezogen, den Blick gesenkt, beschwörend vor sich hin murmelnd, getrieben von einer gewaltigen Macht, hastet er auf der Suche nach Imagination durch das nebensächlich gewordenen Labyrinth der Stadt. In ihm das Gefühl, auserwählt zu sein zu etwas Einmaligem, einer Aufgabe, der er schon zum Greifen nahe gekommen ist.
Spät abends sinkt Antonius erschöpft auf das häusliche Nachtlager. Die feuchten Kleider sind schon lange Teil seines Körpers geworden, der Mantel hängt hingeworfen über dem Stuhl.
In dieser Nacht ist es endlich soweit. Eine Stimmer ruft: „Antonius, wach auf! Komm zu mir und empfange deine Aufgabe, meinen Befehl!“ Antonius richtet sich auf und erblickt am Ofen eine greise Gestalt mit weißem Haar und erdfarbenem Gewand, deren Füße sich zwischen Seerosen verlieren.
Er kennt diesen Mann und so haucht Antonius: „Ja, Vater, ich komme. Ich bin bereit und höre deinen Auftrag.“
Der Alte hebt die Stimme zum feierlichen Ruf: „Du, Antonius, noch jung an Jahren, sollst schreiben. Eine Erzählung, in der du dich auflösen wirst, dich ganz verausgaben, einfach alles wirst du geben. Sie wird dein Lebenswerk sein. Beim letzten Wort sollst du kraftlos niedersinken. Nur diese Erzählung, bedenke das, perfekt und einmalig, das ist der Sinn deines Lebens! Schreibe, Antonius, du bist auserwählt für diese Aufgabe, es ist mein Wille!“
Die Worte, die der Greise spricht, stehen auf einer Pergamentrolle, die sich in eine rotbraun gefiederte Taube verwandelt. Sie flattert hinaus in die Dunkelheit.
Beide sehen der Taube nach. Als sie den Blicken entschwindet, streift die Hand des Vaters sanft Antonius‘ Stirn.
„Nur Mut, Antonius, geh jetzt an deine Arbeit, vergeude keine Zeit. Ich muss nun weiter zu den wartenden Brüdern.“ Die Gestalt zerfließt, und die Fugen der Ofenkacheln werden wieder sichtbar.
Antonius begibt sich zum Schreibtisch, wischt frühere stümperhafte Versuche seiner Schreibkunst zu Boden und legt einen Block karierten Papiers bereit. Mit Zuversicht, die Mahnung des Vaters im Gedächtnis, setzt er sich sogleich nieder, schreibt die ersten Sätze, Buchstabe für Buchstabe in die kleinen Karos hinein.
Die Handlung steht fest. Die Geschichte soll am Meer und in den Kellern der Stadt spielen. Er will von Menschen erzählen, von ihrer Liebe, den schizophrenen Gefühlen junger Leute, ihren Ängsten und ihren Fragen auf dem Weg ins Leben. Er will berichten von den süßen Lockungen, dem Kampf seines Helden um absolute Gerechtigkeit, vor allem aber von der unbezwingbaren Natur als erstem und als letztem. Antonius schreibt Tag und Nacht, ohne Pause, gönnt sich keine Ruhe. Selbst die wenigen Speisen, die er anfänglich noch zu sich nimmt, führt er mechanisch zum Mund, während er Skizzen und Entwürfe studiert. Der Aschenbecher ist mit Zigarettenresten bis zum Rand gefüllt.
Rauchen! Ja, Rauchen muss er! Das schärft die Sinne und belebt die Phantasie. Mit jedem inhalierten Zug werden neue Gedanken geboren. Kein Ende der Flut ist abzusehen, alles will auf einmal aus ihm heraus, will zu Wort kommen, und alles muss auch gesagt sein! Nach einer Reihe beschriebener Manuskriptseiten kommt Antonius immer häufiger ins Stocken, fühlt sich eingeengt. Die Worte sind nicht genug, obwohl die ganze Erzählung im Kopf vollendet ist. Was hindert ihn? Bis zu den Fingerspritzen kommt das Empfinden, doch stimmt der Ausdruck, dann ist das Gefühl blockiert; fad klebt das Wort auf dem Papier.
Seine Hand krampft sich um den Kugelschreiber, wird zur Faust, drückt hart auf den karierten Block, zerfurcht, zerreißt mit der Mine das schon Geschriebene.
Wutentbrannt knüllt Antonius den Block und wirft ihn in den Papierkorb. Warum gelingt es nicht? Was hemmt ihn? War seine Idee wertlose Einbildung, sein gefühltes Talent nur Gaukelei? Antonius holt ein Blatt aus dem Korb zurück, glättet es und liest die notierten Sätze. Auszusetzen ist eigentlich nichts. Jedes Wort ist treffend gewählt, aber nicht ausdrucksstark genug, um vor der Welt zu bestehen.
Er liest den Abschnitt: „Es war Schlafenszeit. Der Wecker war auf sechs Uhr morgens gestellt. Ralf kam vom Waschen aus dem Bad, stand nun im Zimmer und besah sich das Bett, den flimmernden Bildschirm, den Abendbrottisch mit dem Teller und der noch halb gefüllten Tasse Tee. Er schüttelte den Kopf und sprach laut zu den bereit stehenden Schuhen: ‚Das kann nicht alles sein!‘ Anschließend zog er die Schlafanzughose aus, streifte die alten Jeans und den dicken Pullover über, schaltete vorsorglich Strom und Gas ab und schrieb den bedeutenden Satz: ‚Ich bin gegangen und komme wieder.‘“
Eine Ahnung steigt in Antonius auf, und bei der Stelle: “Ralf betrat um sechs Uhr morgens die regenschwere Insel“, hat er die Lösung gefunden. Das Schriftbild ist es, was stört! Das Empfinden muss sich auch im Schriftbild widerspiegeln. Wie jammervoll steht da der tosende „Sturm“ in fünf karierte Kästchen dieses verfluchten Papiers gedrückt.
Nach dieser Erleuchtung ruft Antonius: „Ja, das ist es!“ und sucht in den Fächern. Er findet einen Block mit der Aufschrift: ‚liniiert, holzfrei‘. Warum ist ihm das nicht sofort eingefallen! Väterlich lächelt er über die eigene Dummheit, eine einmalige Erzählung auf kariertem Papier schreiben zu wollen.
Wieder bereitet er alles vor. Doch bevor er beginnt, sieht er zum Fenster, entdeckt auf dem Sims eine Taube, die davon fliegt als er sich nähert.
Sofort setzt sich Antonius wieder an den Tisch. Er darf sich nicht ablenken lassen, weder von der Taube noch von einem Radio oder gar einem Fernsehgerät, ganz allein diese Geschichte zählt! Neue Zuversicht steigt, innerlich gespannt, bereit zum zweiten Versuch, wendet er sich den Blättern zu. Der Stift gleitet fast spielend über das Papier. Das gerade Wort schreibt er gerade, und die Buchstaben des niedergeworfenen Menschen führt er zerrissen, auseinandergezogen nach rechts auf der Zeile entlang. Er fühlt das Herz höher schlagen, der sieg scheint nah, das Ziel fast erreicht, der Rest nur noch ein Kinderspiel. Vor so viel Glücklacht er und rutscht auf seinem Stuhl hin und her, bis zu dem Augenblick, wo der Glanz seiner Augen stumpf wird, seine Hand mitten im Schriftzug inne hält.
Ein langgezogener Aufschrei: „Nein!“ zerreißt die Stille des Raums. Der Stuhl kippt, Antonius rennt, die Hände vor die Stirn geschlagen, von Entsetzen gepackt durch die Wohnung. Voller Wut trampelt er auf dem Boden herum und brüllt immer wieder: „Nein, nein, nein!“ Tränen des Zorns rinnen über die Wangen. Schmerz mischt sich in seinen Blick, der die Wände nach Halt absucht. Er springt zum Regal, reißt die Bücher heraus, wirft den Tisch um, die unschuldige Vase zerspringt, sein Lauf endet am Schreibtisch. Nur kurz verebbt die Zerstörungswut, um sofort begleitet von hilflosem Geschrei fortzutosen. Antonius greift nach seinem soeben begonnenen Lebenswerk, zerfetzt das schon beschriebene liniierte Papier, zerstampft es mit den Füßen, wirft es in die Luft.
Entwurzelt greifen die Augen, dann die Hände nach dem Bildnis der geheiligten Liebe des Antonius. Auch Josepha wird Opfer seines Vernichtungstaumels und liegt bereits zertreten vor seinen Füßen am Boden. Das unbeschadet gebliebene eine Auge blickt Antonius fragend an.
Die Erregung ebbt ab, der Schrei erstickt, ungehindert fließen Antonius‘ Tränen. Mit der Stimme eines endgültig Unterlegenen schluchzt er die Worte zu Josepha herab: „Jetzt hast du gewonnen, du hattest recht, ich habe keine Kraft, mir wird nie etwas gelingen. Lache nicht, Josepha, du sollst nicht lachen, noch gebe ich nicht auf. Mit dir hätte ich es längst geschafft, aber auch ohne dich wird es mir gelingen, denn in mir ist eine Kraft, die mich vorwärts treibt, die mich zwingt. Du wirst sehen, dass ich meinen Auftrag vollende!“
Hier verstummt Antonius, hebt die Fetzen des Porträts behutsam auf und legt sie vorsichtig in die Schublade des Vertikos, verschließt das Fach und setzt sich niedergeschlagen an den Schreibtisch. Regungslos sinniert er minutenlang. Seine Augen starren ratlos auf die kahle Wand. Erst nach langer Zeit wird ein Aufflammen alten Lebens sichtbar, schlagen die Augenlider stärker, spannt sich der Körper, die Brust beginnt erneut zu beben. Ruckartig löst sich der Blick von der weißen Fläche, kehrt zurück aus einem leeren Traum. Als ob er jede Handbewegung lange überlegt, greift Antonius sicher in das unterste Fach, bringt einen dicken Stoß weißer Blätter ans Licht. Mit andächtiger Sorgfalt legt er sie bereit, als hinge davon Scheitern oder Gelingen unweigerlich ab. Unbemerkt hat sich die rotbraune Taube auf dem Fensterbrett niedergelassen. Reglos verfolgt sie das Geschehen, plustert nun das Gefieder auf, gurrt gefällig ihre sanften Laute in den anbrechenden Morgen und äugt in das stille Zimmer.
Etliche Wochen müssen vergangen sein, denn als Antonius aufsieht und die Taube wahrnimmt, sind die Bäume und Wege schneebedeckt. Das winterliche Weiß gibt der Morgendämmerung einen feierlichen Glanz. Friede ist in die Stadt eingekehrt.
Leise warten die Menschen hinter müd erleuchtetem Fensterglas auf den beginnenden Tag mit den gewohnten Pflichten und auf dem Weg zur Arbeit.
Antonius fühlt sich frisch. Er ist weder hungrig noch müde, obwohl er sich nicht erinnern kann, in den letzten Tagen geschlafen oder etwas gegessen zu haben. Er geht in die Küche und nimmt eine Scheibe Brot, zerteilt sie in kleine Stücke und streut die Brocken auf das Fensterbord, direkt vor den Schnabel der Taube. Appetitlich frisch fasst sich die Kruste an. Antonius nimmt diese seltsame Tatsache zur Kenntnis, ohne daran Anstoß zu nehmen und zurück gekehrt an seinen Platz, legt er nochmals die weißen Blätter zurecht. Sorgfältig prüft er Qualität und Anzahl der Seiten, vergewissert sich, dass wirklich kein karierter oder liniierter Boden darunter ist.
Antonius beginnt erneut. Weder ein Lachen noch ein Wort kommen über seine Lippen. Selbst das Atmen ist kaum zu vernehmen. Jeder Satz wird gewissenhaft und getreu der Eingebung niedergeschrieben. Unerschöpflich sind die frei gesetzten Energien, speisen einen ruhelosen Motor. Ohne Unterbrechung schreibt Antonius die Erzählung bis zum letzten Satz, der da lautet:
„Gehet jetzt und sehet nach in eurem Tag, in eurer Nacht, ob ihr euch gefunden habt!“
Liebevoll betrachtet er sein Werk. Auf mancher Seite steht nur ein Wort, das den gesamten Raum einnimmt. Auf einer anderen, klein und hässlich in der untersten Ecke, ein anderes, auf der nächsten ist der Platz eng beschreiben. Antonius ist restlos eingegangen in diese Worte, hat die Hälfte seines Lebens gegeben. Er hat sich aufgelöst in dieser Erzählung. Er fühlt es genau, wenn sein Herz schlägt, so schlägt auch ihres, und wenn er atmet, so atmet auch sie. Kein Punkt, kein Komma, nichts wird geändert. Alle fünfundsiebzig Seiten der perfekten Erzählung steckt Antonius in einen großen Umschlag, frankiert ihn und bringt ihn zum Briefkasten.
Die letzten fünf Stufen zu seiner Tür schleppt sich Antonius erschöpft hinauf, taumelt zum Schreibtisch. Ohnmächtig fällt der Kopf auf die Tischplatte. Ein langer, dumpfer Schlaf übermannt ihn, dann wirre Träume. Es klingelt an der Wohnungstür. Durch den Briefschlitz fällt ein schwerer Umschlag, versehen mit den freundlichsten Grüßen vom Verlag. Antonius springt fiebernd auf, öffnet hastig den Brief. Heraus fällt ein Sammelband mit Erzählungen. Zitternd blättern die Finger durch das Buch, bis er seine Erzählung, seinen Namen entdeckt. Ein stechender Schmerz durchfährt Antonius ` Brust . Sein Lebenswerk steht zwischen den anderen Erzählungen, ebenso gedruckt wie diese, säuberlich und gleichmäßig, vergewaltigt auf neunundzwanzig Seiten.
Antonius schreckt schweißgebadet aus dem Schlaf und findet tatsächlich einen schweren Umschlag. Öffnet ihn, heraus fallen sein Manuskript und ein Brief.
Mit Tränen in den Augen überfliegt er die Zeilen: „ Ihr Text liest sich stellenweise amüsant, fast süffisant. Manchmal teilen Sie mit dem Hackebeilchen ein paar Hiebe um die Ecke aus. Zuweilen dringt tieferer Sinn durch, dann wieder werden Sie geschwätzig breit, wiederholen sich und kolportieren ins Banale.“ Geht es wirklich in dieser Kritik um seine Erzählung? Es ist die Ablehnung, ohne Zweifel.
„… und gelangen zum Simultanbericht. Damit zieht didaktisches ein. Zur Intensivierung der Unmittelbarkeit würde ich auch die Gegenwartsdarstellung vorschlagen…“
Antonius versteht nichts, ist erschlagen von der Kompaktheit der Sätze, verteidigt noch seine Geschichte, seine Idee.
Der letzte Teil vernichtet dann alles was noch blieb. Ohne Absicht des Begutachters reift dennoch in Antonius ein neues Projekt. Umrisse für eine Kurzerzählung zeichnen sich ab. Das Briefende liest Antonius bereits mit leichtem Schmunzeln. „Ärgerlich aber ist es, wenn man „Literatur“ angeboten bekommt, die es mit der Interpunktion und Orthographie leicht nimmt. Solche Oberflächlichkeit verweist insgesamt auf oberflächliche Gestaltung, man zweifelt berechtigt an der Ernsthaftigkeit wie eine orthographische Bewältigung zu den notwendigen Voraussetzungen des Schreibens des Schreibens gehört.“

1982

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