Internes


Frisch geschieden, noch Student, depressiv und mit 200 Mark Stipendium in der Tasche, musste ich mir zusätzlich Geld verdienen. Richtige Lust hatte ich keine, doch die Miete, die Stromrechnung, die Miete aus dem letzuten Jahr und die Energierechnung aus dem letzten Jahr saßen mir ständig im Nacken. Brot und Butter mussten auch sein. Der einzige Luxus, den ich mir leistete, waren Zigaretten. Und selbst dieses Vergnügen wurde mir von meinen Kommilitonen in etlichen Aussprachen vorgehalten.
Da ich trotzdem ein ordentlicher Mensch war, durfte ich als Nachtpförtner arbeiten gehen. Die Nächte mit einem Betriebspolizisten waren nicht sehr erbaulich. Bis auf das Übernahme- und Übergabeprotokoll gab es nichts zu tun. Die dreißig Mark pro Schicht erarbeitete ich mir hauptsächlich, in dem ich mir das Seelenleben von Polizisten anhören musste. Und dafür waren dreißig Mark mehr als gerechtfertigt!
Nebenbei hatte ich noch die Möglichlichkeit, mich auf den nächsten Unterricht vorzubereiten. Die Thematik des Studiums ging hart an mir vorbei. Ich war am überlegen, ob ich nicht dem grausamen Spiel ein Ende machen sollte – nicht mir, dazu fand ich doch mein Leben zu wertvoll, aber der Außenwirtschaft. Mir fehlte einfach das Vorstellungsvermögen, eines Tages in einem Außenhandelsbetrieb hinter einem Schreibtisch sitzend, Menschen anzulächeln, die ich nicht mag. Außerdem bewegten mich Fragen, für die dort keiner Verständnis hatte. Schon im Seminar sprachen sie eine andere Sprache als ich.
Kurz vor Jahresende war ich wieder auf dem Weg zu meiner Nachtbeschäftigung. Mit Karl Marx, belegten Broten und Papier zum Schreiben in der Plastetüte trotte ich, recht mutlos, die Friedrichstraße in Richtung Ministerium.
An der Tür des Diensteingangs musste ich läuten, sofort öffnete mir mein kumpelhaft griendender Grüner mit ein Paar Silberstreifen am Ärmel.
„Tach, was los heute Abend?“, fragte ich.
„ne, ne, alles ruhig, keine Vorkommnisse“, erhielt ich wie üblich zur Antwort. „Auf dem ersten Programm läuft ein starker Film um halb elf.“
Auf welchem ersten Programm verkniff ich mir lieber zu fragen: denn es gab ja nur eins in Diensträumen und er war übereifrig und sparte auf ein Auto und ich studierte Außenwirtschaft.
Ich legte meine Sachen ab und mußte ersteinmal auf Klo. Es befand sich auf dem Wirtschaftsgang in der ersten Etage. An der Foyertür blieb ich stehen und las verwundert:
„Allen unseren Mitarbeitern
wünschen wir einen guten Jahreswechsel
und viel Erfolg und Gesundheit
im Jahr des X. Parteitages 1981.
Als bewusster Student wusste ich, das im April der Parteitag stattfindet, aber dass diese Woche gleich zum Gedenkjahr proklamiert wurde, wusste ich noch nicht.
Nachdem ich mir aus der anderen Kabine Klopapier organisiert hatte, erledigte ich mein Geschäft, auf meiner Lieblingsbrille sitzend. Dabei fiel mir ein, dass wir im Unterricht über die UNO gesprochen hatten, ihre einzelnen Organisationen, Sinn und Zweck. Wir erfuhren auch, das die UNO aus jedem Jahr ein Gedenkjahr macht. Das Jahr des Kindes, des Alten, des Unterernährten… Völlig im unklaren, ob die UNO nun ein Jahr des Parteitags veranstaltet oder nicht, spülte ich meine flotte Leistung unter die Stadt, ging wieder in die Pförtnerloge und schaute den „starken Film“ an.

Zu meinen ungeklärten Klogedanken erhielt ich erst Ende Januar die Antwort.
Ich hatte mich noch nicht endgültig entscheiden können, das Studium an den Nagel zu hängen, glänzte aber schon des öfteren durch Abwesenheit. Schlenderte vormittags leicht fröstelnd und darüber grübelnd, ob ich nun oder ich nicht…, durch die Stadt.
Ein Mann mit einem weißen Stock in der Hand stand ziemlich hilflos am Straßenrand. Ich griff unter seinen Arm und brachte den Blinden auf den gegenüberliegenden Bürgersteig. Freundlich bedankte er sich und meinte bekümmert: “Wissen Sie, junger Mann, nun haben wir das Jahr des Geschädigten, es wird so viel über uns erzählt, doch gemacht hat noch keiner etwas.“

1980




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