Betonwelt, Kleine Hamburger 2


Die Welt war in Ordnung. Ich stand auf dem Balkon im 12. Stock des großen Wohnhauses, in unmittelbarer Nähe zum Fernsehturm, das in der Spandauer Strasse gerade neu errichtet war wie das ganze blitzsaubere Zentrum dieser Stadt. Ich schaute über die Streckenführung der S-Bahn, die wie eine Stadtmauer, meine Welt umschloss. Sie trennte meine helle und weite Betonwelt fein säuberlich von dem grauen Häusermeer dahinter. Mit 16 spielte meine Fantasie verrückt. In ihr hätte alles Alte Neubauten weichen sollen. Das Alte hatte keine Chance! Nur den grünlich schimmernden Kirchturm der Sophienstraße wollte ich, in entsprechender Umrahmung natürlich, in seiner alten Existenz belassen. Bäume, wohl dosiert, sollten auch sein, doch ansonsten nur geradlinige Strassen, viel Glas und Beton und möglichst hoch sollte alles werden.
Meine Jugend erlebte ich im schönen Teil der Stadt. Zwischen Wohnhaus, dem Café „Tutti Frutti“, der Schule in der Rochstraße, der neuen Markthalle, dem Warenhaus am Alex, der Einkaufspassagen in der Rathausstrasse – das gehörte alles zu meiner Welt; zentralbeheizt war diese und natürlich aus Beton.
Nur selten überkam mich jene Neugierde, die einen veranlasst, sein Umfeld weiter als nötig zu erforschen. Gelegentlich schickte mich meine Mutter auf die andere Seite zum Hackeschen Markt oder in die Oranienburger Straße Feindesgebiete zum Einkaufen. Das war Feindgebiet und ich durchschritt nur mit Widerwillen mein Stadttor, das gleichzeitig den Ein- und Durchgang des S-Bahn Marx-Engelsplatz darstellt. Ich beeilte mich und passte nur auf, dass ich nicht in Hundedreck trat oder einem Besoffenen in die Quere kam. Denn ich befand mich im Getto der Köter und Asozialen, die den Sprung in die neue Zeit verschlafen hatten. Damit verloren sie für mich jede Art von Existenzberechtigung. Heil nach Hause gekommen, stieg ich wieder auf den Balkon und beendete mein Planspiel mit der totalen Vernichtung der Barbaren, denen ich soeben gerade noch entkommen war.

In den nachfolgenden Jahren ließen meine grandiosen Balkonbetrachtungen allmählich nach. Ich verlor das Interesse daran und hatte einen Frieden ausgehandelt, der mich diesen fremden teil der Stadt akzeptieren ließ. Aber noch eine andere Tatsache nötigte mich, ab meiner vollendeten Pubertät, eine gewisse Anpassung vorzunehmen. Die wichtigste Frage blieb beim Kennenlernen eines Mädchens in den wenigen Diskotheken, die es in der Stadt gab, war, wo sie wohnt und nach dem Beruf ihrer Eltern, doch ich fand, dass die Mädchen von dort einfach hübscher waren. Außerdem wurde aus einer Ahnung die Feststellung, dass ich wahrscheinlich zu einer verschwindenden Minderheit gehören musste, die, obwohl ich auf der Seite der Guten stand, bei den meisten unbeliebt war oder zumindest Misstrauen erweckte.
Meine Mutter charakterisierte den Geschmack ihres Jungen als einen Drang nach Unten, für mich war es eher eine Frage des biologischen Gleichgewichts. Außerdem hatte ich die Stimme meines Lehrers im Ohr, die mir und meiner Klasse, die Gleichheit unserer neuen Gesellschaftsordnung verkündete. Ich konnte mich als Avantgarde der neuen Sache fühlen und hatte somit alle Argumente gegen meine Mutter auf meiner Seite.

Die Gleichheit aller bekam ich Anfang Zwanzig unverhofft um die Ohren geschlagen. Im Wohnungsamt saßen die aus dem anderen Teil auf der anderen Seite und hatten sich ihre kleine Macht erobert. An dieser Stelle versagte die beste Position und ganz schnell wurde mir klar gemacht was ich sei, nämlich ein Antragsteller. Doch zumindest unserer Macht erzielten wir zumindest einen kleinen Erfolg, eine kleine Wohnung für mich, mittendrin im üblen Dreh,, Ecke Wilhelm-Pieck- Straße, Kleine Hamburger Straße , dort wo in der Linienstrasse früher die Nutten und Ganoven zu Hause waren. Meine Mutter tröstete mich, ich solle nicht den Mut verlieren, fleißig studieren, mich engagieren, den Rest machen sie schon. Die anschließende Wohnungsbesichtigung verlief derart frustrierend für meine Eltern, dass ich sie nur einmal in drei Jahren in meinem Reich begrüßen konnte. Wir schauten aus der Hinterhofwohnung auf die bröckelnden Fassaden der Brandmauer eines anderen Hauses. Ich stand am Wohnzimmerfenster und sah ihre betretene Mine, die gerade über Eck am Küchenfenster stand. Doch meine Wohnung hatte einen Raum für ein Bad mit Oberlichtern über der Tür und war recht weitläufig. Sie vermittelte etwas von Freizügigkeit und eine Ahnung von einer anderen Lebenskultur, die ich bisher kannte. Meine Fantasie spielte wieder verrückt; denn hinter einem Verschlag in der Küche befand sich ein zweiter, später noch nützlicher Ausgang zur Treppe des Seitenflügels. Entgegen meiner Erwartungen verliebte ich mich nach dem ersten Schock sofort in diese Räume, obwohl mir klar war, dass ich den ganzen Tag das Licht brennen lassen musste.

Ich muss wahnsinnig gewesen sein. Sofort packte ich meinen Kran in der elterlichen Wohnung zusammen, nahm ohne Schmerz vom Jugendzimmer Abschied und mein letzter Gedanke muss der gewesen sein, dass ich etwas langweiliges, geschmackloses verlasse. Das Neue verhieß Spannung, experimentieren mit sich selbst, Bewegung. Ich zog mit den Überresten meines vergangenen Lebens in das kleinere Zimmer und begann mit dem Ausbau meiner Wohnung. Nichts funktionierte! Das Bad und die gesamte Elektrik mussten neu Installiert werden, von den Wänden rieselte der Putz, die Fenster schlossen nicht – ich war naiv, denn wie sollte ich wissen, dass sich die zuständige Behörde einen Dreck um diese Wohnungen scherte , das kein Material vorhanden war und die Handwerker keine Lust hatten. Nur einmal tauchte ein Maurer auf. Betrunken torkelte er von Wand zu Wand, klopfte hier und klopfte da und lallte, „das fällt sowieso alles bald zusammen, völlig sinnlos anzufangen.“ Daraufhin verschwand er wieder und kam nie wieder.
Am Anfang fand ich das lustig, die Verzweiflung und Wut kam erst viel später. Ich handwerkelte so gut es ging, lief mir die Fußsohlen nach den Sanitäranlagen ab, bestach den Klempner und kam so einigermaßen gut voran.
Obwohl ich mir wie Hans im Glück vorkam, konnte ich nicht übersehen, dass ich ganz alleine da stand. Mit der Arbeit in meinem Grundberuf hatte ich im Juni aufgehört, um im Herbst das alles verheißende Studium zu beginnen. Die vermeintlichen Freunde aus der Berufsschulzeit blieben zurück, darüber war ich nicht traurig, nur irgend etwas fehlte. Diesem Neubeginn fehlte eine feine Würze. Allmählich nervte mich der Schutthaufen im Wohnzimmer und die abgeweichten Tapetenreste, dieser ganze Baukram so sehr, dass ich beschloss, eine Woche auszuspannen. Ich lief auf dem kürzesten weg zurück in mein vertrautes Reich, geradewegs tapste ich ganz gegen meine Gewohnheit in die Disko im Haus des Lehrers am Alexanderplatz. Ich wurde unsicher. Dieser Rummel war mir nicht mehr vertraut.Ich muss ergänzen, diese Chiki Micii – Diskothek, gehörte bis dahin nicht unbedingt zu meinem Erlebnisfeld. Mir zitterten die Knie. Der ganze Glimmer, die Selbstsicherheit der Typen, diese coolness, die aufgemotzten Frauen, all das entsetzte und faszinierte mich zugleich. Ich wußte nicht wohin mit meinen Händen und als ich das Gefühl hatte, restlos einzubrechen, rettete ich mich an die Bar. dort hielt ich mich an einem Glas Gin Tonic fest. Eine verruchte Frauenstimme sprach mich an und hauchte: „Würden Sie mir bitte Feuer geben!“. Nervös reichte ich ihr das brennende Streichholz. Ich sah ihr in die Augen. Grün waren sie und eiskalt., nur bei ihrem „Danke“ schaute sie mich kurz und ohne weitere Regung an. Anschließend bekam ich nur noch ihr Profil zu sehen. Wie sie den Zigarettenrauch genussvoll inhalierte, ihn gleichmäßig durch ihre vollen Lippen wieder ausspie, diese gelangweilte Haltung, so als wolle sie sagen, „wie seit ihr mir alle doch egal“, und ihr Körper, umschmiegt von einem engen schwarzen Seidenkleid, ihr schwungvollen Beine, diese schmalen Fesseln, die in den eleganten schwarzen Absatzschuhen verschwanden, diese Frau war mehr als ein Weltwunder für mich. Und diese Frau hatte mich um Feuer gebeten! Ich war mit den Gepflogenheiten nicht vertraut und rätselte deshalb, ob es vielleicht von ihr eine Aufforderung war. Ja, es musste eine gewesen sein, denn ich kam zu dem Schluss, das solch eine dumme Frage nur eine Aufforderung gewesen sein musste, zumindest hatte ich solch eine Szene in einem Film so verstanden. Nach einem zweiten Glas gab ich mir einen Ruck, nahm meinen ganzen Restmut zusammen und fragte sie, was sie hier macht. Dafür hätte ich mich gleich selbst ohrfeigen können. Ich wollte gerade in den Erdboden versinken als sie mir erstaunlicherweise eine Antwort gab. Aggressiv fauchte sie, „ich amüsiere mich!“ Sofort war mein Eis gebrochen und ich ging zum Angriff über. Es erschien mir als meine Pflicht, ihr eine Moralpredigt über den Sinn des Lebens zu erteilen und wie verwerflich es demnach sei zu behaupten, sich hier amüsieren zu können. Jedenfalls wich ihr mit meinem Gequatsche nicht mehr von der Seite, auch als sie einer der Machos anquatschte, mischte mich in das Gespräch und glaubte sie aus seinen Klauen befreien zu müssen. Deshalb tanzte ich mit ihr, musste ihr allerdings dabei klar machen, dass ich nicht, wie es hier üblich schien, sie danach an die Bar zu einem Cocktail einzuladen.
Sie musste einen sehr schlechten Tag erwischt haben, dass sie mich derart ertrug. Ihr Name war Kerstin. Ich begleitete sie noch bis zur S-Bahn. Beim Abschied stand ich erneut wie ein Idiot herum und wusste nicht wie ich sie nach einem Wiedersehen fragen sollte. als es endlich heraus war, lächelte sie zum ersten Mal und sagte ja.

Der Heimweg durch die finsteren Gassen ähnelte dem Trainingspensum eines Sportlers. Ich rannte, sprang in die Luft, atmete tief durch und musste plötzlich laut lachen. Ich konnte es einfach nicht fassen, diese Frau wollte mich wiedersehen! Bis dahin waren meine Erfahrungen auf diesem Gebiet äußerst traurig. Ja, ich hatte das Gefühl als erwachte ich aus einer Geschmacksverirrung, die ich erst jetzt wirklich begriff. mein Anspruch war gelinde gesagt bisher unter aller Sau, gepaart durch meine Genügsamkeit und mein Mitleid. Denn fand ich eine ausgesprochen gut, war diese garantiert mit einer Freundin unterwegs, die wenig Erfolg bei Jungens haben musste. Die schaute mich dann beim Anbandeln mit ihrer schöneren Freundin sehnsüchtig an, so dass ich mich mehr mit ihr beschäftigte als mit meiner Auserwählten. Bei der entstand ein vollkommen falscher Eindruck und sie freute sich, das ihre hässliche Freundin endlich auch einmal Beachtung findet. So begann jedesmal eine Kette an Missverständnissen und Irrtümern, die ich nun endlich beendet hatte. Kerstin schlug alle, Gut aussehende oder deren verkorkster Anhang um Längen und ich musste lachen, selbst über meine enttäuschendste Eroberung bisher. Diese nymphomane Verkäuferin aus einem schäbigen Eckladen, die sich während eines Telefongesprächs mit mir als ich sie aus der Kaserne anrief, im Beisein zweier Typen eine Pepsiflasche reindrehte und mir dabei durch den Hörer ein „ich liebe dich“, komm doch bald nach Haus, stöhnte. Auf sie war ich lange hereingefallen bis mich ihre beiden Flaschenhalter unmissverständlich aufklärt hatten.

Das alles, meine glücklose Zeit, meine Betonbetrachtungen waren endlich ausgestanden, das idiotische Geschwätz meiner Mutter prallte an meiner neuen Wirklichkeit ab und Kerstin wollte zu mir nach Mitte ziehen.




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