Der Wanderer


Vorbemerkung

Unsere Absicht besteht nicht darin, durch unseren Bericht eine Wertung, damit ein Urteil über den Wanderer fällen zu wollen.
Der Leser wird uns zustimmen, wenn wir meinen, dass keiner befugt ist, zu richten. (Wer darf sich diese Verantwortung schon anmaßen?)
Vielmehr ist mit dem Versuch getan, dem anderen Verständnis und Vertrauen entgegenzubringen, ihn in seinen Widersprüchen verstehen zu wollen.
Lassen wir das Maß der Dinge, unser Maß, beiseite und hinterfragen seine Beweggründe und setzen diese mit unserem Leben in ein vages Verhältnis. So dürfen wir nur Beobachter sein, die dem Wanderer auf seinem Weg für kurze Zeit folgen werden…
Der Bericht muss unverfälscht weiter gegeben werden, wahrheitsgetreu, ohne übliche Kaschierungen, die so wohl tun. Er hat es verdient, er, der Anfechtbare, der so oft beschuldigt wurde, er selbst zu sein.
Er ist ein Mensch, der sich aufgemacht hat, seinen Weg zu gehen, unauffällig und allein.
Wir hatten die Möglichkeit, er war uns begegnet, doch im Gewühl eines harten Tages – mitten unter uns – blieb er unbemerkt. In dieser Stunde verspielten wir die Chance, mit ihm zu reden.
Nicht mehr bleibt uns, als ihn so lange zu beobachten, bis er uns entschwindet.
Wir befinden uns auf einer turmartigen Konstruktion, die aus neuartigen Werkstoffen errichtet wurde, die alles bisher Gekannte um ein vielfaches überragt, dem Auge jedoch in gewohnten Dimensionen erscheint. Allein dieser Turm – ein Wunderwerk menschlichen Erfindungsreichtums – genügte uns nicht.
Wir können mit Stolz erwähnen, dass es uns durch das Problem „Wanderer“ gelang, einen internationalen Zusammenschluss, nicht nur auf dem Gebiet der Forschung, zu erwirken. So gründete sich die „international-gen-industrie-cooperation“ und selbst das Unvereinbarste fand zusammen und arbeitet im „CIKG“ für das Wohl der Menschheit. Von letzterer Organisation erhielten wir das Unikat eines Gerätes, durch das es möglich ist, uns ständig in der Nähe des Wanderers aufzuhalten, seine Handlungen, seine Gedanken, ja selbst seine Empfindungen zu registrieren.
In Form einer lebendigen Mücke werden wir um ihn kreisen, ohne dass er Verdacht schöpft und so wird er uns vielleicht sein Innerstes offenbaren.
Welche Sensation dieses organische Beobachtungsgerät darstellt, bedarf wohl keiner Ausführung. Wir brauchen Ihre Fantasie nicht zu beanspruchen, alles geschieht für Sie, nur für Ihre perfekte Information!
Für die Schaulustigen, die live dabei sein wollen und sich schon vor der Übertragung direkt unten am Turm eingefunden haben, sind Video-Wände aufgebaut, über die sofort die neuesten Bilder übermittelt werden.
Und noch ein weiterer Leckerbissen für unser Publikum: In jeder Stunde werden in einem Fragespiel Gewinner ermittelt, die zu uns hinauf auf die Plattform dürfen, mit uns vor den Monitoren den Spuren des Wanderers folgen, und damit noch unmittelbarer bei ihm sind.
Zum Schluss wollen wir nicht vergessen, aufrichtig zu sein. Nicht nur die Neugierde hat uns zu diesem Projekt veranlasst, nein, auch etwas Sehnsucht, die immer noch in unserer alten romantischen Brust steckt, die verlangt, mit ihm zu gehen, ihm nachzueilen.
Doch wir haben versäumt, mit ihm zu sprechen. Wir müssen zurückbleiben, nur unsere Träume und natürlich unsere Mücke dürfen ihn begleiten, in das irreale Land seiner Hilflosigkeit.
Danksagung und Trauer

An dieser Stelle möchten wir uns bei Prof. Nostos, Forscher verloren gegangener Sprachen, bedanken, den wir hochbetagt in unserem Land fanden. Er ist der Mann, der als einziger in der Lage war, den Leuten unseres Wanderers Bedeutung und Sinn zu geben. Das Ergebnis war verblüffend, der Bericht aber bereits geschrieben, so dass wir seine Deutung nicht einfließen lassen konnten. Aber es wurde uns ermöglicht, an gegebener Stelle gedichtartige Äußerungen des Wanderers voranzustellen.
Diese Zeilen sind kostbare Beweise seiner Existenz, zugleich lichten sie den umhüllenden Nebelschleier seines Wesens.

Gleichzeitig trauern wir um Professor Nostos.
Er verstarb nur wenige Augenblicke nach der Auswertung der Tondokumente. Die Ergebnisse konnte er leider nicht mehr vollständig und endgültig zu Papier bringen.
Er war, wie bereits erwähnt, sehr alt, doch die Ursachen für seinen Tod blieben bis heute unergründet.
Seit langem waren wir die einzigen und somit auch die letzten, die sein Wissen in Anspruch nahmen. Er lebte allein, weitab vom Getriebe unserer Zeit, scheinbar unbrauchbar geworden. Doch während der Übersetzerarbeit glühte er auf, wie die Glut abgebrannten Holzes bei der Berührung des Windes.
Beschämt gedenken wir seiner, auch für den „Wanderer“, den er zu bereichern half.

Müde mein Körper,
schiebt sich langsam voran,
kennt nicht den Weg,
nicht das Ziel,
vor mir
bis zum Horizont
staubiger Asphalt,
finde den Mut, meine
Schritte zu zählen.

I. Bild – Rast

Am Wegrand eines weitflächigen Waldes entdecken wir den Wanderer sitzend, an einen Buchenstamm gelehnt, im dichten Gras. Etwas müde öffnet er das große, dunkelgrün gefärbte Leinentuch, in dem sein gesamtes Gut verstaut ist; bringt ein schmales Weißbrot hervor und beginnt sein Mittagsmahl.
Nichts deutet auf Hast oder Unruhe. Wir haben mehr das Gefühl, einen ruhigen und freundlichen Menschen zu betrachten.
Während er das Brot bricht, krabbelt eine Ameise auf der Suche nach Nahrung an seinem Bein empor. Der Wanderer reißt einen Grashalm heraus, schiebt ihn unter die verängstigte Waldarbeiterin und bringt die Emse sicher auf die Erde zurück. Einige Krümel Brot und Wurst streut er direkt auf die hochfrequentierte Hauptstraße des unzählbaren Völkchens.
Als sich die Ameisen für sein Brot interessieren, freut sich der Wanderer.
Nach einem erfrischenden Schluck aus der Feldflasche wäre es Zeit, sich ausgestreckt in die Baumwipfel zu träumen.
Unerklärlich sind für uns deshalb die Gründe, weshalb er aufschreckt und sich anschickt aufzubrechen.
Das Tuch, wieder gut verschnürt, wird am Ende des langen Stocks angehangen, diesen auf die Schulter gehoben, geht der Wanderer weiter, tiefer in den Wald hinein.
Woher und wohin

Jedem normalen Menschen drängen sich an dieser Stelle diese Fragen auf. Auch uns, denn wir sind normal.
Auffällig ist nur der Widerspruch zwischen seiner Zufriedenheit und dem eigentümlichen Zwang, nicht lange an einem Ort bleiben zu können. Nur daraus können wir unsere Vermutung schöpfen. Wir wissen, er war unter uns, also müsste er einer von uns sein. Aber er sprach zu den Ameisen und bei dem Lied, das er sang, verstanden wir seine Sprache nicht.
Trotz der Beanspruchung sämtlicher Wörterbücher finden wir keine Verwandtschaft zu uns bekannten Sprachen heraus.
Es sind Laute, die er spricht, deren Bedeutung wir nur unter Vorbehalten durch seine Gestik deuten können.
Woher kommt er wirklich? Wir wissen es nicht – nur dass er dort nicht hingehört haben muss.
Wohin eilt er? Es scheint, er habe ein Ziel, die treibende Unrast, der feste Schritt deuten darauf hin.

Dunkelheit umhüllt
Nutzlose Stunden
Des Tages,
bette meine
Unzufriedenheit
In die weichen
Federn.

II. Bild – Nachtlager

Eine Anhöhe ist erreicht. Felsblöcke geben den nötigen Schutz vor dem Wind. Der Wald ist dort lichter – der richtige Platz für sorgloses Ruhen. Der Wanderer findet Wohlgefallen an dieser Stelle und ist zufrieden. Er sammelt Reisig und entfacht ein kleines Feuer. Er ist müde, legt den Kopf auf die angezogenen Knie, sieht in die Flamme und spricht leise Worte, die wir einfach nicht begreifen.
Der Himmel ist klar. Der alte Mond hängt als Sichel über dem Nachtlager, erhellt die friedliche Stätte. Zwei Sterne stehen dicht über dem Mond.
Der Wanderer sieht ihnen zu. Auch uns kommt es vor, nachdem wir ausreichend lang den beiden Sternen zugeschaut haben, als ob sie in der Sternensprache ein Zwiegespräch miteinander führen und spielend auf der unsichtbaren Schaukel schwerelos durch die Nacht gleiten.

Ich wurde gerufen zu dir,
ich, Kind eines Neubaublocks,
fuhr bis ans Ende
der Stadt, links
vom Tor, in der ersten
Reihe, dein Grab.
Die Menschen neben dir
Kennst du nicht –
Sie schweigen.

III. Bild – Die Stadt

Der Weg durch den Wald hat endlich ein Ende. Wiesen und Felder schließen sich an. Der Wanderer verlangsamt den Schritt bis er auf dem Pfad stehen bleibt, der allmählich breiter und fester wird.
Vor ihm, noch in sicherer Entfernung, liegt ein kleines Städtchen. Marktplatz und Kirche bilden den Mittelpunkt. Gelassen schaut der Wanderer auf die Dächer und Straßen.
Nur kurz presst er die Lippen aufeinander bevor er weiter geht.
Unbemerkt gelangt der Wanderer durch die Hauptstraße zum Marktplatz.
Nur eine Horde junger Leute mit Motorrädern schenkt ihm Aufmerksamkeit. Er will nicht in das vertraute Schema hinein passen. So findet er Spott. Sein eigentümlicher Aufzug bietet genügend Anlass.
Trotzdem freut sich der Wanderer. Ein Lokal liegt auf seinem Weg. Der Schankraum ist leer, noch wird in der Umgebung gearbeitet. Ein kräftiges Essen wird ihm gebracht und als der Teller leer gegessen ist, bezahlt der Wanderer und geht. Die Kellnerin ruft: Auf Wiedersehen.

Friedhofsstille. In schwarzem Marmor Gold gehaltene Grabinschriften. Der Wanderer wischt den Staub von einem Stein. Das Kraut, welches den Tod überwuchert, reißt er heraus. Aus seiner Tasche holt er ein Taschentuch, wickelt es auf, nimmt einen kaum sichtbaren Kieselstein und legt ihn auf den Sockel.
Leise entfernt er sich und verlässt schnell die Stadt.

Waren die Wege, auf denen der Wanderer in die Stadt gelangte, gut gepflastert, prachtvolle Alleen, wahre Verbindungsadern zu anderen Städten, sind die Wege, auf denen der Wanderer jetzt hinaus eilt, dagegen holprig und vernachlässigt. Ja, man könnte meinen, dass hinter dieser Stadt das Leben aufhört. Die Natur bricht durch den rissigen Asphalt. Gras, Büsche und kleine Birken haben sich hindurchgezwängt, und wenn nicht bald die ordnende Hand des Menschen eingreift, wird in wenigen Jahren das Grün das Menschenwerk vernichtet haben. Aber wahrscheinlich sind die Straßen, die auf jener Seite hinaus führen, nicht mehr wichtig oder notwendig.

Aufbruch

Lange haben wir auf der Plattform des Turms ausgeharrt. Etwas ungeduldig schon, denn der Wanderer durchquert noch immer die Wälder. Er ist frischer als wir, die schon müde werden, ihn zu beobachten. Doch getreu unserer Gewohnheit, alles Begonnenen zu Ende zu führen, bleiben wir.
Wir sind es ihm schuldig. Also zwingen wir uns zu seiner ruhe, auch wenn wir für uns die Zeit als vergeudet betrachten.
Kaffee, Musik, die Gewinner der Auslosung bringen Abwechslung.
Der Wanderer hört und sieht uns nicht.
Wieder tiefer Wald. Der Pfad ist unwegsamer geworden. Aber noch ohne Mühe zu begehen. Tageswanderung und Nachtlager lösen einander ab.
Obwohl weit und breit kein Mensch, keine Ansiedlung zu entdecken ist, säubert der Wanderer an diesem Tag seine Kleidung, wäscht das Haar am Bach, macht sich bereit für die Ankunft.
Wir werden uns überraschen lassen, unserem Wanderer können wir vertrauen. Manchmal kommt es uns vor, als kenne er den Weg sehr genau.

IV. Bild –Das Dorf
Welche Dankbarkeit lässt das freundliche Wesen des Wanderers beim Anblick des schlichten Dorfes noch mehr erstrahlen!
Entlang der holprigen Straße ziehen sich flache Wohnhäuser bis zum Hügel, Seitenwege führen auf die Felder. Das Korn steht müde vom Sommer zur Mahd bereit. In den Gärten blühen üppig die Blumen, reifen Tomaten, die Obstbäume tragen die schwere Last ihrer Früchte. Etwas abseits gelegene Höfe scheinen verlassen, ihre Nebengelasse verfallen allmählich.
Doch im Dorf selbst tragen die Mauern frisch gekalkten Putz. Der Wanderer erreicht die ersten Niederlassungen. Kein Mensch begegnet ihm. Nur ein herrenloser Dorfköter schleicht in sicherer Entfernung um den Fremdling. Die Bauern sind mit ihren Familien auf den Feldern bei der Ernte.
Unter einer schattenspendenden Dorflinde macht es sich unser Wanderer auf der Bank bequem, denn nichts ist auszurichten, keiner da, mit dem er sprechen könnte.
Wir freuen uns mit ihm. Fast sind wir sicher, dass er endlich das gefunden hat, was er zu suchen schien. Seine Ruhe, jede Geste deutet Zufriedenheit und hier bin ich zu Hause.
Mit Verwunderung stellen wir während unserer Beobachtung fest, dass wir beim besten Willen weder ein Gemeindehaus, noch eine Kirche entdecken können. Dafür finden wir die Dorfschänke und ein einziges Geschäft. Interessanter dagegen ist ein Gebäude mit mehreren Pavillons, zwanzig Minuten vom Ort entfernt. Strahlende Farben an den Wänden winken uns von dort entgegen
Abend

Die Sonne neigt sich am Horizont, der glühende Ball taucht die ermüdete Landschaft in tiefrotes Licht. Bald wird sie ganz untergegangen sein, und die Nacht wird kommen.
Unser Wanderer sitzt immer noch auf der Bank. Ganz in der Nähe hören wir Stimmen. Wir erkennen sonnengebräunte, derbe Gesichter, kräftige Gestalten, mit Feldwerkzeugen über der Schulter. Eigenartig die Artverwandtschaft ihrer Freundlichkeit mit der unseres Wanderers.
Die Schafe werden zum Stall geführt; Ochsen ziehen beladene Karren. Knaben tragen Harken, ebenso wie ihre Väter und scherzen miteinander. Am Ende des Zuges die Freuen mit Körben unter dem Arm. Sie singen Lieder, vertraute Melodien für die Jungen und Alten. Auch uns ist es, als ob wir sie irgendwann einmal gehört haben, aber die Sprache ist uns fremd.
Am Dorfplatz angekommen, wird der Wanderer bemerkt. Die Gemeinde kommt zum Stehen, umlagert sofort den Wanderer. Man versucht sich zu verständigen, doch die Leute und der Wanderer verstehen einander nicht.

Für uns wird die Situation kompliziert. Wir können nichts mit dem wichtigsten Artikulationsmittel der Sprache anfangen.
War es zunächst nur der Wanderer, kommen nun diese Bewohner hinzu. Wir vermögen leider nur noch mit äußersten Vorbehalten unsere Beobachtungen weiterzugeben.

Der Wanderer gestikuliert die Worte: Schlafen, Essen und Arbeiten. Ein Raunen geht durch die Reihen, dann wir diskutiert, plötzlich gelacht und unserem Wanderer auf die Schulter geklopft. Von jedem wird er begrüßt und dann in ihre Mitte genommen.
Der nun ausgelassene Zug zerstreut sich allmählich, die Familien gehen zu ihren Höfen.
Der Mann, der neben dem Wanderer bleibt, weist auf ein Haus, zeigt auf sich und deutet auf ihn – dort wird er essen und wohnen. Die Frau und die Kinder reihen sich aus und gehen mit durch das Tor. Die beiden Söhne führen das Vieh in den Stall. Die Mutter bringt den Korb frischen Gemüses in die Küche und beginnt mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Die Tochter läuft schnell in den Garten. Der Alte geht mit dem Gast zu den Stallungen und der Scheune, zeigt ihm das ganze Haus. Die Zimmer sind schlicht eingerichtet, auf das Notwendigste beschränkt. Die Küche ist Arbeitsstätte und Aufenthaltsraum zugleich.
Beide haben nach dem Rundgang am großen Tisch Platz genommen. Die Frau kommt hinzu, auch die Söhne haben ihre Arbeit beendet. Die Tochter kommt und trägt einen vollen Strauß Sommerblumen im Arm. Der eine Teil wird in einer Vase auf den Küchentisch gestellt. Dann winkt sie den Wanderer zu sich, nimmt ihn bei der Hand und geht die Treppe hinauf.
Eine Tür wird geöffnet, die Kammer mit Stuhl, Tisch, Schrank und Bett wird sichtbar. Das kleine Fenster zeigt zum Hof, in den Garten, über die Felder bis hin zum Wald in der Ferne.
Schnell läuft das Mädchen wieder hinunter, um sogleich mit Kerzen und einem Krug frischen Wassers zurückzukommen. Sie füllt eine Waschschüssel, schmückt mit den restlichen Blumen den einfachen Raum.
Vergeblich suchen wir teure Reproduktionen von Rubens und van Gogh. Es fehlt die uns vertraute Zimmerdekoration. Nur ein kleines Kreuz ist über der Tür befestigt und auch das rustikale Bauernmobiliar stimmt uns etwa versöhnlich. Wir können unsere Leser beruhigen; nach unserer Entdeckung haben wir sofort Verhandlungen mit der Antiqua-Rustikal GmbH aufgenommen.
Das war einfach unsere Pflicht!
Verständlicherweise möchten wir uns über die befriedigenden Ergebnisse nicht weiter äußern.
Das Mädchen weicht in die Türfassung zurück, prüft den Raum und beobachtet den Wanderer. Als er vollkommen glücklich von dieser überschwänglichen Herzlichkeit auf sie zugeht, senkt sie ihren Kopf und zupft verlegen an den Falten ihres Rockes. Wie soll unser Held seine tiefe Dankbarkeit zeigen, jeder Versuch bleibt in den Anfängen stecken. Hilflos steht er vor ihr, schweigend mit einem grenzenlosen Lächeln, bis das Mädchen ihren Blick in seinen hebt – unbeholfen, aber aus tiefster Seele streichelt ihre Hand über seine Wange. Sofort ist die Tür zugeschlagen, schnell entfernen sich die Schritte auf der Treppe. Immer noch steht der Wanderer errötet vor der verschlossenen Tür, bis er langsam beginnt, sich einzurichten.
Zwischenbericht

In letzter Zeit hat sich viel bei uns auf dem Turm getan. Nicht nur wir interessieren uns für den Wanderer. Ein Kamerateam hat inzwischen Stellung bezogen, die Reporter laufen aufgeregt kreuz und quer.
Sondertelefonleitungen wurden geschaltet. Der Touristenstrom ist nicht mehr überschaubar. Am Fuße des Turms sind riesige Zeltplätze entstanden. Souvenir- und Imbissstände erfreuen den Besucher mit heißen und kalten Getränken – die allgegenwärtige Bockwurst findet reißenden Absatz.
Es riecht nach außergewöhnlichem, Einmaligem, und schon muss man dabei sein!
Sensation – der Hunger unserer Zeit muss gestillt werden.
Die endlose Menschenschlange wartet, um mit dem Lift für fünf Minuten zu uns heraufzufahren, den Wanderer mit eigenen Augen zu verfolgen. Deshalb drängelt und schiebt sich der Haufen ungeduldig nach vorn. Geld wird sogar geboten, damit man einige Meter schneller an sein Ziel vorankommt. Wir wollen ehrlich sein, es ist unser Werk. Wir haben Presse, Radio und Fernsehen informiert, denn wir sind es ihm schuldig. Rehabilitiert soll der Wanderer werden, dafür wollen wir alles tun – koste es was es wolle!
Nacht, wie bist du heut?
Bist dunkler als sonst,
unheimlicher
bringst die Angst,
malst Gespenster,
würgst meine Kehle
treibst Schweiß auf die Stirn,
gibst nicht Kraft
für den neuen Tag, doch
beim ersten zarten Sonnenstrahl
musst du weichen, ist dein böser Zauber besiegt.
V. Bild – Der erste Morgen
Nach den Strapazen der langen Reise hatten wir angenommen, dass sich unser Wanderer für einige Tage die nötige Erholungspause gönnt, lange schläft, sich allmählich eingewöhnt und dann erst beginnt, am täglichen Leben des Dorfes teilzunehmen. Dementgegen springt er, bevor das Haus erwacht, aus dem Bett und läuft hinaus, bis zu der höchsten Erhebung des Landstrichs, dorthin, wo das Dorf sein Ende findet und in dicht bewaldete Hügelketten übergeht, ähnlich denen, die der Wanderer durchstreifte, bis er zu der Ebene, in diese Dorf gelangte.
Der Blick reicht weit bis zum Horizont. Der Weg, der den Wanderer führte, windet sich, von der aufgehenden Sonne erhellt, einsam durch das Land, durch das Dorf, unter ihm vorbei, in andere Wälder und Ebenen, ohne Anfang, ohne Ende.
Sorgevoll, beinah ängstlich hält er Ausschau.
Wonach? Wir möchten meinen, nach gar nichts, denn als er (und auch wir) nichts Außergewöhnliches entdecken, verliert sich die Spannung in seinem Gesicht. Erleichtert steigt er hinab.
Wieder im Zimmer, beginnt er in gemächlicher Sorgfalt die Morgentoilette.
Erwacht ist nun alles. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück, den Vorbereitungen auf die Arbeit. Er ist unter ihnen, sitzt bei den Söhnen, erfreut sich an diesen Menschen, ihrer Art, dem Klang ihrer Sprache, an der Einfachheit ihres Wesens.
Als man sich aufmacht, auf die Felder zu gehen, ist er schon einer von ihnen. Sein endloses Lächeln wird erwidert, nicht nur von dem Mädchen, das an seiner Seite geht.
Hinter
Bunt beklebtem Fensterglas
Arbeitet ihr umnebeltes Hirn,
freundlich lächelnd,
mancher tierisch,
hören alle auf des
Erziehers Wort, der sie lehrt,
Herbstlaub zu harken.

VI. Sonntagskinder

Aufmerksam hat der Wanderer den Bewohnern zugehört, mit auf den Feldern und in den Ställen gearbeitet. Einige der fremden Worte hat er erlernt, denn wir konnten schon viele Gespräche verfolgen, die für uns ohne Ergebnis blieben, wir müssen uns die Blamage eingestehen, nichts, aber auch gar nichts wird uns verständlicher, je länger wir die Sprache bestaunen.
Eines ist uns jedoch gleich, der Rhythmus der Tage, der Wochen, des Monats. Samstag. Ein Ereignis steht bevor. Man ist aufgeregt, ausgelassener als an den übrigen Tagen.
In die Dorfschänke sind Musikanten eingekehrt. Die Wirtsleute bereiten das Lokal zum abendlichen Tanzvergnügen vor. Abends sitzt die Familie mit unserem Wanderer an einem Tisch im Saal. Wein wird getrunken – herber, vollmundiger – die Kapelle spielt auf zur ersten Runde, Tänze, bei denen man sich lustig dreht. Der Trunkenbold mit dem brünetten Gesicht und dem schwarzen Bärtchen tanzt gekonnt mit der Frau eines angesehenen Bauern. Es wird gelacht, mitgesungen und getrunken.
Der Wanderer sieht etwas sehnsüchtig den Tanzpaaren zu. Gern würde auch er es wagen. Da ergreift das Mädchen seine Hand und schiebt ihn mit Mut machenden Worten auf die Tanzfläche. Nachdem er öfter aus dem Takt gesprungen, dreht er sich bald so wie die anderen im Kreis durch den Saal. Was ist das für ein Spaß! Das Publikum lacht den beiden zu, applaudiert und jubelt.
Trinksprüche und Tänze lösen einander ab. Der Abend will nicht zur Ruhe kommen. Doch plötzlich verstummt die Musik. Ein Mann steigt auf die Bühne und hält eine Ansprache. Ein jeder erhebt sich mit dem Glas in der Hand und leert es auf unseren Wanderer.
Der Akkordeonspieler geht durch den Saal, singt am Platz des Wanderers weinschwere Lieder.
Uns bleibt nichts verborgen, zu lange hält sich der Musikant bei dem Mädchen und unserem Wanderer auf. Sollte es am Ende eine banale Liebesgeschichte werden?

Am anderen Morgen schläft noch jeder den Rausch des Vorabends aus. Was treibt unser Wanderer? Wie schon an jedem anderen Morgen steigt er auf die Anhöhe und schaut tief ins Land. Wieder birgt die erste Tagesstunde das gleiche Bild. Sanft schlummernd liegt das Dorf in Wälder und Felder gebettet. Der sandige Weg hält noch immer seinen ahnungslosen Schlaf. Der Wanderer steigt beruhigt hinab.
Als er am Haus eintrifft, erscheint das Mädchen in der Tür und deutet ihm, er solle ihr folgen.
Sie nähern sich dem großen Gebäude, das uns schon bei der Ankunft auffiel. Unterwegs treffen sie noch andere Frühaufsteher, deren Ziel ebenfalls das Haus sein muss. Ja, wir stellen fest, aus jeder Familie des Ortes ist ein Angehöriger unterwegs.
Kinder spielen vor der Tür. Als sie die Ankömmlinge bemerken, läuft ein jedes zielsicher zu seinem Besuch. Herzlich ist die Begrüßung, die Kinder werden umarmt, man drückt sich ans Herz. Kurz vor dem Aufbruch werden einige Worte mit den Erziehern gewechselt, dann geht es mit den Kindern zurück.
Was sind das für Kinder? Bei uns würden wir sagen, schulbildungsunfähige aber förderungsfähige Kinder.
Zwischen dem Mädchen und dem Wanderer schlendert ein Junge, der unseren Freund gleich in sein Herz geschlossen hat. Er erkennt ihn an seinem Lächeln.
Im Haus empfängt die ganze Familie den sonntagsgast, der schon zu ihnen gehört. Der Tisch ist gedeckt. Der Kleine steht im Mittelpunkt, einen langen Tag. Am Abend wird er wie die anderen auch zum großen Gebäude gebracht. Unsere Familie nutzt diesen Weg als Spaziergang, dabei unterhält man sich mit dem Nachbarn.
stampf wütend
meinen Weg
durch die endlose Wüste,
suche nach dem
ersten zarten Grün,
fänd ich nur einen Halm,
so würd ich Gärtner werden.
VII. Letzte Rast

Leider konnten wir nicht ausführlicher über jedes Geschehnis berichten, zu groß ist auf und unter dem Turm das Gedränge, treffender gesagt, das Durcheinander und Geschrei. Viele sind enttäuscht wieder abgereist, doch noch mehr sind hinzugekommen. Auch wir bedauern, das nichts Atemberaubendes oder Skandalumwittertes passiert ist. Uns trifft keine Schuld. Wir hatten niemandem zuviel versprochen.
Also was sollen die Vorwürfe und die deplatzierte Ungeduld.

Ein Tag gleicht dem anderen. Wenn noch alles schläft, steigt der Wanderer auf den Hügel, danach geht es auf die Felder. Dem Wanderer schein das zu genügen. Im Gegensatz zu uns amüsiert er sich prächtig.
Eines Abends nimmt ihn der Hausherr beiseite und geht mit ihm zu einem der verlassenen Höfe. Dieses Anwesen soll ihm gehören, ein Geschenk der Gemeinde. Bei den notwendigen Reparaturen werden ihn alle unterstützen. Das entnehmen wir dem Gespräch. Was soll der Wanderer sagen? Worte des Dankes vermögen es nicht, seine Freude auszudrücken. Er weint und umarmt den Alten. Im Kreis der Familie wird der neue Einwohner gefeiert. Pläne werden geschmiedet, und ab und zu treffen sich die verborgenen Blicke des Mädchens und unseres Freundes.
Am darauffolgenden Morgen steigt der Wanderer wie gewohnt auf den Hügel. Ruhelos schweift sein Blick über das Land.
Was ist das in der Ferne, dort, wo er herkam? Noch gut eine Tagreise entfernt, nähert sich auf breiter Front unheilvoll eine düstere, staubige Wolke, wälzt sich allmählich auf dem Weg dem Dorf entgegen.
Traurig aber nicht überrascht, steigt er wieder hinab, geht zurück in seine Kammer, schnürt sein Reisebündel, hängt es an den Stab, nimmt ihn über die Schulter und geht gebeugt aus dem Dorf hinaus, der beängstigenden Botschaft entgegen.
Wieder streift er durch die Wälder. Ein gutes Stück vom Dorf entfernt, lässt sich der Wanderer auf einer Lichtung nieder, lehnt sich an einen buchenstamm, ist wie immer ruhig, nur das uns vertraute Lächeln vermissen wir. In Gedanken versunken, beobachtet der Wanderer an diesem heißen Tag die herumirrenden Mücken.
Vom Weg her wird der Wanderer aus seiner Betrachtung gerissen. Das Mädchen steht unten, gerüstet für die Wanderschaft, und wartet auf ihn. Freude kehrt in seine Augen zurück. Schnell läuft er zu ihr.
Sie lächeln einander an und kehren uns, Hand in Hand den Rücken.

Nachtrag

Übertragungskabel werden zusammen gerollt, die Technik in die LKW verstaut. Aus der Zeltstadt ist ein verlassenes Schlachtfeld geworden. Gefällte Bäume liegen nutzlos zwischen Abfall, demontierten Baracken und umgeworfenen Mülltonnen.
Der Imbissverkäufer zählt seine Einnahmen. Und schon fahren die letzten Autos mit Vollgas davon.
Still und erschreckend leer ist es in uns. Der Wanderer ist uns für immer enteilt. Der Bericht ist geschrieben, damit das Zeugnis seiner Existenz abgelegt. Unsere Pflicht ist damit erfüllt.
Nichts Außergewöhnliches war geschehen, über das man noch lange reden wird. Ohne das wir es wollten, hat sich damit der letzte Wunsch des Wanderers erfüllt.
Wir wollen uns beim Leser entschuldigen für die vielen verschwendeten Zeilen und die vergeudete kostbare Zeit.
Wieder und wieder müssen wir in die Richtung sehen, wo uns der Wanderer den Rücken zuwandte. Es hilft nichts, er kommt nicht zurück. Wie festgewurzelt stehen wir, die Verfasser dieses Berichts, noch immer auf der Plattform des Turms und können uns nicht entschließen, zu gehen.

Der Wanderer ist der erste von uns auf dem Turm, der die Beherrschung wieder gewinnt und zu uns sagt: Kommt, lasst uns in die Stadt gehen und nachsehen, was zu machen ist.

Ende

1980




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