Was Besseres – Jochen


Die Woche Nachtschicht ist überstanden. Jochen lässt sich beim Waschen und Anziehen Zeit. Keine Pflicht zwingt ihn, die nächsten Tag hat er frei. Die Arbeit ist längst zur Gewohnheit geworden und nicht mehr so kräftezehrend wie noch vor einem Jahr, als er begann, Güterzüge zu entladen und Baumaterialien für die LKW bereitzustellen.

Er war nicht überrascht, dass der Tisch in seinem kleinen Wohnzimmer bereits so früher gedeckt war. Muss Mutter wieder eine Stunde früher losgegangen sein, sie kann´s einfach nicht lassen, nachzusehen, geht es ihm durch den Kopf. Er ist, wieder im Bett, die beiden aufgebackenen Brötchen vom Frühstückstisch, raucht anschließend eine Zigarette, aus der Packung, die ihm seine Mutter auf den Tisch gelegt hatte.

Die Mutter hatte sich einen Schlüssel zu seiner Wohnung vorbehalten, gleich an dem Tag, als er den Mietvertrag unterschrieb. Er hätte das wahrscheinlich ganz ohne Widerspruch hingenommen, wäre er nicht während der Armeezeit oft zum Gespött seiner Gefährten geworden, da die Mutter allgegenwärtig schien. Achtzehn Monate hatten ihn Hänseleien begleitet, das war bitter, aber eben auch gerechtfertigt. Dem wollte Jochen gleich nach seiner Entlassung entgegenwirken. Deshalb wehrte er sich zaghaft am Abend vor der Schlüsselübergabe gegen den drohenden mütterlichen Eingriff. „Du, morgen bekomme ich den Schlüssel für meine Wohnung“. Dabei betonte er das „Meine“ unmißverständlich. Die Mutter überhörte diese Anspielung.
„Das trifft sich gut, ich bin morgen zeitiger zu Hause, holst mich ab, ja?“ und pünktlich stand im Aufenthaltsraum des Postamtes, dort, wo seine Mutter arbeitete. Am Kaffeetisch im Aufenthaltsraum, der mit einer geblühmten Igelitdecke bezogen war, saßen fast ausschließlich rundliche Frauen mit blauen Kitteln, gemütlich lächelnd. Nicht veränderte sich hier. Die Mutter schwärmte von ihrem „Jochen“, berichtete von seinen Leistungen, den guten Lernergebnissen, den damit verbundenen besseren Chancen. Jochen stand dann verschüchtert im Raum, es war ihm peinlich. Er war nur Mittelmaß, doch ihr Bild von ihm zählte, ihm sollte es einmal besser gehen, etwas Besseres werden. War sie an dieser Stalle angelangt, verfiel sie in bedeutungsvolles Schweigen. Früher hatte er studieren sollen. Als dazu die Zensuren nicht genügten, sollte er zumindest er zumindest einen “ordentlichen“ Beruf, einen handfesten erlernen. Nun sah sie in ihm einen Brigadier und später einen Meister heranwachsen. Seine Mutter war stolz auf ihren einzigen Sohn, den sie ohne Vater aufgezogen hatte.
Jochen nahm die kritiklose Zustimmung der anderen Frauen, die er schon als kleiner Junge kannte. Die Mutter tätschelte sein Wange und stellte abschließend mit einem Augenzwinkern zu den Kolleginnen fest, das es aber so ganz ohne Mutters Beistand auch nicht ginge. Inzwischen hatte sich Jochen an die Prahlerei gewöhnt, auch das sich in seiner neuen Wohnung zu jeder Zeit die Tür öffnen konnte. Mehrmals sie Woche sah die Mutter nach dem Rechten, wie sie es nannte, räumte auf, wusch die Wäsche. War ein Mädchen zu Besuch, hatte Jochen immer ein schlechtes Gewissen, ersetzte am nächsten Morgen das Bettlacken, beseitigte alles Spuren. Bisher waren die Frauenbekanntschaften trübe Erlebnisse geblieben und er reagierte seinen Umnut darüber oft an seiner Mutter ab. Häufig stiegen Ekel und Selbstverachtung in ihm auf. Vor allem nach solchen Nächten, wie denen, mit Conny, der jeder den sie kannte mal an die Brust fassen durfte. „Das ist Umsatz steigern“ wie sie meinte, denn sie arbeitete in der Stammkneipe Jochens. Ihre Berührungen war Jochen eigentlich unangenehm. Zum Ausschankschluß kam sie n seinen Tisch, streichelte ihm durchs Haar. War Jochen noch einigermaßen nüchtern, zog er seinen Kopf zurück, doch oft genug war er genauso angetrunken wie sie und erließ es geschehen.
Erschien tags darauf seine Mutter, reagierte einsilbig und lustlos. Seine Mutter fühlte sich wiederum dadurch verletzt und klagte: “Jochen, ich doch nur dein bestes. Ist es Dir denn jemals schlecht gegangen? Alles versuche ich für dich zu tun und mehr kann ich nicht tun!“
Ihr Fernbleiben in den darauf folgenden Tagen bedeutete mehr einen stillen Vorwurf als ihren Sohn endlich allein zu lassen, ihn für sich allein Sorgen zulassen.

Jochen träumt, wenn er aus dem Schlaf erwacht, wird er ein neuer Mensch sein, unternehmungshungrig und Energie geladen. Am liebsten würde er vor die Stadt fahren, lange laufen oder sogar ins Kino gehen. Doch etwas sagt ihm, das es auch heute nicht dazu kommen wird, es zieht ihn in Frankes Eckkneipe, dort wo sein Tatendrang eigentlich immer endet. Unbefriedigt und allein träumt er von einem Mädchen, das ihn mag und versteht. Anschmiegsam und zärtlich müsste sie sein, interessant und intelligent wie die Frauen aus Liebesfilmen, Imginär Chrstin.

Der Oktoberwind wird von Scheinwerferkegel. Der Berufsverkehr bäumt sich zum letzten Mal auf.
Jochen hat das Haus verlassen in Richtung Frankes Eckkneipe. Er weiß, am Stammtisch wird wieder Wolfgang sitzen, noch im Arbeitszeug. Wolfgang ist in einem Hinterhofbetrieb beschäftigt, der Zulieferteile herstellt. Auch Peter wird wieder auf seinem Platz sein, neben der Tür mit dem Rücken zum Fenster sitzen. Beide werden ihn mit „Hallo altes Haus“ begrüßen. Der Bierdunst wird ihm zunächst den Atem nehmen, er wird sich zusammenreißen und zu seiner kraftbetonten, legeren Pose finden…
Dann geht alles sehr schnell. Beim überqueren der Wilhelm-Pieck-Straße bemerkt Jochen einen Mann, über die Sechzig, der schwankend einen Kindersportwagen über die Straße vor sich her stößt. Jochen erkennt ein Kind, die Wangen von der Kälte verfärbt, weinend. Ein Auto bremst kreischend, der Alte stolpert, verliert die Gewalt über den Wagen, das Kind droht herauszustürzen. Jochen rennt sofort zur Straßenmitte, reißt den Sportwagen wieder hoch, fährt ihn zum Bürgersteig, der Alte hinter ihm her. Jochen nimmt das Kind und läuft, das Kind fest im Arm, zum nächsten Polizeirevier. Der Alte schimpft und torkelt noch ein gute Stück hinter ihm her. Jochen hört nichts mehr als das Hämmern in seiner Schlagader, das alle Geräusche zu einem inhaltslosen Rauschen werden lässt.
Nur unter Atemnot kann Jochen den Beamten das Geschehen berichten. Vergeblich forschen die Polizisten nach dem Alten. Der Kleine, seine Unterlippe und Zunge aufgebissen, die Hose vollkommen durchnässt, das Gesicht zerschrammt, kann keinen Aufschluss geben. Eine nweinende ältere Frau wird kurze Zeit später in die Wachstube hereingeführt. Vorwurfsvoll jammert sie:“ Heut Vormittag hab ich dem Alten gesagt, das er mit dem Kleenen nich in der Kneipe hängen bleiben soll.“
„Nee,nee“, hat der gesagt, „nur spazieren gehen, saufen wird er doch nich, wenn sein Enkel dabei is.“
„Nun hat er es doch gemacht, der alte Angeber, um ihn rumzuzeigen. Sicher hat er´n dann im Kinderwagen sitzen lassen. Was soll nur meine Große sagen, ihr Mann wird meinen Zusammenschlagen, wenn er das erfährt, der arbeitet aufn Bau. Ich hab ja so ne Angst und den Kleenen wird ich auch nicht mehr bekommen.“
Der Wachmann fragt: „Ist ihr Enkelkind denn jetzt vor ihrem Mann sicher?“
„Wat denken Sie, als der nach Hause kam und ich ihn fragte wo der Junge is, lallte er was von geklaut und ließ sich auf Sofa knallen. Und da bin ich gleich los hierher.“
Die Frau nimmt Joche das Kind aus dem Arm und beküsst das Kind des Kindes, „was dein Opi mit dir gemacht hat aber jetzt ist die liebe Omi wieder da.“

Durch die Kneipentür dringt Stimmengewirr.
Wolfgang ruft: “Na altes Haus, lässt ja auf dich warten!“
Jochen: „Mensch, ich hatte verpennt.“
Peter: „Quatsch, Jochen musste bestimmt erst Muti fragen.“
Jochen: „Ihr seid doch blöde. Ilse nen Doppelten und ein Bier! Sag mal Wolfgang, waum gehst du nach der Arbeit erst mal nach Hause und ziehst dich um?“
Wolfgang: „Ey, was is denn mit dir Los? Peter, wir sind dem nicht mehr fein genug!“
Peter: „Ilse, zwei doppelte und zwei Bier!“

Die Kneipentür geht auf, ein Mädchen eilt ohne sich umzusehen, zum Tresen, der Kneiper reicht ihr eine Packung Zigaretten hin, und so schnell wie sie gekommen war, verschwindet sie wieder.
Jochen hat sie schon oft hier Zigaretten kaufen gesehen und gleich beim ersten Mal fiel sie ihm auf.
Sie sieht anders aus als die, die Jochen kennengelernt, gar nicht zu vergleichen mit der Conny. Meist trägt sie farbige Baumwollkleider, mit Schultertücher ergänzt. Seit langem nennt Jochen sie für sich Christin. Doch bei ihrem Hinausgehen traf Jochen gelegentlich ein scharfer, abfälliger Blick. Dann schämte er sich für seine beiden Kumpel, die jedes Mal auf ihrem Weg zur Tür ein oh und ah und dieses dumme „na Schnecke, wolln wir mal“, oder ähnliches hinterher rufen mussten.
Heute wäre die Möglichkeit, aufzuspringen, Wolfgang und Peter hinter sich zu lassen und ihr von dem Kind zu erzählen. Bestimmt würde sie ihm vielleicht zuhören. Doch das Lästern der Beiden an seinem Tisch, zwingt ihn aus Scham zu bleiben. „Hört doch auf, last sie in Ruhe“
Dafür erntet er Spott.
„Jetzt ist er auch noch in so einen Zickendraht, in so eine Müslischlampe verknallt, stimmts, du würdest am liebsten mit der bumsen?“
Jochen springt vor Wut auf und: „Ihr Arschlöcher, habt ihr nichts anderes im Kopf als Saufen und bumsen!“
Beide ziehen ihn auf den Stuhl zurück, grienend klopfen sie ihm kammeradschaftlich auf die Schulter, „is ja gut Jochen, hattest nen harten Tag“.
Der Ruf, „Ilse zahlen!“, beendet den Streit vorerst. Die drei gehen ins Freie. Jochenzwei Schritte vor den anderen beiden, die Straße entlang. Hinter ihm Witzeleien und verhaltenes Lachen. Die Stelle ist erreicht, an der Jochen das Kind der drohenden Gefahr entriss.
„ Ja, ja, Jochen wird mal ein ganz feiner Pinkel, wirst sehen….“
„ Mit Schlips und Kragen hinterm Schreibtisch…is auch egal, wir passen ihm in jedem Fall nicht mehr.“
„ Und das wegen so ner blöden Alten.“
„ Auf die is er scharf!“
Jochen dreht sich um, unterdrückt die Wut, er hat seine Erregung kaum noch unter Kontrolle.
„Hört doch endlich auf, auf mir herumzuhacken! Ihr wisst doch überhaupt nicht, was heute passiert ist!“
Wolfgangs Hand liegt beruhigend auf Jochens Schulter. Angewiedert schlägt Jochen sie ab.
„Na, na, bleib friedlich!“
„Als ihr Idioten schon in der Kneipe gesessen habt, da habe ich, genau an dieser Stelle, …ein Kind gerettet.“
Hier verstummt Jochen. Er erlebt sich noch einmal in der Situation. Mit dem Kind im Arm. Er hat das Gefühl, nützlich gewesen zu sein. Gleichzeitig hat das Gefühl, auch ohne seinen Einsatz wäre dem Kind vielleicht nichts passiert, das Auto hätte noch rechtzeitig gebremst und irgenwie hätte der Alte das Kind nach Hause gebracht. Doch ein Gefühl wurde ausgelöst, das ihm sagt, Du bist größer, Du bist ein guter Mensch!
Wolfgangs Stimme reißt ihn aus seinem Nachdenken.
„Hab ich’s nicht gesagt, was Besseres!- ein Held!“
Da schlägt Jochen zu, blindwütig, dorthin wo er Platz findet. Doch Wolfgangs Hiebe sitzen wirkungsvoller. Peter versucht die Beiden auseinander zu bringen, gerät so selbst in das Handegmänge. Eine Faust trifft Jochen hart unter das Kinn, er verliert das Gleichgewicht, schlägt auf das Pflaster. Seine Hand fühlt einen kalte, winklige Eisenstange – leblos liegt Wolfgang auf den Bürgersteig, Blut rinnt ihm aus Ohren und Nase. Jochen fällt die Eisenstange aus der Hand, er schüttelt erzweifelt den Kopf und rennt über die Fahrbahn, hinüber in eine dunkle Seitenstraße. An eine Hauswand gelehnt, schreit er, weint und schreit wieder, bis er zusammen sinkt und sich erbricht.

1984




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