Schönheit und Gebrechen. autobiografischer Text

© 2020 Thomas Worch
Covergestaltung: Dipl. Des. Susanne Beckmann, Welver
ISBN: 9783752607536
Herstellung und Verlag: BoD Books on Demand, Norderstedt, 2020

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Inhalt

Alltagslast – Prolog
1. Kapitel – Ratlos
2. Kapitel – Bittere Wahrheit
3. Kapitel – Sich einfügen
4. Kapitel – Jazz
5. Kapitel – Der Hundegang
6. Kapitel – Angst
7. Kapitel – Die Studie
8. Kapitel – Mimikry
9. Kapitel – Demut
10. Kapitel – Tod
11. Kapitel – Der Punk
12. Kapitel – Suchen
13. Kapitel – Zwischenton
14. Kapitel – Gleichnis
15. Kapitel – Reset
16. Kapitel – Letztes Bild
Transformation

 

Once you have a body, 
illness, old age and death 
are natural processes of life.
Sadhguru

 

Alltagslast 

Ich habe MS oder, wie es ausgeschrieben heißt, Multiple Sklerose. Auch zehn Jahre nach der Diagnose ist diese Krankheit für mich hinterlistig, falsch und boshaft! Einfach ein übler Geselle. Sie liegt stets in meinem Körper auf der Lauer und scheint nur darauf zu warten, dass ich einen Fehler begehe. Sie kommt arglos daher und gaukelt mir Normalität vor, will mich durch Überschwang zu unbe-dachten Handlungen animieren. 

Alles kann falsch sein, ganz nach Laune der MS. Sie ist teuflisch, in keiner Weise fassbar, hässlich, eine Fratze, die bestenfalls auf die alemannische Fassenacht ins Breisgau gehört, aber nicht in meinen Körper.
Am Abend noch die Pläne für den nächsten Tag schmieden – am nächsten Morgen dann die Katastrophe. Nichts geht mehr. Antriebslos. Schmerzen. Schwindel. Tunnelblick. Der aufrechte Gang wird zur Qual. Und immer werde ich von der Angst verfolgt, dass die Symptome ein Schub sein könnten. Das wäre fatal, denn dann würde mit großer Wahrschein-lichkeit ein neues Symptom auftauchen, das mich noch mehr einschränken könnte. Drei oder fünf Tage Kortison hieße es dann bei einem Schub, hoch dosiert über den Tropf verabreicht. Bliebe die Hoffnung in meinem Kortison-vertrauen, dass durch dieses Zeugs die brüchige Myelin-schicht, die Isolierung der Nervenstränge, wieder repariert und die neu aufgetretenen Störungen beseitigt würden. 

Schübe sind ekelhaft. Allein schon das Kortison haut so rein, dass ich die nächsten vier Wochen restlos abhaken kann. Da geht gar nichts mehr. Nur liegen, wirre Ausflüge des Gehirns, Gedankenverwerfungen. Der Tag wird zum Albtraum, die Nacht zum Schmerz pur, ohne Ablenkung. Heftige Gliederschmerzen, die den Verstand zu rauben drohen, Magenschmerzen, Schmerzen im Brustkorb, Dauermuskelkater. 

Ich liege nur auf dem Sofa, der Fernseher läuft. Fade Nachmittagsshows rieseln sinnlos dahin, aber mehr kann ich nicht erfassen. Ich beobachte die Menschen auf dem Bildschirm, wie sie sich bewegen, wie sie gehen. Der Weg zum Klo wird zur Kraftanstrengung. Trippelschritte. Manchmal schaffe ich es nicht rechtzeitig. Ein erbärmlicher Zustand und so würdelos.
Als Gratisbeigabe werden meine Knochen brüchig, mein Eisen-, Kupfer-, Zuckerspiegel sinkt beziehungsweise steigt. Die Wasserablagerung in den Gelenken soll die Schmerzen verursachen – doch die MS habe ich wieder im Griff. 

Kein Arzt hat mir bisher die Krankheit, dieses Mysterium des Körpers, zufriedenstellend erklären können. Und dennoch, die Summe bestimmter Symptome ergibt Tendenzen eines Krankheitsbildes, und das nennt man in diesem Fall MS. 

Dabei gibt es verschiedene Verlaufsformen. In meinem Fall ist es ein schubförmig progredienter Verlauf, eine in Schü-ben fortschreitende Erkrankung, bei der keine vollständige Rückbildung der Symptome zwischen den Schüben mehr auftritt. Das bedeutet eine kontinuierliche Verschlechterung des Zustands. Im Verhältnis steht dabei die vertikale Achse der zunehmenden Behinderung zur horizontal verlaufenden Zeit. Mein Zeitmaß ist nicht mehr nur die Spanne zwischen Geburt und Tod oder das Messen der Zeit in Jahren, Monaten oder Tagen. Die Zeit hat sich auf Augenblicke reduziert, die ich, halbwegs stabil, erleben darf und als Geschenk wahrnehme. Die Aneinanderreihung solcher Augenblicke wiederum ist Glück, denn wenn keine Verschlimmerung eintritt, verschiebt sich die weitaus unangenehmere Phase, die sekundär chronisch progrediente Form, nach hinten oder wird vielleicht nie eintreffen. Diese Verlaufsform würde nämlich bedeuten, dass sich neben den Schüben eine stete klinische Verschlechterung meines Zustands bis hin zum Rollstuhl vollziehen würde. 

Ich muss mich täglich zum Glück zwingen, darf nicht darüber nachdenken, wer ich war und was ich früher für Pläne hatte. Die Vergangenheit ist vergangen. Die Vergang-enheit ist nicht die Gegenwart.
Man kann die Krankheit nicht recht fassen. Sie kann so oder auch ganz anders verlaufen. Die Krankheit als Ansichtskarte eines Müllberges. Man selbst ist nur Ausschuss. 

Es heißt lapidar: „MS ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die das Gehirn, das Rückenmark und die Sehnerven befällt“, so der kleinste gemeinsame Nenner. Oder etwas poetischer formuliert: „Die Krankheit mit den tausend Gesichtern“. Dann bleibt wenigstens das Gefühl, besonders zu sein, und nach meinem Seelenzustand hat mich bisher kein Neurologe gefragt. Mit der Trauer ist man garantiert allein. Mit den „tausend Gesichtern“ kann in meinem speziellen Fall nur ein Gesicht, eine Grimasse, bestenfalls das Mondgesicht gemeint sein, das unbeirrt am Firmament steht und mich beständig beobachtet. 

Ja, die Nerven spielen verrückt. Die Isolierhüllen der Nerven aus Myelin sind brüchig und nach einem Schub bleiben Plaques zurück, verhärtete Narben, die als weiße Flecken auf dem MRT-Bild sichtbar werden. Die Plaques werden durch Entzündungen hervorgerufen, die eben zur Zerstörung der Myelinscheiden im zentralen Nervensystem führen. Es dringen aktivierte Zellen vom Blut in die Nervengewebe ein, autoaggressive Abwehrzellen, die eigentlich gegen eindring-ende Krankheitserreger aktiv werden sollen, in diesem Fall sich aber gegen einen selbst richten. Je nachdem wie schnell man sich das Kortison zur Reparatur verabreichen lässt, besteht die Chance, die Folgen gering zu halten. Es ist ein Versuch. 

Die kaputten Myelinschichten verursachen Kurzschlüsse. Es zischt und blitzt im Körper. Ich stelle mir ein Transforma-torenhäuschen vor, in dem zu viel Spannung anliegt. Je nachdem, wo in dem Nerventeppich Kurzschlüsse auftreten, gibt es Ausfälle. Der eine redet schleppend, erfasst Zusam-menhänge nur noch bruchstückhaft, verzögert, der andere zieht das Bein nach, hält den Arm komisch, sitzt im Rollstuhl, hat einen dumpfen Kopf oder wird mit einem Kran aus dem Bett in den Rollstuhl gehievt. 

Es gibt Grundmuster der Erkrankung, wohl wahr, doch vielmehr treffen die tausend Gesichter auf das individuelle Umgehen mit der jeweils eigenen MS zu. Die einen beklagen ihr Schicksal, die anderen werden zynisch, wieder andere versuchen, sich mit der Erkrankung einzurichten. 

Dafür steht uns, den MS-Kranken, eine scheinbar relativ große Auswahl an Medikamenten und Therapien zur Verfügung. Diese Medikamente reduzieren sich aber auf wenige Grundsubstanzen. Durch eine enorme Forschungs-intensität kommen jedoch ständig neue Möglichkeiten, neue Therapieansätze, neue Medikamente auf den Markt, die Hoffnung machen. Seit einiger Zeit scheinen die neuen Erkenntnisse über meine Erkrankung eine Dynamik entwickelt zu haben, sodass ich als „Betroffener“ auf baldmögliche Heilung setzen möchte. Bisher gehöre ich noch zu den „Unheilbaren“, den am Rand lebenden Menschen. Der Verlauf dieser Krankheit ist wie ein Umschlagen verschiedener Quantitäten in eine neue Qualität, oder moderner ausgedrückt, es sind eskalierende Level, die man, anders als beim Spiel, niemals erreichen will. Medikamente nur als Produkte zu sehen und die ständig wachsende Zahl an MS-Erkrankten nur als einen Markt für die Pharmaindustrie zu betrachten, ist vielleicht die eine Seite der Medaille, doch die andere ist der menschliche Forscherdrang, diese faszinierende Nervenerkrankung zu ergründen und sie zu heilen. In dieser Herausforderung an die menschliche Neugierde sehe ich für mich eine, vielleicht die Chance, noch einmal davonzukommen. 

Wenn ein neues Medikament in die Erprobungsphase gelangt, werden MSler gesucht, an denen es ausprobiert werden kann. Der MS-Kranke an sich ist bestens informiert über sein Leiden und saugt förmlich Informationen über sein Krankheitsbild und Möglichkeiten seiner Behandlung auf. 

Für den Gesunden muss der Kranke ein offensichtliches Gebrechen haben, entweder hinken, zumindest einen Schnupfen haben oder debil durch die Gegend laufen, damit der Kranke als Kranker erkennbar wird. Wenn man nicht als Penner, Irrer, Debiler oder anderer Freak identifizierbar wurde, kann der andere Hilfsbereitschaft zeigen. Aber wenn eine Krankheit nicht auf den ersten Blick offensichtlich ist, gibt es ein Problem, sowohl für den Betroffenen als auch für den Betrachter. Während ich beim Gehen immer schlechter vorankomme, der eine Fuß sich immer mehr eindreht und mein Kopf sich mehr und mehr senkt, der Blick stier wird, da ich mich auf einen Punkt in der Ferne fixieren muss, um überhaupt noch einigermaßen geradeaus zu gehen, mich Schritte hinter mir restlos nervös machen und ich mich nur noch hinhocken kann, wenn es gar nicht mehr geht, dann taxieren mich Vorbeikommende: Ist er besoffen, hat er Drogen genommen, muss ich etwa helfen? Nur um dann wieder den Gang zu beschleunigen, denn zur letzten Personengruppe gehöre ich offensichtlich nicht. 

Innerlich nehme ich mich selbst oft als einen Betrunkenen wahr, der durch die Gegend torkelt. Ich will normal sein, wie alle gehen, aber kann es nicht. Die Beine versagen mir den Dienst. In solchen Momenten ist meine Wahrnehmung arg reduziert. Ich schaue in der Hocke in das vorbeieilende Gesicht, um zu sehen, ob es mich so sieht wie ich mich wahrnehme. Die anderen Augen weichen mir dann aus. Andere, meist sind es Frauen, fühlen sich durch mich belästigt. Ein Beispiel: Als ich noch zu Beginn meiner MS-Karriere so dahockte, kam mir einmal eine Frau mit Kinderwagen entgegen. Das Kind schaute mir überrascht ins Gesicht. Es schien neugierig auf das zu sein, was sich da auf gleicher Augenhöhe mit ihm befand. Die Mutter war sichtlich irritiert. Sollte sie Abscheu, Ekel, oder gar Mitleid mit mir, dieser hockenden Existenz empfinden? Ich wirkte zivilisiert, aber auch derangiert. Da sie sich nicht entschei-den konnte, ignorierte sie mich und beeilte sich, den Kinderwagen schneller zu schieben. Für einen flüchtigen Augenblick lang sahen das Kind und ich uns an. Das Kind lächelte mit argloser Neugier und ich machte wie üblich meine Faxen mit ihm. 

Es ist wirklich ein Krampf, nicht auf den ersten Blick behindert zu sein. Ich muss an den Dicken aus meiner Schulzeit denken, der während des Dreitausendmeterlaufes in der letzten Runde beinahe stehen blieb, während wir zum Endspurt ansetzten und ihm davon liefen. 

So wie er sich damals gefühlt haben musste, geht es mir jetzt. Ich bleibe zurück. Zu Beginn meiner MS-Laufbahn versuchte ich noch hinterher zu kommen, aber als ich merkte, dass ich es nicht schaffen würde, dass es sinnlos war, sich anzustrengen, trat ich zur Seite, um den Strom des Alltags nicht zu behindern, um nicht zu stören. 

Als gesellschaftliche Randerscheinung bin ich mir selbst eine Last. 

 

l. Kapitel 

Ratlos 

Ich wusste, dass ich etwas tun musste! Dieser Farbstich beunruhigte mich immer mehr, machte mich nervös, nahm mir den Schlaf, ließ mich die Dinge nur noch unkonzentriert erledigen. Über einem an sich netten Gespräch schwebte stets diese Ungewissheit. Die Spekulationen über die möglichen Ursachen für diesen Farbstich nahmen schnell die Leichtigkeit aus jeder Plauderei. 

Ich war beunruhigt. Dabei ist „beunruhigt“ nicht das rechte Wort. Die Fehlfarben wurden mit jedem Tag in ihrer Beharrlichkeit irgendwie auch ein Fühlen der Endlichkeit. Man lebt Jahr für Jahr, glaubt nicht recht an die eigene Sterblichkeit, wird krank und wieder gesund. Doch irgend-wann wird man krank und nicht mehr gesund. Der Körper zerbröselt durch die Lebenslast und am Ende kann die beste Medizin nicht mehr helfen. Es ist dann an der Zeit, einem neuen Wesen Platz zu machen, mit Einsicht und vielleicht auch mit Freude. Wenn das Ende zur rechten Zeit als ein tatsächlicher Endpunkt des Lebens eintrifft, ist es gut. Doch so mittendrin, ich war doch erst dreiundvierzig Jahre, bleibt das Aufbegehren: Ich wollte doch noch … 

Ich spürte, dass es bei mir noch nicht so weit sein konnte. Für das Ende fehlten mir die stichhaltigen Anhaltspunkte, die es mir leichter machen würden, diesen Schluss zu akzeptieren, jedenfalls stellte ich mir die letzte Runde nicht so vor. Nach meiner Ansicht funktionierte an mir noch vieles zu gut. Aber dieser Farbstich wurde durch seine Beständig-keit zu einem Verbindungsstück zwischen meinem Leben jetzt und dem Ende irgendwann. Ein Stück weit wurde das schwarze Loch greifbarer, in das man fällt, wo nichts und man selbst nicht mehr ist. Ohnmacht. Das Ende ist das Ende ohne Gott. An den glaubte ich sowieso noch nie. Ich wollte immer begraben werden, da ich hoffte, als Regenwurm, Made oder Ähnliches wieder in den Kreislauf des Lebens zurückzugelangen, aber nicht, dass meine Seele – was immer das sein mochte – zwischen den Luftmolekülen dahin schwebte.
Die Penetranz des Farbstichs wurde für mich zu einer regelrechten Bedrohung. Um das rot- und blaustichige Sehen nur als Kuriosum der Wahrnehmung abzutun, war er zu beharrlich. Am Anfang war es noch lustig, ich fand es nur komisch ohne mir ernsthaft Gedanken zu machen. Er war unausweichlich da, beständig. Alle möglichen Erklärungen legte ich mir zurecht. Womöglich war es grüner Star wie bei einer meiner Tanten. Oder ein Tumor? Die einfachste Erklä-rung war, die Ursache in dem Alterungsprozess zu sehen. Ich erinnerte mich an alte Menschen, die mir in meiner Kindheit erzählt hatten, dass dieses oder jenes bei ihnen nicht mehr funktioniere. Sie fügten sich in den Lauf der Zeit. 

Ich wachte morgens auf und testete sofort meine Augen. Linkes Auge mit der Hand zuhalten, alles in Ordnung, rechtes Auge bedecken, wieder der Farbstich. Tagsüber und am Abend das gleiche Spiel. Ohne Zweifel, ich machte mir ernsthafte Sorgen! 

Und diese Sorgen erreichten eine Dimension, die keinen längeren Aufschub einer Untersuchung mehr erlaubte.
Beim besten Willen konnte ich den Farbstich nicht nachvollziehen. Spätestens daran merkte ich, dass etwas nicht stimmte, denn an alles, was sich im Nachhinein als Symptome herausstellte, Mattheit, Taubheit, Kribbeln in den Fingern, Koordinationsstörungen und eine gewisse Gangun-sicherheit, hatte ich mich bereits gewöhnt. Ich konnte es mehr oder minder kompensieren, da die Symptome nicht so heftig, sondern eher unauffällig in Erscheinung traten. 

Vor der Diagnose sah ich einige Wochen alles rot- oder blaustichig. Es war wie bei dem alten Secam-Farbfern-sehsystem, bei dem man die Farben an Knöpfen nachstellen musste.
Dennoch wollte ich wenigstens den bevorstehenden einzig-artigen Jahreswechsel von 1999 auf 2000 abwarten und verschob den unausweichlichen Arztbesuch auf das nächste Jahrhundert, ja sogar Jahrtausend! Auf diesen Jahreswechsel, über den überall gesprochen wurde, hatte ich mich schon seit meiner Kindheit gefreut. Damals verzählte ich mich ständig, wenn ich mein Alter bei diesem Ereignis ausrechnen wollte. Im Verlauf der Jahre wurde es leichter, sich nicht zu verrechnen. Und dieses Ereignis wollte ich ohne irgend-welche Belastungen erleben.
Wir waren mit Bekannten am Lago di Ledro verabredet, einem kleinen Bergsee oberhalb des Gardasees in Nordita-lien. Ich ließ es mir nicht nehmen, nach einem Flug mit dem Mietwagen von Verona aus in unser kleines Bergidyll zu fahren. An einer Ampel noch in der Stadt verfehlte ich, aber auch ein Radfahrer neben mir, die Spur. Er landete vor dem Kühler. Betroffen warteten wir in der Kabine auf das, was da kommen möge. Unerwartet kroch der Junge wieder ins Blickfeld, schüttelte sich, betrachtete sein Fahrrad und uns, stieg auf und eierte mit seinem verbeulten Fahrrad weiter. Schließlich war Silvester. War das ein schlechtes Omen? 

In Riva, an der Nordspitze des Gardasees, führte die Straße durch mehrere Tunnel und über sehr scharfe Kurven hinauf zum Hotel mit Blick über den kleinen, von Bergen umschlossenen See.
Mich interessierten noch nie die Badeorte oder Hotelanlagen in der Karibik oder ferne Kontinente. Vielmehr wollte ich die Synthese aus Geschichte, Landschaft und mir selbst erleben. Orte, sie mussten nicht weit entfernt sein, sollten eine Verbindung zu Erfahrungen und dem Leben historischer Größen haben. Diesen spürte ich dann an den betreffenden Orten nach, um mich selbst zu finden. 

Kein geringerer als Goethe, dessen Italienreise, sein Erstaunen über die Schönheit dieser fremden Kultur, das Staunen über Palmen und Orangenbäume vor einem schneebedeckten Gebirgsmassiv, diese betörenden fremden Gerüche, die andere Architektur und Lebensart, wie auch die Achtung und der Respekt vor dem Anderen, hatten mich für dieses Land bedingungslos eingenommen. Oft war ich schon an „meinem“ Gardasee gewesen. Wie faszinierte mich allein der Ortsname Malcesine. Dort, von einem Burgfenster aus, zeichnete Goethe einen Dreiecksberg mitten im See vor Riva. 

Malcesine gegenüber liegt Gargnano. An einem kleinen Hafen befindet sich eine kleine Kneipe. Auch sie wurde zu meinem Lokal. Eigentlich ist es ein einfaches Fischerlokal mit dem besten Kaffee der Welt. Keiner der alten Männer, die nach dem Gottesdienst hier ihren Wein trinken, spricht Deutsch, genauso wenig der alte Mann hinter dem Aus-schanktisch. Mein Italienisch war und ist stümperhaft, dennoch verständigte ich mich mit Händen und Füßen und fühlte mich irgendwie dazugehörig. Als Zaungast, der mor-gen wieder fort ist. Auch die Tatsache, der Gegensatz, dass der „Duce“ hier eine Residenz besaß, übte auf mich einen magischen Reiz aus, so dass ich nur hier diese große Zeitenwende erleben wollte. 

Am Lago di Ledro wollten wir in einem zauberhaften kleinen Hotel diesen besonderen Jahreswechsel ohne Knallerei, Luftschlangen und verbrüdernden Freudentaumel am Brandenburger Tor erleben, ganz für uns allein. Außer uns waren nur italienische Familien anwesend, und zwar höchstens zwei, denn die Menschen kannten sich unterein-ander, sie redeten in wechselnden Grüppchen vertraut miteinander. Ich erkannte auch eine Altersstruktur, ange-fangen von den Großeltern, den Eltern, bis hin zu kleinen Kindern waren die Generationen mit Brüdern und Schwes-tern vertreten. Mit gehörigem Respekt begegneten die Jüngeren den Alten. Ja, ein Halbwüchsiger half voller Ehrfurcht seiner Großmutter aus dem Stuhl, nachdem sie ihn zu sich gerufen hatte. Sie flüsterte ihrem Enkel etwas ins Ohr. Der lief zum DJ und bestellte eine Walzerrunde. Als er wieder zurück war, bedankte sie sich mit einem Lächeln. Er half ihr auf, stützte und umklammerte sie. Bevor die beiden zu den klassischen Drehungen eines Walzers ansetzten, nahm sie eine stolze Haltung ein. Für Augenblicke kehrte das Temperament der verflossenen Jugend in ihre Haltung zurück. Er führte sie, solange es ihr möglich war. Als es genug war, fasste die Patronin ihn unter seinen Arm und ließ sich würdevoll zu ihrem Platz führen. 

Unsere kleine deutsche Reisegruppe saß schüchtern am Rand, bis wir in den ausgelassenen Reigen einbezogen wurden. Männer unterschiedlichen Alters forderten lachend unsere Frauen auf. Wir deutschen Männer pflegten uns im Sitzenbleiben, bis auch wir animiert wurden mitzumachen, mit etwas ungelenkeren Hüften zwar, aber mit ebenso viel Spaß wie die anderen. Auch wir stürmten voller Übermut auf die Tanzfläche, doch alsbald verlor ich das Gleichgewicht und meine Partnerin musste mich auf meinen Sitzplatz führen. Unauffällig. Italienischer Schlager, italienische Volksweisen, wechselten mit modernen, europäischen Rhythmen für die Jüngeren und uns Zaungäste ab. Auffallend war, dass kaum Alkohol getrunken wurde. 

Und immer wieder die Durchsage, wie viel Zeit noch in diesem Jahr bliebe. Einige Minuten vor null Uhr bestellten wir eine Flasche Sekt und gingen auf die Terrasse über dem See. Meine Freundin Rosa hakte sich unauffällig bei mir ein, um mich beim Geradeausgehen zu unterstützen. Beim Gehen schmiegten wir unsere Köpfe aneinander und lächelten uns die Zukunft schön. Ja, in diesem Augenblick war sie tatsächlich schön, zusammen mit ihr. Vor uns der See, eingeschlossen von steil aufsteigenden Bergen, puderzucker-schneebedeckt, das schwarze Wasser vor uns lag still. Kein Schwan. 

Dann das neue Jahr. Ein, zwei Knaller von irgendwoher. Meine Liebste und ich zündeten Wunderkerzen an und drehten sie vor uns im Kreis, traumverloren. Sie und ich schauten uns in die Augen, die Angst des anderen beruhigend. Wir wussten beide unausgesprochen, dass die Wünsche, die man zu diesem Ereignis sich und anderen wünscht, plötzlich eine tiefe Bedeutung bekamen. 

Die Untersuchung 

Gleich am ersten Werktag des neuen Jahres 2000 fand ich mich bei meiner Augenärztin ein. Rosa hatte mich bereits vor unserer Italienreise gedrängt, einen Termin zu verein-baren.
Bei meinen undefinierbaren Symptomen wusste ich zunächst nicht, welchen Arzt ich aufsuchen sollte, und da mich der Farbstich am meisten beschäftigte, entschied ich mich für einen Augenarzt. Außerdem erschien mir ein Besuch dort als die unverfänglichste, harmloseste Variante für meine Sorgen. So saß ich jetzt hier im Wartezimmer von Frau Doktor Pupille. 

Ich war der einzige im siebziger Jahre designten Raum. Weiße Plastikschalen als Sessel, in einem davon lümmelte ich, ein weißer Plastiktisch vor mir, eine Lampe mit goldenen Glockenlampen über mir. Durch die geöffnete Tür hörte ich die Ärztin mit einem Patienten über belanglose Dinge scherzen. Auf dem Tisch lagen Design- und Architekturzeitschriften. 

Endlich, nach über einer Stunde, kam ich an die Reihe und sie führte mit mir in einer ungewohnt heiteren Art Sehtests durch. Ich wurde vor eine Wand mit einem blinkenden Schachbrett gesetzt, musste Lichter erkennen, und zum Schluss wurde mit einer Augenwaage der Augendruck gemessen. Die Ärztin fand nichts Besorgnis erregendes und wollte mich weiter zu „einer Freundin, einer Neurologin“, überweisen. Doch bei der Wortkombination Freundin und Arzt befiel mich ein Misstrauen bezüglich ihrer Kompetenz. Sie hatte so gar nichts von grüblerischer Allwissenheit. Das designte Wartezimmer, ihr Auftreten, ja, ihre Lockerheit verstärkten mein Unbehagen.
Meinen Argwohn verbergend bat ich sie, mich zur besseren Abklärung zu weiteren Tests in eine Augenklinik zu überweisen. „Zur Neurologin kann ich danach immer noch gehen“, argumentierte ich. Dass meine Augen in Ordnung waren und dennoch falsche Bilder produzierten, wollte ich nicht begreifen. An die Zusammenhänge von dem Funktio-nieren der Augäpfel und den dazugehörigen Nerven hatte ich bisher noch nicht gedacht. 

Mit einem vielsagenden Lächeln stellte sie mir eine Überweisung in die Augenklinik aus.
Wochen später war der Termin in der Klinik. Dort folgten ausgedehnte Untersuchungen, die besonders durch die Waa-ge und die verabreichten Augentropfen sehr unangenehm waren. Erst in der S-Bahn ließ die Wirkung der Pupillen erweiternden Tropfen nach. Endlich konnte ich den Befund lesen, der glücklicherweise nicht meine Angst, Augenkrebs zu haben, bestätigte. Doch wieder war vermerkt, dass ich einen Neurologen aufsuchen sollte. Diesmal sogar mit dringend und einem Ausrufezeichen verstärkt. 

Mit dem Befund suchte ich erneut die Augenärztin auf. Die war wieder fröhlich, las und nickte bestätigend. Jetzt gab ich mich geschlagen und ließ mich endlich zu ihrer Freundin überweisen.
„Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, dass Sie zu ihr gehen sollten. Und wenn sie nichts findet, kommen Sie wieder zu mir“, versuchte sie mich zu beruhigen. „Ach wissen Sie, ich rufe sie gleich an, dann geht es schneller!“ 

Sie telefonierte und vereinbarte schon für die übernächste Woche einen Termin.
Neurologe – wie das klingt! Neurologie gleich Psychiatrie gleich geisteskrank. Und das konnte ich auf keinen Fall sein! Was diese Ärzte nur dachten! Sie untersuchten meine Augen, fanden nichts und waren sich sicher, dass ich geisteskrank war! Das klang für mich nicht besser, als einen Tumor zu haben. Allerdings, so richtige Vorstellungen von einem Neurologen hatte ich gar nicht, nur klang es für mich verteufelt nach „Macke haben“. 

Ich war niedergeschlagen. Sollte sich doch noch meine Angst, einen Gehirntumor zu haben, bestätigen? Die Augenärzte hatten nichts gefunden. Also was sollte es sonst sein als ein Tumor? Ich begann, in meinen Körper hineinzuhören. Da hatte ich schon seit geraumer Zeit Veränderungen festgestellt. Kopfschmerzen, Schwindel … aber auch dieses Kribbeln in den Oberschenkeln, diese Müdigkeit, diese Unruhe. Am meisten beunruhigte mich die Taubheit in der linken Hand, dass ich in zwei Fingern der Hand kein richtiges Gefühl mehr hatte. All das hatte ich für alterstypisch gehalten. Da alle Symptome als einzelne nicht sonderlich stark waren, konnte ich sie bisher als Neben-sächlichkeit abtun. Jetzt aber stellte ich eine Verbindung mit meinem Gehirn her. Linke Seite, also Tumor in der linken Gehirnhälfte, das war für mich eindeutig. 

Mit dem bevorstehenden Neurologentermin erschien mir auch meine gewisse Unsicherheit beim Gehen, dieses leichte Schwanken, in einem anderen Licht. Ich hatte das Torkeln mit einem breitbeinigeren Gang – einer Art Seemannsgang – ausgeglichen. Bisher war ich deshalb nicht beunruhigt. Es waren für mich, ebenso wie die anderen Beschwerden, normale Alterungserscheinungen. Als Kind hatte ich das Jammern meiner Großmutter über ihre Beine erlebt, das beschwerliche Gehen und Wiegen im Gang als zur Groß-mutter gehörig, und die war für mich alt. Das war normal. Schwieriger war der Krebs meines Großvaters zu begreifen gewesen, wie er ohne zu Jammern die Bestrahlungen ertragen und in den letzten Tagen seines Lebens nochmals alle seine Enkelkinder besucht hatte. Ich begriff es nicht und ich war in einem Alter, in dem es Wichtigeres gab, als stundenlang mit dem Zug zu fahren, um ihn im Krankenhaus zu besuchen. Bis heute plagt mich ein schlechtes Gewissen deswegen. Er war dann gestorben und mein Leben ging einfach weiter. 

Ich versuchte, mich in diesen Tagen der Ungewissheit abzulenken. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, ja war es außerhalb meines Vorstellungsvermögens, das diese Ungewissheit, diese Verunsicherung, dieser Schwebezustand zwischen Befürchtungen und Vermutungen ein treuer Begleiter werden würde. 

Ich besuchte das Theater, um meine Lieblingsstücke noch einmal zu sehen, ordnete meine Sachen, suchte dabei nach einem praktikablen System für die Hinterbliebenen, kaufte ein, stets in der Annahme, es sei wahrscheinlich das letzte Mal. Bei einem Kaffeehausbesuch in diesen Tagen beob-achtete ich verblüfft an mir eine Verhaltensveränderung. Ich fühlte mich beobachtet, war defensiv zurückhaltend und unsicher. Meine Angewohnheit, einen Platz zu wählen, von dem ich die Szenerie am besten beobachten konnte, tauschte ich gegen einen Platz möglichst mit dem Rücken zum Publikum, da dort keiner in mein Gesicht schauen konnte. Er durfte auch nicht zu weit von der Toilette entfernt sein, denn einen verstärkten Harndrang hatte ich bereits seit längerem registriert, aber einer schwächer werdenden Altmännerblase zugeschrieben. Es war auch noch nicht schlimm, doch ich wurde vorsichtiger. Ich schrieb es einem Befehlsdefekt des Gehirns durch diesen Tumor zu und bestellte entgegen meiner Gewohnheit keinen Kaffee, sondern einen Tee. 

Der Weg zur Ausgangstür durfte ebenfalls nicht allzu lang sein, aber das Klo ging eindeutig vor.
Ich erledigte alles ohne wirkliche innere Beteiligung. Ich war unkonzentriert und fühlte mich bei der Verrichtung der alltäglichen Dinge als Besucher des eigenen Lebens. Ich begann, mit der Welt abzuschließen, ich war voller Unruhe. 

Mir war das Lachen vergangen. 

Dann – endlich! am 15. März 2000 – stand ich vor dem Haus der Neurologin. An der Wand die Tafel: Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie. In den vergangenen Tagen hatte ich mich über neurologische Erkrankungen informiert und wusste mittlerweile, dass Neurologie nichts mit Geistes-krankheiten zu tun hat, sondern mit den Nerven. Bei der Facharztspezifizierung, dieser Verbindung mit Psychiatrie, also dem Gehirn, achtete ich doch sehr darauf, dass mir keiner zusah, wie ich den Summer betätigte. Irgendwie war es mir peinlich. 

In der einen Ecke des Warteraums stand ein runder Stein in einem Wasserbassin, über den Wasser plätscherte, dazu rieselte New-Age-Musik aus einem kleinen Lautsprecher. Ich wurde ruhig. Mir gegenüber saßen ältere Herrschaften, irgendwie alle mit sich beschäftigt. Sie blätterten in Journa-len, kramten in ihren Taschen und beäugten sich unauffällig und wichen den Blicken des Anderen aus. Trafen sich die Blicke zufällig, lächelte man verstohlen, um geschäftig irgendwo anders hinzuschauen. Ich wurde als ein Neuer in ihren Reihen registriert, scheinbar waren sie einander vertraut. „Was wird der wohl haben?“, stand in den Blicken zu lesen, die mich von oben bis unten absuchten und die ich im Augenwinkel wahrnahm. „Ist er etwa kränker als ich?“ Mein Alter passte nicht zu den anderen Gästen.
Eine ältere Dame kam zu dem freien Platz neben mir und meinte empört: „Junger Mann dürfte ich mich setzen?“ Ich legte das Journal beiseite, sie setzte sich stöhnend und nicht ohne einen Rundumblick, mit dem sie ihre Beschwerden eindeutig klarmachte. 

Nach langem Warten, es konnten durchaus zwei bis drei Stunden vergangen sein, wurde ich endlich über einen Lautsprecher zur Ärztin gerufen. Dort saß ich ihr gegenüber, sie hinter dem großen Eichentisch, ich davor, eine Mischung aus bösem Buben vor der Lehrerin und Angstverstecker. Sie war aber sehr freundlich und ich fasste schließlich Vertrauen. 

Sie begann, mir merkwürdige Fragen zu stellen. Es schien, als würde ich erst jetzt richtig über meinen Zustand nach-denken. Mir fiel nun so richtig auf, wie schlecht es mir eigentlich ging. Ich versuchte, möglichst lässig zu wirken, und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass die Augenärztin den Farbstich nicht mit ihrem Wissen erklären konnte. 

Dann musste ich meine Symptome aufzählen. Ich stammelte meine Beschwerden, schilderte Vorerkrankungen, berichtete über Infekte und Stresssituationen in letzter Zeit. Sie schaute mich wissend an. Ich fühlte mich unwohl! Das Kribbeln in meinen Beinen gewann plötzlich an Bedeutung. Sie machte mit mir einige Leseübungen. Dann musste ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehen und auf die Behandlungsliege legen, die Finger mit geschlossenen Augen zur Nasenspitze führen, mit beiden Händen „Glühbirnen eindrehen“, mit dem Fußballen des einen über das jeweils andere Bein nach oben streichen. Sie pikste mit einer Nadel in meine Beine und Arme und wollte wissen, wie stark mein Empfinden dabei wäre. Ich sollte reihum mit jedem Finger meinen Daumen berühren. Dann durfte ich mich wieder anziehen. Weiter ging es damit, mit ausgestreckten Armen wie ein Seiltänzer auf einer gedachten Linie zu laufen, anschließend einen Fuß vor den anderen zu setzen. Dabei musste mich die Ärztin mehrmals festhalten, sonst wäre ich gefallen. Ich war überrascht, dass ich diese Übungen nicht einfach absolvieren konnte, ebenso davon, dass ich meine Nasenspitze mit den Fingern verfehlt hatte. Kopfschüttelnd über mich selbst, setzte ich mich wieder auf den Stuhl. Die Ärztin sprach freundlich, ohne eine Vermutung zu äußern. Ich war unsicher und lachte verlegen. Die Untersuchung, die mehr einer Aneinanderreihung von Exerzitien glich, hatte mich doch irgendwie amüsiert. Ich konnte diese ganzen Übungen, diese Untersuchung ohne Stethoskop und Blutdruckmesser nicht so recht für voll nehmen. Einerseits strengte ich mich an, ihren Anforderungen an meine Leistungsfähigkeit gerecht zu werden, andererseits wollte ich sie und mich nicht ent-täuschen und krank sein. Schließlich war ich beim Arzt und der sollte sein Geld wert sein und etwas finden. 

Doch meine mangelnde Ausführung ihrer Tests beunruhigte mich. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Als wir uns wieder gegenübersaßen, wirkte sie ernst, ohne dass ich etwas erkennen konnte. Ich hatte ihr von meinen Befürchtungen erzählt, einen Gehirntumor zu haben. Nun wagte ich nicht, sie noch einmal darauf anzusprechen. Sie löste die Span-nung, in dem sie von einer weiteren Untersuchung sprach. 

„Bisher bin ich mir nicht sicher. Ich überweise Sie zum MRT, einer Magnetresonanzuntersuchung. Sie müssen dabei in eine Röhre. Vielleicht haben Sie davon schon gehört.“
Ich sollte also in einer Röhre liegen und mit Magnetwellen abgetastet werden. Meine Neugierde auf dieses Gerät ließ meine Angst verschwinden, obwohl ich ahnte, dass den Wellen nichts verborgen bleiben würde. 

Anzeichen 

Meine gesundheitlichen Schwierigkeiten wurden auf der Arbeit besonders deutlich. Die ersten Anzeichen meiner Erkrankung nahm ich zunächst nur als ein Ärgernis wahr, das meinen Arbeitsrhythmus unangenehm störte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nichts von dem, was mich in den nächsten Jahren erwarten würde. Rückblickend betrachtet war es wohl einer dieser sehr leichten Schübe, dessen Symptome sich restlos zurückbildeten und mich daher auch nicht weiter beunruhigten. Solche zeitweiligen Beeinträch-tigungen waren mir nicht unbekannt. Doch es fehlte eine Regelmäßigkeit, eine latente und nachhaltige Verschlim-merung der Symptome, wie zum Beispiel während einer Erkältung, wo dann Arztbesuch und eine Behandlung mit Medikamenten angeraten ist. Meine „Erscheinungen“ kamen und gingen wie Naturphänomene. 

Ich arbeitete in einer kleinen PR-Agentur als Berater und mir unterliefen am PC Tippfehler und Buchstabendreher, die ich meiner Unkonzentriertheit durch Überarbeitung zuschrieb, und die durch meine Kollegen und die Chefin weitestgehend hingenommen oder bereinigt wurden. Meine linke Hand kribbelte ein wenig, mein kleiner Finger war irgendwie steif und zwischen Daumen und Zeigefinger konnte ich die Geldstücke in meiner linken Hosentasche nicht recht fassen, aber eben nur zeitweise. Wirklich unangenehm dagegen empfand ich die Schwierigkeit, mich zu konzentrieren und Pressetexte in passabler Form zu verfassen. Doch das kompensierte ich mit einem höheren Zeitaufwand. Und die Geldstücke verstaute ich wie selbstverständlich in meiner rechten Hosentasche. 

Solche leichten Aussetzer waren mir nicht unbekannt. Das Kribbeln erklärte ich mit Durchblutungsstörungen, die Steifheit meines kleinen Fingers mit der Temperatur, denn wenn, war er meist im Herbst ungelenkig. Es waren für mich keine Alarmsignale. Die Anzeichen passten schlicht in kein Schema. 

Nur meine Chefin bat mich bereits in dieser Phase eindringlich einen Arzt zu konsultieren, nicht nur wegen des Agenturnutzens, sondern vor allem aus eigener leidvoller Erfahrung. Sie war selbst vom Krebs gezeichnet, der allerdings operiert und durch tägliche Kortisontabletten therapiert wurde. Körperlichen Anzeichen nachzugehen war ihr oberstes Gebot. Vor den unangenehmen Kontrollunter-suchungen, die sich jährlich wiederholten, hatte sie bereits Wochen vorher Angst. Sie war äußerst unruhig in diesen Tagen und irgendwie schien sie mit ihren Gedanken weit weg zu sein, denn stets hing wie ein Damoklesschwert die Gefahr einer neuerlichen Geschwulst oder gar von Metasta-senbildungen über ihr. Kam sie von diesen Untersuchungen zurück und strahlte über das ganze Gesicht, war sie noch dynamischer und druckvoller als zuvor. Mussten der ärztlichen Bestandsaufnahme jedoch weitere Tests folgen, sagte sie nur „Scheibenkleister“ und war bis zu dieser neuerlichen Untersuchung noch einsilbiger als vor dem Ter-min, die Tür zu ihrem Büro war dann nicht mehr wie üblich offen. Wir versuchten dann, unsere Arbeit noch geräusch-loser zu erledigen als sonst. Wir bewegten uns sprichwört-lich auf Zehenspitzen. Ihre Existenz war mit unserer Existenz verbunden, folglich waren auch wir ein bisschen krank. 

Unsere Arbeit machte Spaß, und diese Agentur, vor allem mit unserer Chefin an der Spitze, war wie ein Zuhause für uns und sie wie eine Mutter.
Hinzu kamen bei mir verstärkt Schussligkeitsfehler. Die Kollegen schmunzelten über mich, solange meine Faux pas nicht ihre eigene Arbeit oder womöglich die Gesamtheit eines Auftrags in Gefahr brachten, denn wir arbeiteten meist an gemeinsamen Projekten oder an Strategien zur Durch-führung irgendwelcher Interessen unserer Auftraggeber. Bei der Größe unserer Agentur war es notwendig, dass jeder sich auf den anderen blind verlassen konnte. Ich sollte besser „Kleinheit der Agentur“ sagen, denn wir waren nur zu viert. Wir schätzten die Stärken des anderen und akzeptierten seine Schwächen. Es war undenkbar, dass einer die Patzer des anderen für einen persönlichen Vorteil ausnutzen würde.
Am meisten Spaß machte mir, an Events zu arbeiten, die wir im Rahmen eines Gesamtkonzepts durchführen mussten. Die einzelnen Arbeitsgebiete liefen dann wie Zahnräder in eine Gesamtaktion. Alles und jeder musste dabei funktionieren. War die Veranstaltung, unser Projekt, in vollem Gange, beobachteten wir am Rand das Geschehen, strahlten und freuten uns leise miteinander. Es war mehr als nur ein Zehnstundentag oder schnödes Geldverdienen.
Neben den Alltagsaufgaben arbeitete ich für die Agentur bereits seit einiger Zeit an einer Konzeption für die touristische Belebung einer Region im Umland von Berlin.
Auf diese Idee war ich durch Rosa, meine Partnerin und Freundin gekommen. Sie besaß ein Bauernhaus im Oderbruch. Dort verbrachten wir unsere gemeinsame freie Zeit und werkelten schon einige Jahre am alten Gebälk herum, an diesem, unserem faszinierenden Gemeinschafts-projekt „Miteinander Leben auf dem Lande“.
Ausgangspunkt für meine Überlegungen war eine Begeben-heit aus dem 18. Jahrhundert. Konkret ereignete sich das Drama im Jahre 1730. Der sogenannte Soldatenkönig von Preußen, Friedrich Wilhelm I., der eine Vorliebe für alles Militärische hatte, aber im Übrigen nie einen Krieg führte, war der Überlieferung nach ein äußerst strenger und ty-rannischer Vater. Sein Sohn, der spätere Friedrich II., wollte in diesem besagten Jahr 1730 mit seinem Freund Hermann von Katte der väterlichen Umklammerung entfliehen. Die Flucht scheiterte durch Verrat und beide landeten im Kerker vom Schloss Köpenick. In einem Prozess wurden beide Freunde zum Tode verurteilt, Friedrich II. später begnadigt und Katte zur Hinrichtung auf die Festung Küstrin an der Oder überführt. Diese Überführung dauerte damals drei Tage.
Um dieses Ereignis herum, diese letzte Reise von Katte vom Köpenicker Schloss über Müncheberg, Seelow nach Küstrin, wollte ich verschiedene Veranstaltungen organisieren, von Lesungen und Vorträgen über einen Feldgottesdienst, Konzerte, Bauernmärkte, Theater, bis hin zu einer histo-rischen Schulstunde und einem Fischerfest. Diese Veran-staltungen sollten zu einem dreitägigen Ereignis für das gesamte Oderbruch werden, über das dann lange gesprochen wird. 

Einige Geldgeber hatte ich bereits von meiner Idee begeistert, nur hatte ich Schwierigkeiten, die verschiedenen Landkreise, die verwaltungstechnisch das Oderbruch auf-spalteten, unter einen Hut zu bekommen, um mein „Fest der Toleranz“ möglich zu machen. Doch mich reizte die Aufgabe, unterschiedlichste Interessengruppen an einen, meinen Tisch zu bekommen, die Behäbigkeit der Entschei-der zu überwinden. Manchmal muss man eben die Menschen zu ihrem Glück zwingen. Schließlich bedeutete es, den Tourismus dieser Region zu beleben und den Menschen Arbeit zu geben, vielleicht sogar eine neue Perspektive zu eröffnen. 

Es war wie die Lösung eines Kreuzworträtsels.
Die Arbeit an der Umsetzung meiner Idee füllte mich bei-nahe ganz aus, wäre da nicht der allgemeine Agenturalltag mit seinen normalen Abläufen wie den Pressetext für einen Kunden schreiben oder die Durchführung anderer Kampag-nen gewesen.
Ich war guter Dinge. Eigentlich war ich stets guter Dinge. Mein Leben fügte sich bisher immer wie von selbst zum Guten. Wieso sollte es jetzt nicht auch gelingen?
Ich war ganz in meine Idee, dieses Fest der Toleranz für das Oderbruch zu entwickeln, verliebt. Die Chance, das Fest als eine feste Größe im jährlichen Veranstaltungsplan der Region zu etablieren, bedeutete für mich einen zusätzlichen Lustgewinn, eine zusätzliche Chance, etwas Bleibendes zu schaffen. Die drei Dinge, die ein Mann in seinem Leben tun sollte, ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen, fanden bei mir ihre Ergänzung im vierten Ding, dieses Projekt zu realisieren. 

Mit meiner Begeisterung steckte ich meine Kollegen an. So sehr, dass wir Schwierigkeiten hatten, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die letztlich unsere Existenz im Hier und Jetzt sichern halfen. Zu sehr machte uns die Arbeit an dem Großevent Spaß. 

Rosa schüttete ihre Liebe für das Oderbruch über mich aus. Es war eine Zeit, in der ich von meinem Leben begeistert war. Ein Kind hatte ich in meinem früheren Leben bereits gezeugt, Rosas Haus ging als Haus bauen durch, einen Maulbeerbaum hatte ich in ihrem, unserem Garten auch schon gepflanzt, und wenn das Projekt gelang, würde man später sicherlich in unserer Oderbruch- Heimat eine Straße oder einen Uferweg nach mir benennen. Die Menschen würden uns mit Ehrfurcht und Respekt grüßen. Wir säßen in unserem Garten unter dem Maulbeerbaum und schauten in die Abendsonne, dann uns in die Augen und wären zufrie-den. Ich konnte es kaum erwarten – so sah es zumindest in meinen Träumen aus. Alles war dafür bereit. 

Doch wie das Leben so ist, kommt es nur selten, wie es kommen soll, und vollführt tollkühne Kapriolen. Ich steckte mittendrin in meiner Konzeption, da kam unsere Chefin von ihrer Kontrolluntersuchung zurück und sagte „Scheiben-kleister“, kam von der nächsten zurück und von einer weiteren, schaute uns bekümmert an und teilte uns mit, dass Metastasen in der Leber entdeckt worden wären, sie die Agentur leider schließen würde und mit ihrem Mann zurück in die USA zu ihrer Familie ginge. Wir wickelten nun zu-sammen unsere Agentur und ich meinen Traum ab. 

Meine Chefin habe ich nie wiedergesehen. Doch ganz in ihrem Sinne begriff ich die neue Situation als Chance. Rosa und ich beschlossen, jetzt gemeinsam zu arbeiten und an einer Reisebürokette zu basteln. Das hieß für mich ihr – unser Geschäft zu erlernen, denn für einen PR-Berater gab es kein Geld. Ich musste die gesamten Buchungscodes auswendig können, mich bei den Veranstaltern auskennen, die Flughafenkürzel im Schlaf beherrschen, ich nahm sozusagen am „operativen“ Geschäftsablauf teil. An Rosas Seite machte es mir Spaß, gemeinsam mit Kunden an deren Reisevorstellungen zu tüfteln. Ich sah in dieser neuen Situation durchaus Chancen, meiner alten Profession nachzugehen und sie für das Reisebüro zu verwenden. Komisch war lediglich, vor den Mitarbeitern als Ungelernter und Liebhaber der Chefin dazustehen. 

Mich in einem Reisebüro wiederzufinden, hätte ich mir damals, als ich Rosa kennenlernte, nicht im Entferntesten vorstellen können. Damals saß ich allein an einem Tresentisch im York-Schlösschen, einer Altrockerkneipe in Kreuzberg 61, und wartete auf den Beginn eines Jazz-Konzertes in der Junction-Bar, nicht weit von dem Lokal entfernt. Eine Dreimannband spielte gerade im dicht gedrängten Kneipenraum alte Titel von Deep Purple und Uriah Heep mit richtigen, echten Gitarrenläufen und Schlagzeugsoli. Langes, schütteres Haar. Parkajacken. Tätowierungen. Einige Altrocker lehnten mit ihrem Bier in der Hand an der Wand, zwei Typen standen im Raum und schüttelten ihr langes Haar zu einer Art Tanz aus den Siebzigern. 

Ich saß, aß eine Boulette und trank ein kleines Bier. Wäh-rend ich so auf dem Fleisch herumkaute und die Haar-schüttler betrachtete, dachte ich über diesen Kulturschock zwischen dem Schlösschen und der Junction Bar mit völlig unterschiedlichen Gästen und Musik nach, und bemerkte, dass ich gerade diesen Gegensatz eigentlich liebte, beinahe so sehr, dass das eine ohne das andere gar nicht für mich funktionierte. Da fragte mich eine Frau in schwerer Seemannsjacke und Jeans, ob an meinem Tisch noch Platz sei und setzte sich ohne viel Aufhebens auf den Platz mir gegenüber. Sie schaute sich, seitlich sitzend, ohne ihr Jacke abzulegen, um. Die Situation schien ihr nicht fremd zu sein. Nach einem „Hallo“ des Tresenmanns schaute sie ohne ernsthaft zu überlegen in die Karte und bestellte wie selbstverständlich einen Black Bush Whiskey. Sie wirkte sicher, so schnörkellos integer, uninszeniert. Allein wie sie ihr Getränk bestellte, war trocken und selbstverständlich. Sie trank den Whiskey aus und ging. In der Junction Bar sahen wir uns wieder, am Tresen. Ich stellte mich zu ihr und fragte grienend, ob der Platz frei wäre. Auch sie erkannte mich. Sie roch nach keinem Parfüm, aber irgendwie vertraut. 

Ein Schwarzer sang verhalten und brüchig, es war in den niedrigen Souterrainräumen verraucht. Alles andere ist schnell erzählt: Ein Kuss auf dem Parkplatz danach, schnelles bei ihr Einziehen. Partnerschaft bis heute.
Ach ja, die PR-Konzeption für ihr Reisebüro schrieb ich noch für sie und wir eröffneten Jahre später gemeinsam eine Filiale in Ost-Berlin. Die ich dann leitete. 

Prophylaktischer Abschied 

Der Arztbesuch bei der Neurologin war alles andere als zufriedenstellend verlaufen! Nichts war geklärt, alles lag wie bisher im Nebel, konturenlos, verschwommen. Der Tag mühevoll und die Zukunft ohne Zukunft. Das Heute war wie das Gestern: nicht akzeptabel. 

Keine konkrete Diagnose, noch nicht einmal ein Rezept hatte ich bekommen! Die Frau Dr. Nervenärztin hatte mich im Ungewissen gelassen und auf die Ergebnisse durch das MRT auf ein Später vertröstet. Ich war enttäuscht, zumal ich den Verdacht hatte, sie wisse bereits Bescheid oder hatte zumindest eine Vermutung, die sie mit mir als kleinem Dummerchen natürlich nicht zu besprechen brauchte. 

Mir hätte es schon sehr geholfen, bereits bei diesem Termin etwas über meinen Zustand zu erfahren. Egal, ob es nun Ver-mutungen, Überlegungen, die Richtung von Wahrscheinlich-keit – eben das volle Programm an Wahrheiten gewesen wäre. Selbst Spekulationen wären mir lieber gewesen, als dieses wissende Doktorschweigen. 

So fühlte ich mich entmündigt und ein wenig schlechter, irgendwie kränker. Zumindest hatte die Ärztin mir durch eine Krankschreibung bis zum MRT bestätigt, dass ich mir nicht alles nur einbildete. Obwohl der Krankenschein keinerlei Bedeutung hatte, da Rosa und ich beide die Chefs waren, wirkte sie dennoch wie eine Legitimation, eine Entschuldigung für die häufigen Fehler auf der Arbeit. 

Trotz meiner Unzufriedenheit mit der medizinischen Kundenbetreuung nur so viel: allein dieses erste Zusammen-treffen mit einem Neurologen, so ahnte ich es ganz tief in mir, war eine Begegnung mit meinem Schicksal. Nicht so sehr die Untersuchung an sich gab meinen wirren Speku-lationen unheilvolle Nahrung, nein, es war vielmehr dieser Defätismus tief in meiner Seele, der meinte, Unheilvolles stünde bevor, alles würde noch schlimmer werden, als es jetzt schon aussah. Dies war nur der Anfang! 

Diese Vorstellung verfestigte sich beinahe stündlich, wurde immer bedrohlicher, eine Gewitterwand, die mein Sein restlos verdüsterte. Sturm zog auf, das war sicher.
Nicht allein die Angst wegen eines Tumors, der mittlerweile vor meinem inneren Auge zu kindskopfgroßen Metastasen aufquoll, der sich bereits an mir satt fraß, ließ mich ruhelos. Nein, es war vielmehr dieses Gefühl, ausgeliefert zu sein – dem Arztorakel, einer möglichen schlimmen Krankheit, diesem undefinierbar Unausweichlichen, Endgültigen, dass es einfach vorbei sein konnte mit mir, mit meinem schönen Leben. 

Natürlich fühlte ich mich bedroht! Dabei waren Krankheiten für mich nichts Fremdes. Im Gegenteil. Sie schienen wie Kletten an mir zu hängen. Die Krankheit, egal wie sie gerade hieß, war etwas, worauf ich mich in meinem Leben verlassen konnte. Doch bisher waren die Defekte, die durch sie aufgetreten waren, stets reparabel gewesen. Vielleicht war ich bisher zu leichtfertig mit meiner Gesundheit umge-gangen, hatte in meinem Überschwang gerade in der Jugend meinen Körper ignoriert, ich weiß es nicht. Jedenfalls machte ich sehr früh die Erfahrung, dass spätestens mit einer Operation, einem kleinen Schnitt, das aufgetretene Übel einfach beseitigt werden konnte. Danach lebte ich weiter wie bisher, als ob nichts gewesen sei. 

Damit es kein Missverständnis gibt, ich hatte mich nie aufs Kranksein gefreut, wirklich nie. Ich nahm die Krankheit eher wie ein Naturphänomen wahr, das über mich hereinbrach, ob ich nun wollte oder nicht. Und wenn es schon geschehen musste, sollte zumindest ein kleiner Nutzen, sozusagen ein kleines Glück im großen Unglück dabei für mich heraus-springen. 

Bisher war ich immer vom Schlimmsten ausgegangen. Das half mir, weitestgehend unangenehme Überraschungen in meinem Leben zu vermeiden. Ich hatte die Angewohnheit, jedes erdenkliche Szenario, sei es noch so düster oder absurd, zu entwerfen, und selbst die abwegigste Eventualität in mein Kalkül mit einzubeziehen. Wenn es dann anders kam, umso besser! Und es kam meistens anders, und falls einmal eine der erdachten tausend Möglichkeiten eintraf, hatte diese stets nur ungefähre Ähnlichkeit mit meiner Ausgangs-Katstrophen-These. Ich war mehr der Gedanken-verbrecher, der nicht wirklich stiehlt, aber dem es Spaß machte, sich das vorzustellen. Ich war verliebt in das Gedankenspiel. 

Bisher war die Apokalypse ausgeblieben.
Geblieben ist die Unerträglichkeit des Seins. Die Wehmut, jetzt und immer. Der mühselige Gang. Die Erschöpfung. Gestern wie heute. Und der morgige Tag bleibt den Launen meiner Krankheit überlassen. Von meinen Katastrophen-visionen ist nur das Gefühl übrig, allein im Wartesaal während einer langen Nacht zu sitzen und nicht zu wissen, wohin mein Zug eigentlich fährt. Schlimmer noch: ob er überhaupt kommt.
So sitze ich in einem Endzeitraum ohne Ausgang. 

Um die Tristesse in meiner Seele zu lindern, suchte ich mit Rosa in den unendlich langen Wochen zwischen der ersten Neurologenbegegnung und dem MRT-Termin lieb gewor-dene Plätze aus unserer gemeinsamen Zeit oder aus meiner eigenen Vergangenheit auf. Unbewusst wählte ich dabei Orte, die mit den Schlaglöchern in meinem Leben, den bisherigen Erkrankungen in Verbindung standen, oder andersherum, an denen ich mich besonders wohl gefühlt hatte. 

Ich war der festen Überzeugung, diesmal nicht so einfach davonzukommen, deshalb erschien es mir ratsam, mich von meinem bisherigen Leben, wenn nicht sogar ganz und gar, sozusagen sicherheitshalber zu verabschieden. Jedenfalls hatte ich dieses Bedürfnis. Man weiß ja nie. 

Wir fuhren an die Woltersdorfer Schleuse und weiter oberhalb des Kalksees entlang, bis wir an dem Grundstück anlangten, auf dessen seezugewandter Seite sich Kulissen-reste des Films „Der Tiger von Eschnapur“ befanden. Dieser Film entstand 1918, mit Exotikflair für die damalige Zeit, in Udaipur und Mysore in Indien und ganz profan auch hier, am kostengünstigen märkischen Gewässer. 

Früher benutzten wir immer unsere Beine für die Wegstrecke von der Schleuse, am See entlang bis hierhin. Niemals mit dem Auto bis vor die Tür sozusagen, das war etwas für Rummelplatzbesucher, für uns ein absolutes Tabu! Am meisten mochte ich den Weg, wenn ich Klarheit im Leben suchte. Dann war ich allein mit meiner Wut, meiner Trauer oder mit meinem Zwiespalt. Diesmal war all dies in mir und sogar noch ein bisschen mehr, dennoch war ich nicht allein, denn ein Mensch war an meiner Seite, der bereit war, alles mit mir zu teilen. 

Ich war nicht allein.
Treppenstufen aus Beton, für eine Filmsequenz ein indischer Palastaufgang, ein etwas abseits gelegener kleiner Pavillon, ebenfalls aus Beton, alles brüchig, überwuchert, vergänglich. Beinahe nicht mehr wahr.
Zeugnisse einer Illusion auf Zelluloid, morbid und schön. Darunter plätscherte unaufgeregt das Wasser, mehr Fluss als See an dieser Stelle. Ab und an tuckerte ein städtischer Ausflugsdampfer dahin. Beinahe Stille, wie bei fast jedem Besuch.
Dieser Ort wirkte auf mich geheimnisvoll und verwunschen. Mich faszinierte die menschliche Kraft, einem Gedanken beinahe aus dem Nichts heraus Leben zu geben und ihn nach seinem Nutzen bereitwillig wieder der Vergänglichkeit preiszugeben. Dieser Ort war für mich wie der Augenblick; in ihm zu versinken bedeutete für mich das Leben. 

Natürlich besuchten Rosa und ich auch Sanssouci, auf dessen langer Seitentreppe mich einst als Kind plötzlich Fieber schüttelte und ich sofort ins Bett dirigiert wurde. Am nächsten Tag war das Fieber wundersam-wunderbar vorbei. Allein meinem Körper verdankte ich es damals, dass ich die am nächsten Tag anstehende Horrorarbeit in Mathematik nicht mitschreiben musste. Mein Körper hatte mich vor Schlimmerem bewahrt. Die Krankheit wurde zum ersten Mal mein Retter aus höchster Not! 

Diese Erinnerung verbindet sich immer mit diesem Ort, egal, ob ich im Park von Sanssouci verliebt dahin schmolz, groß-artige Pläne schmiedete oder Dinge zum ersten Mal wahrnahm. Vielleicht erhoffte ich mir von diesem Besuch auf unserer Abschiedstour irgendwie eine erneute Rettung. 

Die damalige körperliche Verweigerung gegenüber etwas Unangenehmen wurde mit den Jahren symptomatisch, ich bildete mir später tatsächlich ein, mit Krankheiten nach Belieben spielen zu können. Mein Körper reagierte oft spontan, beinahe reflexartig, wie von selbst. Wurde etwas zu verworren oder schien unlösbar, wurde ich einfach krank. Damals in Sanssouci hatte ich tatsächlich so hohes Fieber. Die Hitzeschübe waren weder Einbildung noch von mir manipuliert. Auch hier war es eine Treppe, die zu etwas Wunderbarem führte. 

Natürlich mussten wir auch in Grünau den Berliner Stadt-forst besuchen, genauer die kleine, ganz versteckt liegende Waldgaststätte mit Selbstbedienung, unweit eines Tümpels. Wir waren an einem Ort, der mir nur dann einfiel, wenn ich bedingungslos glücklich war. Er war sozusagen das materialisierte Glück. Auch damals, nachdem ich Rosa kennengelernt hatte, verbrachten wir einen unserer ersten Frühlingssonntage dort. 

Vom Parkplatz mussten wir noch ein gutes Stück durch den Wald laufen. Dabei fiel mir auf, wie unsicher mein Gang auf dem unbefestigten Untergrund mittlerweile war, und dass ich mich häufig an Rosa festhalten musste. Wie lange das schon so andauerte, konnte ich nicht sagen. Doch bei einer Strecke, die man nur ein-, zweimal im Jahr nimmt, die zusätzlich in ihrer Beschaffenheit noch ungewohnter ist als der vertraute, gerade Stadtweg, werden die Defizite besonders deutlich. 

Das Lokal hatte sich zehn Jahre nach der Wende noch immer nicht verändert: Einige rustikale Tische standen ungeordnet auf der Wiese, bei einer Essensluke stellte man sich an, um Kaffee und Kuchen oder Kurzgebratenes zu bekommen. 

Ich erinnere mich, dass wir unsere Köstlichkeiten mit Schlagsahne von der Luke wie üblich zu einem freien Tisch trugen und ich dabei derart schwankte, dass ich den Kaffee verschüttete und mir beinahe der Kuchen heruntergerutscht wäre, und Rosa meine Dinge ohne viel Aufhebens mit auf ihr Tablett stellte. 

Als wir endlich an einem freien Tisch Platz genommen hatten, sahen wir an einem langen Nachbartisch den großen Dichter Stefan Heym sitzen, abgeschottet von jüngeren Menschen, wahrscheinlich den Enkelkindern oder Satelliten seines Ruhmes. Es war ein lauer Frühlingstag und seine Platzgefährten wickelten ihn fürsorglich in eine Decke. Mit schlohweißem Haar, einem gekrümmtem Rücken, in etwas buddhahafter Haltung lauschte er aufmerksam den Gesprä-chen am Tisch und blinzelte neugierig in die Umgebung. Dabei aß er das Stück Erdbeertorte mit der Freude eines Kindes und nippte vorsichtig an seiner Tasse Kaffee. Seine Platznachbarn bewirteten ihn ehrerbietend nachsichtig. 

Welcher große Mann saß im selben Garten wie ich! Seit ich denken konnte, bewunderte ich diesen Mann, ob als Querdenker zu DDR-Zeiten, als Schriftsteller oder als Alterspräsident des Bundestages für die PDS, jener Partei, die ihn zur Wahl aufstellte. Er war für mich stets ein Sensor gesellschaftlicher Entwicklung. Als Stefan Heym damals, 1994, als Alterspräsident des Bundestages seine Reden hielt, die Abgeordneten aller Parteien (ausgenommen seiner Partei) sich provokativ abwendeten, den Saal verließen oder laut und dümmlich dazwischenredeten, obwohl er wie immer kluge und weise Dinge aussprach, war ich doch sehr über die Respektlosigkeit entsetzt. Heym, ein kritischer Geist, im Bundestag wie auch auf Diskussionsbühnen in Kirchen, damals ein umjubelter Dissident und nun verachtenswertes Ärgernis. Bei den Bildern aus dem Bun-destag schämte ich mich für diese ungezogenen Menschen, die aufstanden und deren Horizont scheinbar nur bis zu den eigenen Diäten zu reichen schien. 

Dieser Mann saß mir nun gegenüber, kantig, charakterlich gerade und stets unduldsam gegenüber Ungerechtigkeit und Dummheit, über achtzig Jahre alt und mit gütigem Blick. Er hatte sein Leben gelebt, im Gegensatz zu mir. Ich fühlte mich in diesem Moment so hilflos und klein, da ich gern so kämpferisch wie Heym gewesen wäre. Doch daraus würde wohl nichts mehr werden, konnte ich doch nicht einmal mehr das Tablett mit Kaffee und Kuchen gerade halten. 

Natürlich musste unser Weg auch zum Lungensanatorium nach Beetz- Sommerfeld führen, in dem ich mit dreiund-zwanzig mehrere Monate zubringen musste, nachdem bei mir 1979 Lymphknoten-TBC festgestellt worden war.
Das war schon damals für mich eine verblüffende Anlage: Inmitten der märkischen Kiefernwälder, kaum eine Stunde von Berlin entfernt, empfing mich unvermutet ein archi-tektonisches Konglomerat aus Schweizer Bergdorf und Gründerzeitvillen, etwas überdimensioniert, etwas neben der Zeit. Den Mittelpunkt der Anlage bildeten zwei langge-streckte Patientenhäuser auf zwei Ebenen und ein neuer Operationstrakt, die zusammen ein durchgängiges U erga-ben. 

Die Patientenhäuser waren so überdacht, dass ein durch-gängiger Laubengang an den oberen Etagen beider Häuser entstand. Dort standen Liegebetten am Tag für die Luftkur. Dieser Laubengang war nicht nur für die Erholung der Patienten gut, sondern am Wochenende, bevor die Besucher kamen, fand auf dem Laubengang ein regelrechtes Bettrücken zwischen den Zimmern statt. Die genehme Ordnung für die Zurückgebliebenen wurde wiederherge-stellt. Die Klinikleitung duldete dieses Patientendurch-einander, da Freude und Lust unserer Heilung dienlich sein sollten. 

Große, holzgefertigte Erker, schwer und düster, begrenzten die Häuser. Eine Tischtennisplatte und Bänke an der Brüstung waren unser beliebter Treffpunkt, denn Fernseher auf den Zimmern waren damals noch nicht üblich. Neben dem Hauptgebäudetrakt befanden sich die villenartigen Gebäude ohne erkennbaren Plan weit verstreut auf dem Gelände. Ganz am Eingang residierte der Direktor.
Die kleineren Häuser erschienen mir wie Trutzburgen, aber auch einer erdachten Puppenstubenidylle nicht unähnlich, düster und heiter zugleich. Nicht verwunderlich, denn die gesamte Anlage war in einer Zeit entstanden, als der Mensch bei lauter industrieller Revolution und Serienbau sich sehnsüchtig Geborgenheit und alte Werte wünschte. 

Damals umgab die Anstalt ein schier endlos anmutender Park, der bis hinab und beinahe ganz um den kleinen See reichte.
Als ich die Diagnose TBC erhielt, war ich keineswegs entsetzt, im Gegenteil. Diese Erkrankung war wie eine Auszeichnung der Natur. Wer schon hatte damals noch TBC! Ich fühlte nur, dass etwas Großartiges mit mir geschehen musste, dass eine Arte höhere Macht etwas für mich vorsah, einen höheren Plan hatte, den ich noch nicht erkannte. Sämtliche meiner Krankheiten begriff ich als Aufgabe, die ich erleben, durchleiden und lösen musste, um mich zu vervollkommnen. Diese war allerdings für mich eine ganz besondere. TBC, das war für mich die Krankheit der feingliedrigen, empfindsamen Menschen. Unwillkürlich musste ich damals an Spinell denken, die tragische Figur aus Thomas Manns „Tristan“, einer Erzählung, die wohl als eine Art Vorarbeit zum Zauberberg anzusehen ist und ebenfalls in einem Sanatorium, aber eben bei Davos spielt. Dieser Spinell war nicht wirklich krank, lebte aber unter Kranken und genoss dieses Privileg. Und obwohl ich bewiesener-maßen krank war und genügend unangenehme Dinge über mich ergehen lassen musste, fühlte ich mich eher wie ein Besucher, wie ein Gast, der die Szenerie zwar als spannend, ja sogar aufregend empfindet, aber eben als eine, von der er sich jederzeit wieder verabschieden konnte. Es war gerade so, als schaute ich mir selber zu, auf die Dinge, die mit mir passierten. 

Alles fing harmlos an. Ich hatte mir einen großen Knoten am Hals entfernen lassen, der zunehmend auf meine Speiseröhre gedrückt hatte. Allerdings war es weniger die Geschwulst, die mich zu einer OP veranlasste, als vielmehr die Chance, durch die Operation eine Zeit lang dem Alltagstrott der Wartezeit auf mein Studium zu entfliehen. Sofort erkannte ich die Möglichkeit, die Zeit zwischen meinem Militärdienst und dem Studium nicht mit meinem erlernten, freudlosen Beruf als Funkmechaniker überbrücken zu müssen. 

Abgesehen von der unangenehmen Spritzen- und Tabletten-behandlung war es vor allem der Ort, an dem ich im Park wie fanatisiert Pilze sammelte und mich in einen Gebär-mutterhalskrebs von Station 2 verliebte.
Im Sanatorium wurde das Tablett mit mehreren kleinen und einer besonders großen Spritze zu einer permanenten Bedrohung. Jeden Tag, Woche um Woche, vier Monate hindurch, ob Tag, ob Nacht, alle sechs Stunden erhielt ich sie. Die verabreichten Substanzen verursachten solche höllischen Schmerzen, dass ich eines nachts, als wieder die Tür unseres Patientenzimmers aufging und sich im fahlen Flurlicht die Schwester mit dem Tablett in der Hand im Türrahmen abzeichnete, noch im Halbschlaf auf der anderen Seite meines Bettes heraussprang und ausweglos versuchte, vor ihr zu fliehen. 

Auch Röntgenbilder en gros, Untersuchungen und das tägliche Sterben waren im Sanatorium zu meinem Alltag geworden. Es war alles sehr merkwürdig. Nach dem stationären Aufenthalt musste ich noch ein weiteres Jahr Tabletten einnehmen. Diese acht, zehn oder mehr Tabletten, die ich an einem festen Tag in der Woche unter unerbittlicher Aufsicht einnehmen musste, waren nicht weniger ein Horror als die Spritzen. Mir wurde jedes Mal ekelerregend übel. Mein Körper wehrte sich zunehmend gegen die Einnahme. Mir wurde kalt, mein ganzer Körper zitterte, meine Knie wurden weich, der Magen krampfte. Nach sechs Monaten erbrach ich mich regelmäßig vor der Tür des Ärztehauses. Davon erzählte ich natürlich nichts. Im Gegenteil, ich ließ die Ärztin im Glauben eines vollen Therapieerfolgs. 

Während dieser Erkrankung bekam ich den Makel, nicht mehr zu den Gesunden zu gehören, deutlich zu spüren. Der Vater meiner damaligen Freundin riet nach der Diagnose TBC wiederholt seiner Tochter, sich von mir, dem Krüppel, zu trennen. Als es trotz der Tabletten scheinbar immer schlechter um mich stand, hörte sie endlich auf die Forderung ihres Vaters und vollzog die Trennung. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, am Ende des Jahres zu heiraten. 

Diese knapp drei Monate bis zum MRT hatte Rosa mit Ausflügen extra vollgepackt, in der Hoffnung, dass ich nicht allzu viel nachdenken würde. Hinzu kam die Arbeit, die sich nicht von allein erledigte. Ich war davon ziemlich erschöpft, doch die lauen Vorfrühlingstage und das Auffrischen meiner Erinnerung durch unsere Touren ließen mich meine Sorgen beinahe vergessen. An Rosas Seite fielen mir die Strapazen kaum auf. Neben ihr fühlte ich mich sicher. Ich hatte auch das Gefühl, als ob meine kleinen Gebrechen weniger stark wären. Allerdings vermieden wir unnötige Anstrengungen. Wir fuhren soweit es ging mit dem Auto an die Schauplätze oder ich blieb im Wagen sitzen. Nur Rosa stieg aus und erzählte mir anschließend von ihren Eindrücken. 

Doch der Besuch des Klosters Chorin war ein Muss. Beinahe in jedem Jahr besuchten wir die Aufführungen der Brandenburgischen Konzerte im zum Hof hin offenen Kirchenschiff. Wie oft hatten wir träge auf der Wiese liegend der Musik gelauscht und dabei über die unterschiedlichen Fenstergrößen nachgedacht, die so gar nicht in die heutige architektonische Ausrichtung passten. Wir fanden das Gemäuer mit und ohne Konzert wunderschön und während unserer Betrachtung kam uns der heutige Mensch in seinem Bestreben nach Uniformierung lächerlich vor. Es war jedes Mal sehr entspannt. Anschließend spazierten wir stets um den See. Das waren Sonntage, die mir in den Sinn kamen, als wir jetzt beinahe allein zu dieser Jahreszeit hier waren. 

Natürlich durfte das Oderbruch nicht fehlen, doch das mussten wir nicht hervorgehoben besuchen. Rosa besaß hier ihr Bauerngehöft, das wir sowieso beinahe an jedem Wochenende aufsuchten, um es instandzuhalten.
Als sie mich gleich nach unserem Kennenlernen, an einem heißen Augustsommertag, zu ihrem Bauernhaus führte, um es mit mir anzuschauen, war ich vom Oderbruch geradezu überwältigt. Weit war das Land, still, baumlos, mit Alleebaumstruktur, keusch und gleichzeitig so schamlos und versaut. Dass sie mir damals so schnell ihr kleines Paradies zeigte, hatte wohl einen praktischen Hintergrund. Ihr Irrtum war es aber anzunehmen, dass in jedem Mann ein kleiner Handwerker steckt. 

Auf dem Rückweg unserer ersten gemeinsamen Oderbruch-reise haben wir in Buckow in der Märkischen Schweiz halt gemacht. Als wir über das obere Schulzendorf dorthin fuhren, war ich von dieser absurden Gebirgslandschaft in einem Trichter überrascht, weil wir uns ihr über eine Serpentinenstraße abwärts näherten. Bevor ich Rosa kennenlernte, hatte ich die Märkische Schweiz immer nur vom flachen Müncheberg aus bereist, also durch weite Felder, über sanfte Hügel ins Kurstädtchen Buckow. Das war eine typisch märkische Landpartie für mich gewesen. Auf dieser ersten gemeinsamen Fahrt ins Oderbruch hatte mir Rosa eine völlig andere Perspektive geschenkt. 

An dem Abend damals, 1993, war ich ziemlich erschöpft. Trotzdem schlenderten wir verliebt um den Buckower See. Ich musste immer öfter anhalten, um Atem zu holen. Ich kaschierte meine Erschöpfung, indem ich mich schwärme-risch an einen Baum lehnte oder etwas auf der Erde zu entdecken schien. Meine Beine wurden schwerer, in meinem Kopf drehte es sich. Wir waren eine oder zwei Stunden unterwegs, da entdeckte ich in meiner Not eine Bank abseits auf einer Wiese. Ich war derart erschöpft, dass ich ohne ein Wort zu verlieren Rosa stehen ließ und auf sie zu torkelte. Dann saß ich auf der Bank, mitten auf einer feuchten Uferwiese, den Kopf gesenkt. Unzählige Mücken um-schwirrten mich. Ich weiß nicht, wie viele Insektenstiche es waren, ich glaube, sehr viele, doch mir fehlte die Kraft, die Plage fortzujagen. Ich war vollständig fertig. 

Rosa reagierte damals ziemlich irritiert. Sie beobachtete mich vom Seeufer aus, lächelte gequält, mit hilfloser Geduld. Nach der Schwächeattacke und dem Mücken-schwarm suchten wir in Buckow ein Lokal auf. Bis wir dort ankamen, sprachen wir kein Wort mehr. Auf der Toilette hielt ich meinen Kopf unter den Wasserstrahl, ließ das Wasser über meine Hände laufen. Bereits nach relativ kurzer Zeit war ich wieder fit. Als ich an unseren Tisch kam, schaute mich Rosa ängstlich an. Auch sie hatte damals keine Erklärung dafür. 

Diesmal saßen wir wieder in dem Restaurant von damals, sogar am gleichen Tisch, auf denselben Plätzen. Wir beide erinnerten uns an die Begebenheit mit den kleinen Vampiren. Nur meinte sie, ich wäre schon nach einer Viertelstunde zu dieser Bank gewankt und nicht wie ich annahm, nach über einer Stunde.

 

2. Kapitel 

Lange Röhre, lange Nadel oder
Eins, zwei, drei – ich bin dabei 

Während unseres kleinen „Marathons der Abschiede“ quer durch meine und Rosas gemeinsame Vergangenheit hatten sich meine Sorgen beinahe vollständig aufgelöst. Wir schwelgten in unseren Erinnerungen, die sich mit den aufgesuchten Orten verbanden. Damals hatten wir auf unseren Entdeckungsabenteuern im Berliner Umland schnell gespürt, dass es zwischen uns eine gewisse Seelenver-wandtschaft geben musste. Und jetzt entdeckten wir erneut Dinge, die unser Zusammenkommen noch heftiger bestätigten. Unser Beginn war leicht und äußerst heiter gewesen. Mein Gefühl sagte mir damals, genau wie heute, „mit Rosa, und nur mit ihr, kann, will und werde ich alt werden!“ Das Fantastische an unserer Beziehung war, dass wir einander Geliebte und Kameraden zugleich waren. Was gibt es Schöneres? 

Auf den Fahrten erneuerten wir unseren Pakt.
Aus der geplanten Abschiedstour war eine Vergessenstour meiner, unserer Sorgen geworden. Ich stellte verwundert fest, dass ich meine körperlichen Aussetzer kaum noch als störend empfand. Ich war überrascht, wie leicht es war, die Gegenwart auszutricksen, denn meine körperlichen Ein-schränkungen waren ja nach wie vor vorhanden. Auf unseren Fahrten hatte ich an mir erleben können, dass ich mit meinen kleinen Handicaps durchaus leben konnte, sie nebensächlich wurden, wenn das Wesentliche stimmte. Die Gedanken an meine Probleme wurden kleiner und wichen wieder dieser Leichtigkeit, mit der ich früher mein Leben genommen hatte. Mein gebrechlicher Körper beeinflusste meine Wahrnehmung in keiner Weise. Im Gegenteil! Ich sah, wie die Empfindung schöner Dinge losgelöst von meinem Körper stattfinden konnte, und dass diese Momente mehr zählten als die Ungewissheit. Ich sah die Schönheit der Augenblicke. Ich sog sie auf und war zumindest im Kopf für mich wieder der, den ich kannte.
Ja, die Sache mit der Einstellung, das positive Denken, könnte ich jetzt sagen. Es gelang mir, zumindest für einen überschaubaren Zeitraum, die negativen Gedanken auszu-schalten und mich sogar auf das bevorstehende MRT zu freuen. Allein der Name – Magnet-Resonanz-Tomographie – klang für mich plötzlich aufregend, klang nach Spannung, nach Nicht-Alltäglichem, und hatte nichts Bedrohliches an sich. Ich freute mich wie ein Eventsüchtiger darauf und außerdem war ich froh, dass die Zeit der Ungewissheit endlich ihrem Ende entgegen ging. Bereits in ein paar Tagen würde ich Bescheid wissen…

 

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