Endzeit DDR

Endzeit DDR
sterbebegleitende Texte 1980 bis 1989

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Die Prosatexte, Gedichte und Miniaturen spiegeln die gefühlte DDR in den 1980er Jahren und erheben nicht den Anspruch, die Stimmungen innerhalb der gesamten Gesellschaft wiederzugeben. Unlust und Unmut, Ratlosigkeit und Resignation schwingen in den Texten genauso mit wie Verzweiflung und Einsamkeit, die Sehnsucht nach Liebe. Wer aufmerksam liest, wird die Wandlung eines unbedarften Beobachters zu einem Menschen bemerken, der sich klar von dem Land DDR verabschiedet. In ihrer existenziellen Art sind die Texte zeitlos, eben nur in einer speziellen Situation geschrieben. Sie sind Dokumente einer Selbstfindung, des Erwachen eines jungen Mannes, unmittelbar und aufrichtig… beinahe unpolitisch.

Wirklich nicht alles ist so
So ist nicht alles wirklich
Nicht alles ist wirklich so
Ist so nicht alles wirklich
ein Kieselstein wollte nicht mehr Kiesel sein und wusch sich rein
Und machte sich rar und ward nicht mehr da
Ende vom Lied
Kiesel betrübt
Und ich bin nun müd

Die letzten Tage

Gründonnerstag. Kaum etwas deutete auf Leben. Der Tod schrie durch die Mäntel und Lederjacken. Warenhaus. Selbst die unterschiedlichsten Parfüme vermochten nicht den Geruch von Fäulnis gänzlich zu vertreiben, weder die frischen Frisuren noch das Make Up, das Starre der Totenmasken zu retuschieren. Nur die unbeschwerte Einfachheit der Kinder linderte etwas die aussichtslose Ignoranz ihrer Bewacher. Die Lust am Entdecken wurde rechtzeitig mit der sprechenden Puppe oder dem ferngesteuerten T54 gelähmt. Ausschau haltend nach der Sättigung leerer Bedürfnisse, hastete die Mehrheit ner-vös, gereizt und rücksichtslos aneinander vorbei.
Die Lautsprecher verkündeten wohldosierte verführe-rische Angebote der einzelnen Verkaufsabteilungen. „Osterzeit – erfreuen sie ihre Partnerin mit Erzeugnissen aus dem Hause Florena … Sommerzeit – luftige Blusen und Kleider in der zweiten Etage“.
Ich war mittendrin, auf der Suche nach einem Geschenk für Kerstin. Mein Kopf dröhnte, kreischte, schrie, schüttelte Arme und Beine. In den Regalen aufgehäufter, zur Schau gestellter Wohlstand – für mich war nichts dabei. Am Ausgang verkaufte ein Mann für 4,50 Mark Tulpen ohne preisfördernde Orchideen. Ich kaufte einen Strauß und fuhr mit der nächsten S-Bahn nach Hause.
Hagelkörner schlugen auf das Fensterbrett. Ich schaltete sämtliche Lampen ein, drehte im Bad den Wasserhahn auf und kühlte das Gesicht.
Kerstin wollte ihre Wohnung in Ordnung bringen und erst am Abend zu mir kommen. Rotwein lag im Kühl-schrank und die Tulpen standen im Wasser. Früher Abend. Die Zigaretten waren aufgeraucht. Ich lief zu dem kleinen Café, kaufte eine Packung „Juwel“, kleine rote Augen verfolgten meinen Weg zur Tür. Draußen riss ich das Silberpapier auf und zündete mir eine Zigarette an.
Sporadisch vorbeifahrende Autos, sonst Dunkelheit.
Am Haus einer alten Schulkameradin machte ich Halt. Kerzenlicht, sie war zu Haus. Wir redeten über damals, ihre Diplomarbeit, Musik, Karl Marx, Erich Honecker, über Leonhard, ihren Sohn.
Wieder vor meiner Wohnungstür, fand ich einen Zettel! „Es ist nicht das erste Mal in der letzten Zeit, kein Zettel wo du bist, wann du kommst. Ich bin in meiner Woh-nung. Du brauchst nicht mehr zu kommen. Ich bin morgen Mittag bei Dir.“ Es war halb Zwölf abends. Ich hatte mich um anderthalb Stunden verspätet. Im Bett rauchte ich eine Zigarette, schlief mit einem bleiernen Kopf ein.
Karfreitag. Jesus sprach: „Vergib ihnen: denn sie wissen nicht was sie tun! Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand und sah zu.“ (Lukas 23)
In der Nacht hatte es geregnet. Das Frühstück bestand aus Kaffee und belegten Broten. Danach räumte ich die Küche auf und wusch Wäsche. Kerstin kam. Ich fragte wie es ihr geht. Sie antwortete „gut“. Ich ging in das Bad und spülte die Wäsche. Als ich zurückkam, lagen Naschereien im Ostergras unter den Tulpen, ein Blatt Papier und der Ring lagen daneben. Ich setzte mich auf das Sofa, besah den Tisch, sah aus dem Fenster, nahm eine Zigarette, zündete sie an und nahm ihre Zeilen. „Ich glaube wir haben uns beide geirrt. Wir kennen uns nicht, wir sind uns fremd. Ich dachte, Du hättest einige Worte zum gestrigen Abend zu sagen, aber nichts. Du gehst darüber hinweg…“
Ich ging wieder in das Bad, füllte die Trommel der Waschmaschine mit Bettwäsche, schaltete auf „waschen“ und wartete auf Montag.
1980

Kinobesuch

Du – das Obskure Objekt –
Ich saß in der letzten Vorstellung
In Texas und griff mit beiden Händen
In das verlorene Leben

die kleine Stadt
der Wüstenwind
blies ewig den Sand
durch die Kleinstadtstraße
die Tür fiel ins Schloss
und der Sohn des Löwen
lag tot auf der Straße

jedes Beginnen war sinnlos
denn
die Straße kam irgendwoher
und
führte irgendwohin

die Tür fiel ins Schloss
Hot Dog und Pepper-Limonade
In der Stiefelsohle das Loch
Der Wüstenwind blies

So fand ich nicht den Unterschied,
sah Theo und Nastasya,
die erotische Unterlippe der Spanierin
der Strudel zog mich herab – auf dem Grund
lagst du.

Wenn mich der Mann mit dem Kornsack
Auf dem Rücken fragt, was mit mir ist,
würde ich sagen: ich hatte nur einen schlechten Tag.
18.12.1980

Zwei Netze Kohlen

Der Ofen ist kalt. Die Wohnung ist kalt. Draußen ist es kalt.
Zwei private Kohlenhändler teilen sich das Wohnviertel. Der eine ist laufend besoffen. Sein Zustand färbte auf die Träger ab. Als ich ihm das sagte, warf er mich von seinem Grundstück.
Der andere ist zwar höflich, liefert aber unzuverlässig.
“Keine Kapazitäten, keine Kapazitäten”, jammerte er, “in diesem Monat wird’s nichts mehr”. Aber zwei Zentner Halbe könnte ich bekommen, „mußte se dir aber selber abholen”, war die Bedingung.
Ich zog den Karren. Nach zwei Tagen waren zwei Zentner Kohlenstaub verheizt.
Und morgen ist Heilig Abend. Zur Bescherung sollte es wenigsten warm sein. Ansonsten könnte ich gleich nach Grünau fahren und die Kerzen auf eine Kiefer stecken und “Stille Nacht, Heilige Nacht” singen.
Still wäre der Abend aber nicht heilig.
Drei Häuser weiter, vor dem öffentlichen Gebäude, liegt ein verführerischer Briketthaufen. Draußen ist es dunkel. Mit zwei dehnbaren Netzen in der Hand spaziere ich die Straße entlang. Kein Mensch weit und breit. Sofort liegen vier bis fünf Kohlen im Netz. Ein kurzer Blick, alles ruhig. Weiter, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, das erste ist voll.
Immer noch alles still.
Beim zweiten hat sich die Angst gelegt. Nur ganze Kohlen, denk ich, die heizen besser. Mutig singe ich, „Kohlen klaun, Kohlen klaun ist wunderschön. Keiner kommt um mich zu störn.“
Irrtum! Hinter meinem Rücken nähern sich im Schnee knirschende Schritte. Zum Weglaufen ist es zu spät. Chancenlos halte ich den Atem an. Stiefel, ein grüner Mantel, auf den Schultern jeweils ein silberner Stern, auf dem Kopf die Schirmmütze, geht ein Mann müden Blickes an mir vorüber, ohne mich zu beachten.
Es ist Nacht, die Fenster sind geschlossen, die Straßen sind leer. Nur er und ich sind unterwegs. Er mit der Aktentasche, meine Hand hält erschrocken das Brikett. Morgen ist Weihnachten.
1981

Ein ganz normaler Tag

Ein ganz normaler Tag.
Nichts war zu tun. Die erdrosselten Sehnsüchte erwachen durch das Klingeln des Weckers.
Die fragwürdige Hoffnung ermöglicht die Nahrungsaufnahme.
Nichts ist zu tun. Nur das Umschaufeln des Sandbergs von der einen Seite zur anderen, ein lebenslang.

Wenn du deinen Schatz nicht rufen kannst, dann Schrei!
Bist du erstickst, denn niemand hört dir zu.
Schallisoliert.
Und somit bleibt nur die Beobachtung des Vogelflugs, das Graben des Maulwurfs, die Falschheit der Schlange, die List des Fuchses und die Freude am Menschsein, vorerst und das Schulterklopfen der Humanpsychophaten – es wird schon, geben Sie sich Mühe! Im Leben gibt es immer Träume, die sich nicht erfüllen.
Es ist egal. Wichtig bleibt nur diese Handvoll Leben, die zwischen den Fingern zerinnt – wie Sand.
Es steigt die Sehnsucht nach der Zärtlichkeit des Stacheldrahts.
30.07.85

Ein geschlossenes System (aus: Theater – Provinz – Theater)

Zwei Schweriner Schauspielerinnen setzen mit einem Freund, der eine Videokamera besitzt, „Mercedes“ von Thomas Brasch filmisch um. Sie rechnen mit der Spontaneität des Taxifahrers, der Zeitungsverkäuferin, des Schaffners – Wohlwollen wird ihnen entgegengebracht. Auf ihre Filmkassette verirrt sich die obere Etage eines Hauses unter vielen. Deshalb Verhöre, das Einziehen der beiden bereits bespielten Kassetten. Tage im Ungewissen. Erneut eine Vorladung. Einzeln wird ihnen mitgeteilt, dass den Behörden durchaus nicht der künstlerische Wert des Films verborgen geblieben ist, doch leider mussten Sie aus Sicherheitsgründen die Kassetten löschen. Wochenlange Arbeit für drei Sekunden umsonst.
Wenige Wochen später geht das Schweriner Theater auf Reisen. Voraussichtlich das letzte Mal, mit Hawemanns „Selbstmörder“-Inszenierung, nach Duisburg. Nachdem der Oberspielleiter Schroth an das Berliner Ensemble wechselte, mehrere Schauspieler mitnahm, befindet sich das Theater in einem desolaten Zustand. Nach Jahren bemerkenswerter Arbeiten droht dem Haus die Provinzialität. Beim Gastspiel sind auch die beiden Schauspielerinnen dabei. Mit ihren gemachten Erfahrungen und der drohenden Einförmigkeit entschließen sie sich, nicht in den Bus zurück nach Schwerin einzusteigen.
1989

Sie haben das Ende der kostenlosen Leseprobe erreicht. Ich bitte um Verständnis, dass ich das Buch nicht kostenlos frei gebe, frei geben kann, denn darin steckte einige Arbeit. Danke.

Inhaltsverzeichnis
Betonwelt – Kleine Hamburger 2 6
Die letzten Tage 14
Nachtangst 17
Schattenspiele 18
M/L 19
Versuche über Nasthasia 20
Kinobesuch 21
Der Wanderer 23
Kindheit – 1. Mai 45
Erinnerung an L. 47
Großvaters Grab 48
Zwischen siebzehn und achtzehn Uhr 49
Zwei Netze Kohlen 51
Bericht über meinen fiktiven Tod 53
Intensivstation 58
Angst 60
Weiße Blätter 61
Live (Ein Volksstück nach Tatsachen) 70
Was Besseres – Jochen 74
Wie ich ein ordentlicher Mensch wurde 82
Herbstregen 86
Bekenntnisse 88
Annaberg 89
Fotografie eines jungen Mannes 91
Gegenwärtig für Elke 93
Sein ist besser als Nichtsein 94
niemand geht hinter mir 95
Das Unmögliche 96
schwerelos 97
Der Versuch wegzulaufen 98
Ekel 103
Aufenthalt 106
Erster Brief 107
Läuterung 109
Des Rätsels Lösung? Wo? Wie? 110
Jutta 111
unberührt 112
Besucher 113
Der letzte Fremde 115
Kristina 127
Du bist gekommen 131
Alltag Berlin-Ost 132
Es ist Liebe 134
Sterne 135
Ein ganz normaler Tag 136
Die Zeit der lästigen Fliege 137
Sitzen, warten 137
Vogelflug 138
Der gelähmte Schrei 139
Ein Song über L.A., 140
Selbstmörder 141
Deine Augen, keine Sterne 142
Der Pflicht gehorchen 144
Spontantourist 145
Weingläser 152
Nachsaison auf Hiddensee 153
Wie viele Schritte noch 180
Zu früh geboren 181
Theater – Provinz – Theater 182
Brecht vor dem BE 205

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Paperback 12,90 EUR inkl. MwSt.
e-Book 2,99 EUR inkl. MwSt.
Seitenanzahl: 212
ISBN: 978-3-7345-0444-0
Erscheinungsdatum: 03.02.2016
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Titelfoto: Karin Thau
ISBN: 978-3-7345-0444-0 (Paperback)
ISBN: 978-3-7345-0742-7 (e-Book)
Printed in Germany
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© 2016 Thomas Worch

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