Der Punk

War er tatsächlich ein Punk? Ich kann es nicht sagen. Er war Mitte Zwanzig und einer von diesen besonders hinfälligen MS-Erkrankten, die sich weder allein waschen noch anziehen konnten. Er brauchte Hilfe beim Essen, musste gewindelt werden und zu allem Übel noch einen Urinbeutel tragen, da sein Schließmuskel versagte. Krämpfe schienen ihn zu schütteln, jedenfalls sah es für mich wie Krämpfe aus. Sein Haar war wild verschnitten, an den Seiten ungleichmäßig hochgeschoren und oben auf dem Kopf trug er ein wildes Wirrwarr an Haaren. Selbst nach dem Kämmen konnte ich keine Frisur, jedenfalls im bürgerlichen Sinn, erkennen. Er trug beinahe die ganze Zeit ein „Sankt Pauli“ T-Shirt und setzte sich, wenn er an die frische Luft gerollt wurde, eine Rastafarimütze auf den Kopf, die eher auf Reggaemusik hindeutete. Ich glaube im Nachhinein, dass er nur ein junger Mann war, der keine Zeit vom Leben erhalten hatte, sich finden zu können. Er artikulierte sich nur staccatoartig. War ihm etwas zuwider, warf er beispielsweise seinen Kopf wie besessen hin und her und brachte nur ein quengeliges und trotziges „ich will nicht!“, ohne Anfang ohne Ende hervor und versuchte sich so weit es ging, gegen beinahe alles zu wehren. Ansonsten sprach er am ersten Tag meines Krankenhausaufenthalts kaum, brachte nur irgendwelche Laute hervor, wenn er zum Beispiel trinken wollte.
Es war für mich sehr traurig, das zu erleben! Er war noch so jung und außerdem als Typ mir sympathisch.
Die Ärzte sprachen besonders deutlich und in einfachen Sätzen mit ihm; genauso auch wir Mitpatienten, da wir nicht sicher waren, ob er unsere Worte überhaupt begreift. Manchmal versuchte er sich an Zimmergesprächen zu beteiligen, sprach dann wie in Trance Worte, die nicht unbedingt zum Thema passten. Seine Gedanken wollten einfach nicht die passenden Worten finden.
Ich weiß nicht, was die Ärzte ihm für Mittel gegeben hatten, jedenfalls war er am zweiten Tag viel ruhiger, zumindest hatte der „Ganzkörpertremor“ nachgelassen.
Seinen Worten zu folgen, war für mich nun noch deprimierend, denn seine vertikalen Gedankenkapriolen begleitete oft ein Leuchten und manchmal sogar ein Funkeln in den Augen. Jedenfalls musste er hellwach im Geist gewesen sein.
Sein Handeln wurde ebenfalls nachvollziehbarer, sein Gedankensurrealismus enthielt nun an diesem zweiten Tag auch häufig nachvollziehbare Bezüge zum Gespräch. Aus seinem Mund drangen nicht nur Laute, sondern ganze Sätze mit einem gewissen Witz.
Am dritten Tag mit ihm machte er, oder besser eine Begebenheit mit ihm, mich restlos sprachlos und hinterließ in mir einige Fragen ans Menschsein überhaupt.
Der andere Bettnachbar, mit dem ich mich schon über alles – von der MS, über Hilfsmittel bis hin zur großen Politik – ausgetauscht hatte, plauderte über die erste Liebe seiner pubertierenden Tochter.
Dem Gespräch hörte unser Punk regungslos und neugierig zu. Doch plötzlich, wir mussten ihm irgend ein Stichwort gegeben haben, erhob der Punk seine Stimme, kräftig und klar, und sprach ein Gedicht mit Betonung:

Es weint in meinem Herzen

wie Regen auf die Stadt.
Woher der matte Schmerz,
der es durchdrungen hat?

O sanfter Ton des Regens
auf Erde und auf Dächer!
Für  ein sehnendes Herz
singt der Regen!

Grundlos weint es in meinem Herzen,
das immer mehr den Mut verliert.
Wie! Keine Treulosigkeit!
Meine Trauer ist unbegründet.

Das ist gewiss der schlimmste Schmerz,
nicht zu wissen, warum
mein Herz ohne Liebe
und Hass so leidet.
Ich war sprachlos! Ich stammelte nach einer Weile ein „von wem ist das?“ und sah diesen Menschen nicht nur in seinem Leid dahin vegetieren, ich sah ihn plötzlich mit anderen Augen, ich sah einen ganz eigenen Charakter.
„Das ist von Paul Verlaine”, meinte er beinahe schüchtern. „ Es weint in meinem Herzen“.
Was mag da eigentlich alles in diesem Menschen stecken? Was mag alles in seinem Kopf vorgehen? Ganz klar, tief in seiner Seele musste ein Romantiker leben, zwar ganz in seiner Tragik gefangen, doch der empfindet; sensibel ist und wie jeder Mensch Sehnsucht nach Liebe hat. Als er das Gedicht aufsagte, war er ganz für sich, mit sich, lehnte sich gegen die Tatsachen auf, schwieg Trauer.
Am darauf folgenden Tag teilten ihm die Ärzte mit, dass er für einige Tage in die Psychiatrie verlegt werden sollte. Er wehrte sich noch bis zum Nachmittag, weil er wohl schon einmal solch einen Aufenthalt durchlitten hatte und der so gar nicht nach seinen Vorstellungen war. Als alles Zureden sämtlicher Personalebenen nicht half, holte man seine Vertrauensperson, eine Sozialbetreuerin heran, die übrigens auch so wie er verschnittene Haare trug. Sie überzeugte ihn und er fügte sich in sein Schicksal und ließ sich verlegen. Was hätte er auch anderes tun können?

2013




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