Nostalgieshow. Bildbetrachtung einer Fotografie

Der große Meister rief, doch nur wenige der alten Akteure waren der Aufforderung gefolgt, sich auf dem Hof unserer Heiterkeit von einst einzufinden. Worum es heute gehen sollte, war der interessante Versuch, nach 30 Jahren ein bekanntes Gruppenportrait nachzustellen.

Damals war Sommer, heute Herbst. Auf einem ehemals weiten Areal, versteckt hinter heruntergekommenen Häuserzeilen, nur über einen Hauszugang erreichbar, trafen wir uns damals. Heute sind die Häuser im noblen Ambiente saniert, im Altbauchic für Besserverdienende. Teilweise ist das weite Areal als Wohlfühloase exklusiv mit entsprechendem Ambiente für die Bewohner der neuen Immobilien gestaltet. 

Die Umsetzung des Fotoexperiments erschien mir unter den heutigen Gegebenheiten als sehr gewagt und kompliziert.

Das zentrale Rondell, damals Treff für Alt und Jung, für Alteingesessene und die Alternativszene des Prenzlauer Bergs, sollte wie damals als Kulisse für die Rekonstruktion des historischen Fotos dienen. 

Wir ließen uns vom großen Meister auf den barocken Fassadenelementen des alten Stadtschlosses, den Kapitellen und Sandsteinblöcken so platzieren, dass wir genauso saßen wie auf der alten Fotografie von einem der bemerkenswertesten Hoffeste Ostberlins.

Wir saßen auf unseren Plätzen, versuchten unsere einstigen Posen. Mit der Frau, die auf dem prominenten Foto hinter mir gesessen hatte, wollte keine Unterhaltung gelingen. Damals gehörte sie zu den illustren Fetengästen ganz besonderer Wohnungspartys. Sie kam nicht, nein, sie erschien. Und dann wurde getuschelt und zu ihr aufgeschaut. 

Die Frau und ich schwiegen schnell und ich blinzelte verschmitzt in die müde Herbstsonne.

Auf der alten Aufnahme war ein kleines Kind abgebildet, das auch zum Fototermin gekommen war, inzwischen erwachsen geworden und mit schütterem Haar. Auch die zwei Harley-Typen, die in Ostberlin immer für Aufsehen sorgten, hatten ihre Plätze eingenommen. Allerdings waren das schon beinahe alle von damals. Um uns herum verbreiteten zahlreiche Medienvertreter und andere scheinbar wichtige Menschen eine Stimmung wie an einem Filmset. Ich saß nur staunend im Szenenbild.

Wir Statisten hörten uns wie bei einem Reservistentreffen an: „Man war das damals lustig“. Ein anderer mahnend: „Aber auch ganz schön nervig, ständig diese Beobachtung“, und ein Clubbetreiber von heute: „Kannst du dich noch an das fade Bier im Osten erinnern?“

Der Bildchef einer renommierten Tageszeitung, damals nur zufällig auf das Foto geraten und nur von hinten portraitiert, der sich früher nicht traute konsequent für seine Haltung einzustehen, knipste jetzt bedeutungsvoll und sehr wichtig, immerhin hatte er auch für die Medienpräsenz gesorgt. Und solch ein Alt-Dissidententermin macht sich immer recht gut in der eigenen Biografie. 

Dieser Mann sollte der Vollständigkeit halber, weil er eben Teil des historischen Fotos war, wie damals vor mir hocken. Das wollte er partout nicht, denn er war ja Bildchef der großen Tageszeitung, vom Habitus her zudem ein bedeutsamer Macher und Teil der DDR-Verweigererszene, wie das Foto schließlich auch beweist. Das Bestreben nach Authentizität unseres Meisters schien ihm ganz und gar nicht zu schmecken. Er stellte sich neben mich und erst nach mehrmaliger Aufforderung und nicht ohne zu diskutieren hockte er sich nur für ein paar Sekunden in die alte Position. Er fühlte sich gar nicht wohl dabei! Wer weiß in welcher Pose er nun abgebildet ist.

Doch anschließend knipste er gemeinsam mit dem Altmeister und wir alt gewordenen Schafe versuchten auf Anweisung den Spirit von einst noch einmal zu empfinden. Doch dieser wollte sich partout nicht einstellen. Die Pressegilde inklusive des Nicht-Hockers machte aus dem Treffen auf diesem einst berüchtigten Hof lebenslustiger Zusammenkünfte ein unpersönliches vermarktungswürdiges Event. Mein Meister wirkte irgendwie fremd zwischen den Medienfotografen. Er schien nicht mehr Herr der Situation zu sein. Ihm ging es um das Experiment, den anderen um die Vermarktung seines Experiments.

Nach dem Shooting setzte sich der große Meister, für mich gut hörbar, kurz neben einen der zahlreichen und mir unbekannten Pressevertreter. Er geriet in seine anekdotenhafte  Medienpose. Laut vernehmbar schilderte er, auch für mich gut hörbar, eine der vielen Episoden aus seinem Dissidentenalltag zu DDR-Zeiten, zitierfähig entsprechend seiner Legende. 

Es ging dabei um die Ereignisse um seine allererste Ausstellung in einem kleinen unscheinbaren Berliner FDJ-Club namens Impuls. Im Dissidentenslang des einst Gepeinigten, Verfolgten und nun Befreiten, plauderte er routiniert, wie wahrscheinlich schon so oft, von einem prominenten Staatskünstler, einem Mann mit Einfluss, auf den die Staatsführung hörte. Dieser Mann nun soll sich für ihn, den kritischen Fotokünstler bereits bei dieser ersten sehr kleinen Ausstellung von ihm eingesetzt haben. Er soll auf oberster Parteiebene stundenlang um die kritischen Fotos in dieser ersten Ausstellung gestritten haben, bis sie schließlich stattfinden durfte.

Andächtig lauschte der Zuhörer seinen Worten, der die Geschichte wohl noch nicht kannte, denn er war ein junger Medienvertreter einer Tageszeitung. Ich traute meinen Ohren kaum. Denn ich war es, der damals als Ausstellungsbetreuer dieses Jugendclubs arbeitete und stundenlang für die Ausstellung und ihren Fotografen diskutiert, sich den Arsch aufgerissen und seinen Job riskierte hatte. Allerdings fand die Diskussion unspektakulär auf banaler Stadtbezirksebene statt, mit den Vertretern des Kreiskulturhauses, der SED-Kreisleitung und der Clubchefin.

Später mag der Einsatz des prominenten Künstlers bei der Staatsführung für den Fotografen sicher bedeutend gewesen sein, doch bei dieser ersten Ausstellung spielte sich alles auf niedrigster Ebene, dennoch sehr emotional ab. Damals hatten die oberen staatlichen Stellen, mit denen der Fotograf seine Staatsrelevanz andeutete, ihn noch nicht als Künstler sondern bestenfalls als Ärgernis mit Westkontakten wahrgenommen. 

Warum nur lässt er sich derart von den besonders selbstgerechten Medien, die in ihrer linken Pose erstarrt sind, bis zur Karikatur verformen, dachte ich?

Unbegreiflich, dass die Erinnerungskultur von so wenigen Lautsprechern besetzt wird, nur weil die  vielen Anderen, die damals sehr viel bewegten und tatsächlich ihren Arsch auch ohne Westkontakte hingehalten haben, still geworden sind.

Nicht schlimm, großer Dissident, die Selbstwahrnehmung ist besoffen, die Erinnerung biegsam. Trotzdem tat es weh, da zuzuhören.

Dann verschwand der Meister gemeinsam mit dem Bildchef der renommierten Tageszeitung, der damals meinen Meister als Fotograf und Querdenker nur neidisch bespöttelt hatte, und ihre komplette Entourage. Auch wir Statisten gingen schnell auseinander.

Keiner von uns DDR-Verweigerern, die jeweils nach ihren Möglichkeiten Haltung zeigten und dadurch unterschiedlich stark aneckten, sprach über den Verkauf unseres Feierhinterhofs an einen Investor, der den kleinen Park für die Öffentlichkeit schließen und das Gelände Luxus-bebauen und die übrigen Flächen für die Käufer ästhetischer werden lassen wollte. 

Keine Wut, kein Aufbegehren, kein Wiederstand. Wir akzeptierten unseren Preis in der kapitalisierten Gesellschaft, waren tatsächlich nur noch heitere Ameisen in der real existierenden Manege.

23.04.2019/20