Jemand anderes sein


Schon als Kind hatte ich den Wunsch, jemand anderes zu sein. Das erste Mal war es nach der Zeugnisausgabe der ersten Klasse. Ich spielte auf dem Hof des Zweireihenhauses. Die Nachbarin, Frau Zetsche, fragte mich erwartungsfroh, „na, wie wars?“ Ich antwortete beim Spielen, „naja, ich bin sitzen geblieben“. Damals flüchtete ich mich in die kindliche Phatasiewelt, war Indianer – immer ein Guter. Das war wie man so sagt, altersgerecht. Später hatte ich den Kammeraden immer etwas besonderes, anderes zu erzählen. Ich merkte nicht, dass mir diese Art negativ ausgelegt wurde, ich war ein Prahler, bestenfalls ein Spinner. Für meine Mutter war ich der Junge, der sich alles einbildet. Nur ich war von dem, was ich erzählte, fest überzeugt. Schnell hatte ich das Gefühl, dass mich keiner versteht. So spielte ich mit vielen Mensch-ärgere-dich-nicht-Steinen auf einer Decke, die ich zu einem Bergmassiv formte, Schlachten. Grün und rot waren die Guten, schwarz, blau und gelb waren stets die Bösen. Mehr brauchte ich nicht für mein kindliches Glück. Aus Ungarn hatte ich eine Kinder-MP mit Zündplätzchen bekommen. Ich erzählte meinen Klassenkammeraden, ich sei Kadett. Keiner zweifelte diese Lüge an, obwohl es ja in meinem, unseren Land gar keine Kadetten gab. Jeden Sonntag musste ich zur Übung. Verstohlen beobachtete ich die Kammeraden geschützt durch die Gardine beim Spielen. Das war schon schlimm, doch als Kadett in der Ausbildung musste man eben auf einiges verzichten. Jedenfalls musste ich Montags in der Schule erzählen, was ich alles beim Manöver machen musste, geschossen habe ich auch, das brachte mir eine staunende Bewunderung ein. Bei unserem Räuber und Gendarm spielen über die Hinterhöfe in unserem Karree im Prenzlauer Berg war ich dadurch schnell der Berater für unsere Straßenstrategien.
Später hatten meine Eltern die Angewohnheit, sehr oft umzuziehen. Ich war von der ersten Klasse daran gewöhnt. Dass ich keinen Freundeskreis aufbauen konnte und wenn, dann für maximal zwei Jahre, nahm ich als gegeben hin. Manchmal war ich traurig doch meist überwog die Spannung, was mich dort erwarten würde. Mulmig war mir schon, denn frühzeitig erfuhr ich die oftmals brutale Ausgrenzung des anderen, den man vielleicht nicht versteht, der ich nun mal in Person war. Doch das nahm ich als ein leidiges Übel hin. Sofort spielte ich ein komplette Rolle, und das bis ins Detail. Ich schlüpfte in eine andere Person, die ich dann für die nächsten Monate spielte. Manchmal war es so, dass ich auf den nächsten Wegzug ungeduldig wartete, denn noch ein Monat länger und mein Lügengerüst, meine Konstruktion wäre in sich zusammengebrochen.

Meine Eltern hatten die Angewohnheit, sehr oft umzuziehen zu müssen. Ich war von der ersten Klasse daran gewöhnt. Das ich keinen Freundeskreis aufbauen konnte und wenn dann für maximal 2 Jahre nahm ich als Gegeben hin. Manchmal war ich traurig doch meist überwog die Spannung was mich dort erwarten würde. Mulmig war mir schon, denn frühzeitig erfuhr ich auch die brutale Ausgrenzung des Anderen, den man vielleicht nicht versteht und der ich in dieser Situation nuneinmal in Person war. Doch das nahm ich als ein leidiges Übel hin. In neuer Umgebung spielte ich mühelos eine komplett andere Rolle. Ich war eine andere Person, die ich dann angepasst an die neue Umgebung für die nächsten Monate war. Manchmal wartete ich auf den neuerlichen Wegzug, denn noch einen Monat und mein Lügengerüst, meine Konstruktion wäre in sich zusammengebrochen wie das meiner Kadettenlaufbahn
Es macht auch gar keinen Spaß hinter der Gardine zu stehen, nur weil man Kadett ist.




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