Das letzte Mal


Der Arzt sagt, sie dürfen das und das nicht und auch das nicht mehr, das wäre ihrer Gesundheit, ihrem Zustand wirklich nicht zuträglich. Er meint damit solche Dinge, mit denen ich bisher das Angenehme eines Moments verbunden habe. Es sind Dinge, die den Augenblick einzigartig, das Nachdenken über dies und das so angenehm machen. Ich fühle mich dann wohl. Da bin ich, da kann ich aufrichtig Du zu mir sagen. Thomas, ich mag dich.
Die Blumen betrachten, die noch zarten Pflänzchen beim Heranwachsen beobachten und dabei über das wunderbare Leben sinnieren – das Erleben mich als ein Geschenk – Mit den schweren Gießkannen hin und her laufen, etwas Unkraut jäten und die Pflanzen streicheln, damit sie wachsen und das manchmal bis zur Erschöpfung…Stets diese Kontrolle meiner Kraft.
Mit meiner Freundin Frau ein Glas Wein trinken. Unbeschwert einfach nur in der Sonne sitzen. Ihr ein richtiger Partner sein. Endlos reden und diskutieren, die Nacht hindurch, unbeschwert. Dinge ohne nachzudenken einfach tun.

Doch mein filigraner Gesundheitszustand ermöglicht nur schwankende Schritte, oft heftig gekrümmt meine Haltung, Schüttelfrostschauer jagen den Nacken hinab, ein Gefühl von heftigen Dauermuskelkater in den Oberschenkeln, zunehmend zum Abend hin. Am Morgen noch im Bett schlaftrunken große Pläne im Kopf.
Pläne begleiten mich eigentlich immer, nur sie werden von der Realität ausgelacht, und bereits nach wenigen Schritten erscheinen sie absurd. Ich kann nur über mich den Kopf schütteln.
Krankheit ist die körperliche Verweigerung von Lebenslust! Sozusagen kämpft der Körper gegen den Geist.

Und der Geist gibt mir ganz zufällig die kleinen Freuden, die meinem Befinden und dem Verlauf meiner Krankheit nicht dienlich sein sollen. Ich weiß. Ich soll mich schonen, vernünftig sein, sagt der Arzt, am besten keine Anstrengungen Tag und Nacht. Was ist dann aber Leben? Eigentlich habe ich schon lange verloren.
Dennoch, das dies und das kann ich in diesem Augenblick noch genießen.
Ich tue das Dies und Das Jetzt weil ich nicht weiß ob ich das Dies und Das morgen noch so wahrnehmen kann wie heute. Auch wenn diese vielen Dies und Das nicht gut für mich sind, werde ich sie augenblicklich tun, genauso wie ich diesen Gedanken jetzt aufschreibe, da ich ihn im nächsten Augenblick vielleicht vergesse.
Obwohl dieses Dies und Das schädlich für mich sind, mag ich gerade sie. Empfindung – mich wahrnehmen im Augenblick – wichtiger als mein Körper – aber der Körper bin ja auch ich? Herr Doktor, ist das so schwer zu verstehen? – ich kann es selbst nicht verstehen. Bei aller Krankheit lebe ich den Moment und was morgen sein wird, können sie mir auch nicht sagen, Herr Doktor. Für den Blasenkatheder bleibt immer noch Zeit.

1.7.2010

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