Der Postfluch

Der Feuerlöscher, Der erste Tag, Bam Bam, Die erste Schwangerschaft, Rudi, Das Arbeitsamt

Schulz, von dem hier die Rede ist, wuchs in der DDR auf und in diesem Land war entweder eine Lehrausbildung oder das Abitur ein Muss. 
Schulz war sehr bequem und ohne großen Ehrgeiz. Ihm fehlte der Ansporn für eine akademische Ausbildung. Daher hieß es am 1. September 1972 für ihn, irgend einen Beruf zu erlernen.
So oder so begann für Schulz mit diesem Tag der Ernst des Lebens! Daran war nichts zu ändern.
Durch die 16 Jahre seines bisherigen Lebens war er mit einer sympathischen Naivität ohne nennenswert zu straucheln, gestolpert. Ihn begleitete stets eine Unbeschwertheit, die Menschen eigen ist, denen materielle Sicherheit eine Selbstverständlichkeit ist.
Diese Naivität verzögerte seine Entscheidungen erheblich. Er sprach langsamer als er dachte. Dadurch machte er fast keine Fehler auf gesellschaftspolitischem Parkett. Gesellschaftspolitisch nannte man das Verhältnis des Einzelnen zum Staat, der gleichzeitig die Gesellschaft war. Und wenn man auf diesem Gebiet unauffällig, sprich linientreu war, hatte man nichts auszustehen. Da konnte man leistungsmäßig sein wie man wollte. Sollte er zu schlecht werden, gab es das Kollektiv, das sich um einen kümmerte.
Er war ein Mitläufer, denn er wusste es nicht besser. 
Unauffällig, arglos und bescheiden war er. Schulz, ein typisches Kind der DDR mit einer Ambivalenz zum eigenen Ich. Weshalb sollte es auch anders gewesen sein? Die 16 Lebensjahre waren durchaus in gesicherten und geregelten Bahnen verlaufen, ruhig, ohne Auf und Ab. Der Weg war von der Wiege bis zur Bahre geregelt. Existenzangst war ein Fremdwort und gehörte auf die andere Seite der Mauer, in den Westen.

Doch leider war auch mit der nicht vorhandenen Existenzangst bei ihm die Lust auf Selbstbestimmung abhanden gekommen. Das war die logische Konsequenz bei so viel sozialem Gleichklang. 
Schulzes Leben war ein Heimatfilm ohne Dramaturgie! Bisher, zumindest, denn jetzt sollte der Ernst des Lebens beginnen, wie es hieß. Der Beruf sollte ihn immerhin durch sein ganzes weiteres Leben begleiten.
Schulz war sehr aufgeregt. Er war überpünktlich auf den Beinen, aß unkonzentriert sein Marmeladenbrot, packte seine Schulmappe und nahm sich wirklich fest vor, in den nun folgenden drei Lehrjahren  ein mustergültiger Schüler zu werden. „Auch wenn die Zeit freudlos wird, du musst das schaffen“, meinte Schulz, „beiß einfach die Zähne zusammen!”. Er versuchte sich mit dem Mut eines Verzweifelten in das Wagnis Lehre zu stürzen.
Weder Fehlzeiten noch Ablenkungen wollte er dulden. Nur büffeln und dem Lehrmeister zuhören stand jetzt auf seinem Lebensplan!
Dennoch hatte Schulz seine Zweifel. Er kannte sich gut genug und sah, wenn er ehrlich war, nur geringe Chancen, die kommenden Jahre erfolgreich durchzustehen. 
Zu allem Übel steckte er auch noch in einer Postuniform, die er bereits eine Woche vor Beginn aus dem Fundus der Post abholen musste. Die Mutter nutzte diese Woche, um die Uniform so weit umzuarbeiten, dass sie wenigstens halbwegs passte. Denn auch wenn der Beamtenstatus in der DDR abgeschafft war, war der Post doch die Uniform geblieben.
Der Mutter war es aber letztlich egal.
Ihre Nähkünste machten aus seiner Uniformhose einen Sack.
Er presste die Schirmmütze seiner peinlichen Postuniform unter den Arm. Dieses lächerliche Ding musste er zu feierlichen Anlässen wie der Schuleinführung tragen. Den Hut ohne Not aufzusetzen, war aber zu viel. Allein schon diese unförmige und vollkommen unmodische Uniformjacke samt Hose war auffällig genug. Es juckte und kratzte am ganzen Körper.
Außerdem, wie sollte die  Mütze auf seinen schulterlangen Haaren aussehen? 
Und was sollten die Leute im Haus und im Bus von ihm denken? 
“Schulz, diese drei Jahre, was ist das schon gegenüber deinem Leben?”, redete er sich beim Zuschließen der Wohnungstür erneut ins Gewissen und nahm doch sicherheitshalber die Treppen der 12 Stockwerke, damit ihn die Blonde aus der 9. Etage nicht sieht, denn dann wäre er mit Sicherheit in der Erde mindestens auf nimmer Wiedersehen verschwunden.
Am Alex stieg er in 57er Bus. Er ergatterte einen Sitzplatz und war sehr erleichtert, denn der ganze Bus war voller uniformierter Lehrlinge, die einander noch neugierig beäugten. Schulz war nicht allein. 
Er legte die Tasche auf seinen Schoß, da sich bei den monotonen Bewegungen des Busses sein bester Freund in der Hose hartnäckig bemerkbar machte. Gerade jetzt stand er wie eine Eins. Schulz versuchte an etwas Unverfängliches zu denken. 
Warum musste gerade an diesem wichtigen Morgen sein Trieb sich über seine guten Vorsätze lustig machen? Zwecklos. Beim ruckartigen Anfahren des Busses, juchzte ein vor ihm stehendes Mädchen und ließ sich auf seinen taschengeschützten Schoß fallen. Ihr Haar an seiner Nase duftete verführerisch. Da auch sie offensichtlich zur Postschule fuhr, ahnte Schulz für die kommende Zeit nichts Gutes. 
Die Schule lag an der Endstation. Tatsächlich wollten alle Jugendlichen aus dem Bus in seine Schule. Die Lehrmeister sortierten die Schüler nach Klassen bis sie alle ordentlich zum Appell im Hof der Schule im Hufeisen um den Direktor und andere scheinbar maßgebliche Postler standen. 
Seine Klasse bestand nur aus Jungs, andere nur aus Mädchen. Schulz gehörte, wie er später lernen sollte, zu den Grauen, den „Technikern“ des Schulbetriebs. Das waren die Klassen rund ums Telefon, Kabelzieher, Kabelmesser, Entstörer und ganz oben in der Annerkennungshierarchie standen die vom Amt. Schulz  gehörte zu den Entstörern oder den „Zerstörern“ wie sich die Schüler grienend gleich  selber bezeichneten.
Die Klassen der Mädchen waren Postamtklassen, Stempelmietzen und Paketstaplerinnen, wie sein Nachbar gleich wusste. Nach der feierlichen Ansprache durch Gurke, den Direktor, der seinen Spitznamen noch im “Still gestanden” von den Lehrlingen erhielt, da sein Gesicht wirklich einer Gurke glich, ging es zum ersten Unterricht. Die Klasse versammelte sich vor dem noch abgeschlossenen Raum. Schulz stand neben zwei anderen Schülern, die am Feuerlöscher neben der Eingangstür lehnten. Er hörte einen spannenden, jedoch für seine guten Vorsätze Unheil verkündenden Dialog der beiden. “Du traust dich nicht!”. “Na klar!”. “Du traust dich nicht!”. “Wollen wir Wetten?”. “Fünf Mark, bekommst du”. Da haute der, der sich nicht trauen sollte auf den Knopf des Feuerlöschers. Der Flur, die Wartenden, einfach alles schwamm im Schaum des Stundenlöschers, denn unter Aufsicht eines wütenden Lehrmeisters musste die gesamte Klasse die kommenden Stunden wischen, wischen und nochmals wischen. Die Schüler schauten sich vorn über die Wischlappen gebeugt an und grienten. Schulz war mitten drin. Bereits in diesen Minuten wehrte er sich nicht mehr gegen das aufkommende Gefühl, das die Ausbildung ihm doch auch viel Freude breiten wird. Ja, er war beinahe erleichtert, dass es wahrscheinlich mit dem Ernst des Lebens doch nicht so schlimm werden würde. 

Der zweite Tag

Schulz war froh, den ersten Tag derart gut überstanden zu haben. Im Gegensatz zu seinen Erwartungen und dem mulmigen Gefühl in seiner Magengrube schienen die kommenden drei Jahre nicht ohne einen gewissen Reiz zu sein. Dabei dachte er weniger an den Feuerlöscher als vielmehr an den lockeren Umgang im Bus, das Mädchen das sich mit scheinbar viel Freude auf seinen Schoß fallen gelassen hatte. Lehrling sein war in dieser Beziehung doch viel Erwachsener als das Dasein in der Oberschule.
Der zweite Tag als Lehrling der Nachrichtentechnik bestätigte die Vermutung! Keiner in der Klasse trug noch die Postuniform wie es eigentlich in dieser verstaubt hierarchischen Institution vorgeschrieben war und die gestern noch jeder an hatte. Heute waren es allein die Lehrer, die ihre Zöglinge in der Posttracht erfreuten und sehr autoritär und steif daher kamen. 
Die Klasse hatte sich schnell nach Interessengruppen gegliedert. Die Sitzordnung entsprach meist auch der späteren Leistung des Einzelnen. Schulz saß sehr weit hinten. 
Einen der neuen Mitstreiter kannte er noch vom letzten Ferienlager vom Betrieb seines Vaters. Es war Rudi, der sich sofort in die erste Reihe setzte.
Jeder Lehrling stellte sich in der ersten Unterrichtsstunde mit seinem Lebenslauf und dem Motiv seines Berufswunsches kurz vor. Schulz traute seinen Ohren kaum. Kaum einer seiner neunundzwanzig Kollegen hatte tatsächlich vor, später einmal in der Nachrichtentechnik, geschweige denn bei der Post zu bleiben. Viele brauchten einen Grundberuf für beabsichtigtes Studium oder einen weiterführenden Beruf, andere wussten mit Sechzehn einfach noch nichts Besseres für ihr späteres Leben. Eine Lehre musste damals in der DDR sein, denn wer nichts machte war in den Augen des Staates asozial. Schulz war ein Gebilde aus allen diesen Motiven. 
Schulz musste bei der Vorstellung der Schüler leise in sich hinein schmunzeln. Mit jeder neuen Schilderung wirkte der Klassenlehrer in seiner Postuniform verspannter und nervöser. Irgendwann platzte ihm der Kragen. Beinahe verzweifelt sah er die Klasse an und drohte. “Fast allen die die Post verlassen haben, ist ein Unglück geschehen. Sie sind krank geworden oder hatten einen Unfall. Bestimmt haben viele ihren Schritt bereut!“ Seine Worte konnte er selbst nicht ernst nehmen, denn er musste bei seinen Orakelsprüchen grienen. Doch seine Verachtung diesem unmotivierten Haufen gegenüber war echt.
Die Eltern der Schüler waren entweder Ministeriumsangehörige, hochrangige Offiziere der Staatssicherheit, der Polizei und Armee, oder saßen in der Staatsverwaltung. Einer mit Stasieltern war Blume, den er wiederum aus der zehnten Klasse, seiner Schule aus dem Heinrich-Heine-Viertel kannte. Er gehörte zu denen, die damals in den Februarferien mit einer langen Leiter an der Mauer entlang gelaufen waren. Dieser Februarlauf mit der Leiter an der Mauer entlang war kein Widerstand oder ein Aufbegehren gegen den Staat. Es war einfach nur Langeweile, mal eben etwas anderes machen. Es war einfach nur lustig. Schulz war damals froh, ausgerechnet in diesen Ferien das erste und letzte Mal in seinem Leben im Ferienlager gewesen zu sein, denn er hätte sich gut vorstellen können, mit dabei gewesen sein zu können.
Wegen versuchter Republikflucht saß Blume bis jetzt im Knast und Schulz freute sich, dass man ihn entlassen hatte. Er wirkte sehr ruhig und überlegt und meinte, dass er es seinem Stasivater zu verdanken hatte, jetzt draußen zu sein. Dennoch empfand er seinen “Alten” als Schießbudenfigur. Er gesellte sich zur Hard Rock Abteilung der Klasse, die ihre Gedanken regelmäßig im Alkohol ertränkte. 
Den anderen Teil machten Schüler aus, die bei Verwandten aufwuchsen, da die Eltern allein vor 1961 in den Westen gegangen waren und der Mauerbau ein Nachholen der Familie unmöglich machte, Sprösslinge von staatsdistanzierten aber gutbetuchten Handwerkern, deren beinahe jede Äußerung im Gegensatz zur Staatsdoktrin stand. Der verschwindende Teil der Klasse stammte aus unauffälligen Verhältnissen wie kleineren Angestellten von Post und Reichsbahn. Die unterschiedliche soziale Herkunft spielte jedoch überhaupt keine Rolle in Bezug auf die Position in der Klasse. Schließlich verband alle die Unlust am zu erlernenden Beruf. Bereits nach wenigen Tagen hatte sich die Klasse dann auch nach Interessensgebieten formiert. Man sprach sich mit Nachnamen an. Den Kern bildeten die Musiker, von denen einige später in bekannten Bands spielen sollten. Da war Schirmi, der zu jeder Gelegenheit  Luftgitarrensoli hinlegte, oder der Schlagzeuger Krause, der alle Klassenutensilien als Trommeln ansah. Zu ihnen gesellte sich Rudi. Von seinen leidlichen Gitarrenkünsten hatte sich Schulz beim Baudenabend des Ferienlagers überzeugen müssen. Rudi wollte im Übrigen zu jener Zeit nichts von Schulz wissen. Zu sehr gehörte er zu der umschwärmten Gruppe und Schulz war nur ein aufmerksamer Mitläufer. 
Dann gab es noch Artisten und einige wenige, die in artnahen Berufen aufgehen wollten. Das Gros machte eine Gruppe aus, die später als Studiotechniker arbeiten wollten und elektronische Musik hörten. Dieser schloss sich Schulz an. 
Am Verwegensten fand Schulz einige Einzelgänger, die zu jeder Zeit entweder einsilbig sprachen oder coole Sprüche klopften. Besonders amüsant waren die zu mündlichen Leistungskontrollen, bei denen sie die Lehrer zur Weißglut trieben. Sie schlossen sich keiner Gruppe an, waren aber überall gern gesehen und ein gewisser Gradmesser für die Akzeptanz eigener Bonmots. Man buhlte um sie und freute sich schon, wenn man sie für einige Zeit in ein Pausengespräch verwickeln konnte. Sie trugen ausnahmslos US-Parka, lange Haare und Kletterschuhe. Schulz bewunderte sie.
Jeder Tag war ein Erlebnis, wenn nur nicht der Unterrichtsstoff gewesen wäre. Drei Tage in der Woche war theoretischer Unterricht, vor dem unser Schulz höllischen Respekt gehabt hatte. Elektrotechnik, Elektronik, Physik und Mathematik gehörten zu den Kernfächern, die ohne große Nebenwirkung drei Jahre an ihm vorüber gingen, ja es war die Fortsetzung der totalen geistigen Abwesenheit in sämtlichen naturwissenschaftlichen Fächern, die ihm noch aus der Schulzeit vertraut war. Seine Schönrednerei bei der Wahl dieses Berufs, “ich will gerade das lernen, was ich überhaupt nicht kann”, klang damals schon sehr verzweifelt, aber jetzt war es nur noch ein tagtäglicher Masochismus. Und dennoch waren gerade diese Tage besonders aufregend. Beinahe in jeder Stunde ereigneten sich sehr komische Sachen und die Pausen waren das Lustigste was er bis dahin in einer Gemeinschaft erlebt hatte. Kaum einer machte sich besser als er und die wenigen Streber waren gleich in den ersten Unterrichtsstunden auf ein angemessenes Maß zurechtgestutzt worden. Es war sogar noch besser, denn es gab wenige Leistungsgrößen, die so gut waren, dass sie selbst auf mathematischem Gebiet die Lehrer zum Vergnügen aller vorführten. Die Klasse war eine Gemeinschaft und Schulz war ein unauffälliger Bestandteil von ihr.

Bam Bam

Auf die hintere Bank neben Schulz hatte sich bereits in der ersten Stunde Bam Bam gesetzt. Er lächelte Schulz breit und bedingungslos freundlich an.  Für den war es unerklärlich, weshalb er sich so weit hinten postierte, denn ab der ersten Wortmeldung war klar, er gehörte zu den Besten, denn stets hatte er die richtige Antwort und er beteiligte sich sehr fundiert am Unterricht.
Bam Bam hieß eigentlich Bernd und war ein Paket aus gedrungener Kraft und  technischem Wissen. Die Kraft hatte er, da er jahrelang als Untermann in einer Freizeit-Artistentruppe gearbeitet hatte, die ihren Status als Profis nicht erlangte und Bam Bam somit einen anderen Beruf erlernen musste. 
Das technische Verständnis muss in seinem Blut gelegen haben. Es war phänomenal. Sein Leben bestand nur aus Transistoren, Dioden, Leiterplatten und Schaltplänen. Er bewohnte im dörflichen Altglienicke im Haus der Eltern unterm Dach ein Zimmer, besser eine Gerümpelkammer, denn Ordnung lag ihm so fern wie zum Frisör zu gehen. Dementsprechend hatte er kräftiges, schwarzes und sehr langes Haar. Während der ganzen Ausbildung trug er den gleichen Parka, darunter eine Katzenfellweste, Schlauchjeans und Kletterschuhe und er war einer der gütigsten und ehrlichsten Menschen, die Schulz in seinem ganzen Leben kennenlernen sollte. 
Bam Bam lebte wie gesagt unter dem Dach der Eltern in einem Reihenhaus am Ende von Altglienicke. Er sollte für Schulz’ ganzes Leben der Maßstab für das Prädikat Freund werden. Er blieb für immer der einzige. 
Er hauste da im Zimmer unterm Dach von seinen Eltern vollkommen unbehelligt. Wenn Schulz zu Besuch da war, kam die Mutter mit belegten Broten und anderen Leckerbissen vorbei, aber erst nachdem sie von ihrem Sohn gerufen wurde.
Noch etwas anderes machte für Schulz diesen Ort so spannend. Es hatte weniger mit Bam Bam zu tun, als vielmehr mit der geographischen Lage des Hauses. Schulz mußte von der Endhaltestelle der Straßenbahn die lange Dorfstraße bis beinahe zum Grenzstreifen mit Mauer und Wachturm. Noch mysteriöser erschien ihm die Strecke am Haus vorbei zu einem Kornfeld, das direkt bis zum Mauerstreifen reichte. 
Ein Erlebnis, das jetzt so beiläufig und unwichtig erscheint, schärfte damals seinen Blick für die Realität zweier deutscher Staaten, die sozusagen Schulter an Schulter in Berlin nebeneinander existierten und sich hier auf ganz besondere Weise aneinander rieben. Zwei gesellschaftliche Systeme, so grundsätzlich fremd, waren hier so anachronistisch nah. Der Kapitalismus, die beiden deutschen Saaten, der Sozialismus, das alles war ihm schon vertraut, aber in Altglienicke bekam die andere Seite, auf einem Grashügel sitzend, durch das Pärchen auf der anderen Seite ein Gesicht.
Das Erlebnis lag bereits im Sommer des nächsten Jahres, zwischen Schulz und Bam Bam hatte sich inzwischen eine enge Freundschaft entwickelt, die unserem Protagonisten mit dazu verhalf, in das zweite Lehrjahr versetzt zu werden. Sie liefen durch die Felder oberhalb des Hauses. Die Grillen zirpten, das Korn wiegte sich sanft im Wind. Bis zu der Maueranlage reichten Wiesen und ein Kornfeld. Vor der ersten Mauer dösten zwei Bewacher an die Reifen ihres Kübeltrabbis gelehnt, die Kalaschnikow im Schoß. Der Weg verlief oberhalb des Feldes, das sich abschüssig bis an die erste Mauer zwängte. Man sah das Feld, über die Mauern der Grenzanlage hinweg bis in den anderen Teil Berlins. Dort war ein Acker ebenfalls mit Korn bestellt.
Dort drüben, auf der anderen Seite, spazierte noch ein Paar durch das Feld. 
Da lag also West Berlin so nah und doch unendlich weit entfernt. Auf einmal wirkte diese Mauer so widersinnig auf Schulz. Die muss doch zu überwinden sein, durchschlich ihn ein sportlicher Gedanke und was mögen da für Menschen leben? 
Bam Bams Elternhaus war ein Reihenhaus der Reichsbahn aus den Zwanziger Jahren. So wie sie waren deren Eltern schon mit Stolz Reichsbahner. Die Verwandten von Bam Bam auf der anderen Seite der Mauer waren ebenfalls bei der Bundesbahn. Sie kamen gelegentlich mit blitzblanken Westwagen zu ihrem Pflichtbesuch zu den Brüdern und Schwestern im Osten. Bam Bam kam danach mit neuen Sachen aus dem US-Armyshop in die Schule und am Wochenende legte er bei sich zu Hause die neueste elektronische Musik auf. Uru Guru, Tangerin Dream, natürlich Klaus Schulze und Pall Mall, die Zigarettensorte die sich Schulz nach der Abreise seiner Eltern stangenweise aus dem Intershop besorgte. Schulz selbst bekam Bam Bams Verwandtschaft nie zu Gesicht. Bevor sie kamen wurde das Haus gereinigt, die besten Stücke Fleisch besorgt. Dazu gehörten erhebliche Beziehungen. Nicht jeder bekam alles, obwohl es alles gab, nur das wurde von denen, die das Glück hatten, etwas zu bekommen oder entsprechende Leute zu kennen, gehortet. Später erlebte Schulz von denen mit Beziehungen einen Tauschhandel, der widersinnige Formen annahm. Ein Sack Zement wurde da beispielsweise gegen 50 kg Erdbeeren getauscht.
Unabhängig von allem fühlte er sich in Bam Bams Familie wohl, er wurde von ihnen wie ein eigener Sohn behandelt. Bam Bams Freunde wussten nichts von Schulz’ Eltern oder wo er wohnte, er war einfach der neue Schulkamerad ihres Freundes und der hatte es vermieden, ihnen von Schulz’ Familie zu erzählen. Das Bam Bam ihn mochte, war Visitenkarte genug. 

Die erste Schwangerschaft

In diesen ersten Monaten ereignete sich für Schulz eine Katastrophe, die ihm einerseits in der Klasse ein gewisses Markenzeichen verlieh und freundlichen, ja sogar anerkennenden Spott einbrachte, andererseits den gesamten Lehrkörper gegen sich aufbrachte. Die verschiedenen Versionen über das Ereignis sollten später bei seinen Freundinnen zu einem Gradmesser der Vertrautheit werden. Dabei erfuhren nur wenige den tatsächlichen Hergang. Noch einige Jahre später, als die Peinlichkeit schon längst zur Episode seiner Vergangenheit geworden war, war es ihm wichtig, dieses Ereignis, pointiert zwar und nicht ohne über sich selbst zu lachen, als einschneidend mitzuteilen.
Es fing ganz harmlos an. In der Kantine der Berufsschule fanden fast jedes Wochenende Discofeten statt. Man saß auf den Knien im Kreis, schwenkte die langen Haare zu Deep Purple und URIHA Heep. Tanz Anfang der siebziger Jahre. 
Die Jungsklasse war der Hahn im Korb. Tuschelnd betraten beinahe geschlossen einige Mädchenklassen den Raum. Da saßen die Jungens schon beim Bier und musterten die Hereinkommenden. Ohne viel Geziere paarten sich die Jugendlichen, denn man kannte sich vom Sehen und die Lehre bei der Post verband. Bis zu dieser Phase beschränkten sich Schulz’ Mädchenkontakte auf gelegentliche Knutschereien und den krampfhaften Versuch, unter die Wäsche, auf die nackte Haut, auf die Brüste zu fassen. Selten genug gelang es ihm und wenn, dann war alsbald Sturm in der Hose und Samen spritzte in die Hose. Beim Tanzen mußte er meist Abstand halten, da sein Glied in der Hose revoltierte. Es war peinlich und nichts wünschte er sich sehnlicher, als ein Mädchen zu berühren und berührt zu werden. Der Abstand durch die beinahe garantierten Missgeschicke in seiner Hose wurde ihm aber stets als Ablehnung ausgelegt, weshalb die Auserwählten sich ihrerseits zurückzogen. Schulz’ Dilemma war uferlos. Er war nur Zaungast, wenn die anderen sich abgrabschten. Auch bei den heftigen Übertreibungen im Pausengespräch stand er nur ohne Beitrag, aber mit großen Ohren daneben.
Jedesmal nahm er sich vor bei der langsamen Runde zu der Einen, die ihn immer anlächelte, zu laufen und sie aufzufordern. Ihm fehlte bisher der Mut oder ein Anderer war schneller. Also trank er an diesen Abenden mit einigen anderen Sitzengebliebenen. 
Als auf einer dieser Feten wieder nach dem knienden Haareschütteln die Nahkampfrunde angekündigt wurde, nahm er allen Mut zusammen und hatte sie tatsächlich pünktlich zu Percy Sledges “When a Man Loves a Women” fest im Arm. Besser gesagt, beide klebten förmlich aneinander. Er spürte mit seinem Brustkorb ihre Brüste, die er nicht wagte, mit der Hand zu berühren. Ihr blumiges Parfüm nahm ihm die Sinne. Ihr Becken rieb an seinen Hüften, sein Freund stand prächtig. Es schien ihr nichts auszumachen, im Gegenteil, sie schaute ihn plötzlich an, lächelte und führte sanft ihre Lippen an seinen Mund. Er sah nicht mehr seine Kameraden, die wie üblich, nur diesmal ihn vom Tisch aus benoteten. Kopflos lief er Hand in Hand mit ihr an einen abseits stehenden Tisch und knutschte, tanzte mit ihr und knutschte bis das Saallicht anging.Am nächsten Tag schwärmte er vor seiner Mutter von seiner großen Liebe. Er erfand eine abenteuerliche Geschichte, dass er sie schon länger kennt und sie schon wochenlang zusammen sind. Er setzte sämtliche Energien darein, damit seine Mutter Anette von gestern kennenlernen wollte. Sie tat ihrem Sohn den Gefallen. 
Schulz setzte alles daran, seine Eltern am Abend aus dem Haus zu bekommen, um mit ihr allein zu sein. Anette sah er morgens, am Nachmittag und abends, aber nie ungestört. Er wollte endlich ihren gesamten Körper berühren, ihren nackten Körper in Ruhe betrachten, zärtlich sein und das ging nur in seinem Zimmer.
Seine Eltern hatten volles Verständnis für seine Belange, besser, sie ahnten sein Bedürfnis. Also verschwanden sie einmal die Woche. Allmählich näherte sich Schulz dem ersten Mal. Ganz allmählich steigerte sich die Wühlerei auf seinem Bett zu einer hemmungslosen Entdeckungsreise zweier jungfräulicher Körper. Zahlreiche Orgasmen in seiner Hose später brachte sie Aufklärungsbücher mit. Schulz staunte nicht schlecht. Er war zwar naiv, doch irgendwie fühlte er, daß es anders sein musste als in diesem prüden Buch. Es gibt nur vier Stellungen stand dort, aber die eigentlich wahre, dem Gefühl entsprechende sei die wo die Frau unten und er oben drauf liege. Allerdings sollte man, wenn man ein Kind zeugen wolle, in die Seitenlage, damit das Sperma besser sein Ziel findet und von hinten sei tierisch. Schulz schwieg, da seine Freundin mit Inbrunst die Seiten in sich fraß und sie das erste Mal zum großen Festtag machen wollte.
Dann war es so weit. Seine Eltern wollten vor der nächsten großen Reise noch einmal die Großeltern besuchen. Schulz war mit seiner Anette ein ganzes Wochenende allein. Sie war bereit und er sowieso. Das dumme war nur, das er die Scheide nicht öffnen konnte und in dem Buch stand etwas von Schleimabsonderung. Was war nun der Schleim? War es dieses weiße Zeugs, was er für Sperma hielt, womöglich hatte er noch nie einen Erguss? Die beiden waren so erregt und die Scheide wollte sich nicht öffnen und er bekam vor dem Ziel einen Orgasmus und spritzte seine ganze Männlichkeit in die Öffnung zum besseren Gleiten.
Nachdem das Glied gnadenlos erschlaffte, war sich Schulz ziemlich sicher, das diese weiße Masse kein Feuchtigkeitssekret war, sondern eine mögliche kleine Kinderschar. Auch flachte nach dem Wochenende mit dem sexuellen Fehlstart das Verhältnis zu seiner Freundin ab. Zu sehr ärgerte er sich über dieses fehlinterpretierte Aufklärungsbuch, das Anette anschleppen musste. Nachdem er ihren gesamten nackten Körper gesehen hatte, hörte er wieder ihre Worte, die für ihn beängstigend von der harmonischen gemeinsamen Zukunft sprachen. Allerdings müsste er noch seinen Spleen mit der Schreiberei ablegen, so etwas Brotloses konnte nicht sein Ernst sein, wie sie meinte. Eine Postliebe war für Schulz ganz in Ordnung, eine Postehe dagegen widersprach seinem Wesen ganz und gar. Es war aber durchaus möglich, das diese unglücklichen Versuche Schulz einfach nur peinlich waren.
Nachdem ihr Verhältnis äußerst abgekühlt war und Anette häufiger fehlte und wenn sie anwesend war, ihn so merkwürdig vorwurfsvoll auf dem Schulhof ansah – Eines Tages war es soweit. Nichtsahnend schlenderte er zur ersten Stunde in die Schule, nahm seinen Platz in der Klasse ein. Wendt erzählte vor dem Eintreten des Lehrers wie gewohnt noch einen Witz. “Nach einer durchliebten Nacht mit einer Discobekanntschaft stand ein Typ vor dem Spiegel. Aus seinem Mund hing ein dünner weißer Faden. Und der Typ betete in sein Antlitz hinein: Lieber Gott, laß es einen Teebeutel sein!” 
Schulz lachte noch als der Lehrer wütend die Klasse betrat. Harsch fuhr er Schulz an. “Nicht nur, dass sie unvorbereitet zum Unterricht erscheinen und nur schlechte Leistungen haben. Damit nicht genug! Sie müssen das nette Mädchen aus der 3. Postklasse auch noch schwängern und dann, typisch für Sie, auch noch sitzen lassen. In meinen Augen sind sie ein Schwein!”
Schulz’ Herz sank in den Boden. Seine Gesichtsfarbe musste ins tiefrote gewechselt sein. Alle Klassenkameraden schauten auf ihn. Warum konnte Anette es nicht ihm sagen, sondern musste es zunächst dem Lehrkörper zutragen?, war das erste was ihm durch den Kopf schoss. Und dann hämmerte es nur noch ein Kind durch seinen Schädel. Er war doch noch so jung und lernte noch und wie sollte er das seinen Eltern so kurz vor ihrer Abreise sagen?
Mutlos trottete Schulz nach Hause. Jeder Lehrer meinte an diesem und auch an den folgenden Tagen ihn zurechtweisen und moralische Vorhaltungen machen zu können. Ihn tröstete es kaum, dass die Kameraden ihm geschlossen mitleidig auf die Schulter klopften. Auch dass die Wortführer der Klasse, grienend zwar, aber ihm dennoch seit dem Bekanntwerden des Ereignisses mit noch mehr Respekt begegneten. Für kurze Zeit hatte er den Spitznamen Papa Schulz.
Das obligatorische Kaffeetrinken mit seiner Mutter am Nachmittag dieses Tages erschien ihm ein Graus. Was wird sie nur von ihm denken, wenn sie es erfährt, denn das Vorkommnis geheim halten war ausgeschlossen.
Er war allein zu Hause. Seine Mutter kam erst spät. Schulz hatte geplagt von seinem schlechten Gewissen sauber gemacht und den Tisch vorbereitet. Als sie zur Wohnung hinein kam und sah, was Schulz alles gemacht hatte, spürte sie sofort, dass irgend etwas vorgefallen war. Sie hatte in der Jugendmode, kurz Jumo, für Schulz zwei West-Jeans erstanden. “Vier Stunden mußte ich für die Levis anstehen, zieh sie gleich an!”, forderte sie ihn auf. Als ihr Sohn mit “Ja, ja, das kann ich immer noch später machen”, freudlos antwortete, fragte sie “Hast Du eine fünf geschrieben?” Schulz schüttelte den Kopf. Sie schaute ihm bohrend in die Augen. “Wirst du etwa Vater?”, war ihre nächste Frage. Schulz war geradezu erleichtert als so schnell diese Frage kam. Nach der Antwort fiel sie in den Sessel. Ihre Mimik schwankte zwischen Entsetzen und der Hoffnung, das es nicht wahr ist. Nach dem sie sich schnell gefasst hatte, konnte sie sich dieses merkwürdigen Grienens nicht erwehren, das Schulz noch aus seiner Kindheit her kannte und bedeutete, dass das Schlimmste schon ausgestanden sei.
Nachdem sie erst einmal mit ihrem Sohn Kaffe trinken musste, redete sie ihm ins Gewissen. „Mit sechzehn und dann ein Kind, ihr seid doch selber noch Kinder und ihr beginnt doch gerade zu leben. Mit 36 willst Du mich zur Oma machen! Du hast doch noch so viel vor! Liebst Du sie denn?“, wollte sie zum Abschluss ihrer Rede wissen. Schulz verneinte und sagte ihr, das schon Schluss sei. „Konntet ihr denn nicht aufpassen, hat sie keine Pille genommen? Du bist so dämlich, Junge!” Während dieser Tirade wagte er nicht, ihr die Wahrheit zu erzählen, das sie schwanger sei ohne das sie wirklich miteinander… Es war ihm zu peinlich. Andererseits machte es ihn in gewisser Hinsicht stolz, einen handfesten Beweis für seine Mannwerdung anzuführen. Und jeden Moment konnte es wieder an der Tür schließen und sein Vater käme herein. Beim Schließen an der Wohnungstür verschwand seine Mutter gleich in der Diele, um Schulz’ Vater abzufangen. Nach kurzem Tuscheln ging er wieder. Schulz dachte, das seine Mutter ein wenig Taktgefühl besäße und sie wolle ihn nur noch ein wenig Zeit zum Sammeln geben. Vati kauft noch ein, ging sie auf  den Weggang seines Vaters ein. Schulz hoffte, das er noch nichts weiß. Am liebsten hätte er es ganz verschwiegen. Da war wieder das Schließen. Diese kleine Ewigkeit, dieser letzte Moment, in dem noch beinahe alles friedlich schien, war vorbei. Noch im Mantel stellte sein Vater eine Flasche Weinbrand  mit den Worten, “das müssen wir ja schließlich begießen”, auf den Tisch. Schulz war so froh, diese Eltern zu haben.
Während des anschließenden Besäufnisses mit seinem Vater sprachen seine Eltern sehr sachlich mit ihm über die Schwangerschaft, klärten, ob er das Kind wolle. Gaben ihm nach der Verneinung  jegliche Rückendeckung. Er solle ihr, wenn es sein muss alles versprechen, Hauptsache sie treibe ab.
So kam es dann noch rechtzeitig in der Woche vor dem Abflug seines Vaters dazu.

Rudi

Es war Herbst. Der theoretische Unterricht war nicht leicht für Schulz. Er hatte Mühe, dieses enorme Pensum an ungeliebtem Schulstoff zu verdauen. Ihm flogen nur so die mathematischen Formeln, die physikalischen Schwerkräfte und chemischen Weisheiten um die Ohren. Gott sei Dank saß Bam Bam neben ihm auf der Schulbank. Für Schulz war er ein Genie. Und er ließ ihn freizügig abschreiben.
An einem sehr trüben Tag wollte er für sich und seine Mutter in der Markthalle einkaufen und lief wie gewohnt eilig zwischen Wohnblock und Spielplatz zur Rochstraße.
Der Wind pfiff und zwirbelte um den großen Häuserblock der Spandauer Straße. Der Vater war bereits abgereist, denn er sollte zwei Jahre als Techniker im Irak arbeiten.
Der Wind war so stark, das sich Schulz bei einer Sturmböe an einem Laternenmast festhalten musste. In diesem Moment schlug ein Dachstein, der sich vom Dach des Hauses an der Ecke zur Rosenstraße gelöst hatte, nur wenige Meter vor ihm auf. Hätte Schulz sich nicht festklammern müssen, hätte der Stein ihn garantiert getroffen. Was wäre wenn, schoss es ihm durch den Kopf und was nützt die ganze Wahrscheinlichkeitsrechnung, ja die gesamte verfluchte Mathematik, wäre er weiter gelaufen. Mit einem respektvollen Abstand zum Haus, setzte er seinen Weg hüpfend im Zickzack und mutig fort und wandelte nach wenigen Schritten seine mathematischen Überlegungen in das für ihn eher zutreffende ‚hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen erwischt‘ um.
Zu dieser Zeit begann gerade eine wunderbare, nie mehr wiederkehrende Zweisamkeit mit seiner Mutter. Sie war nachsichtig und zärtlich zu ihm, beinahe wie eine Freundin.
Als Schulz seiner Mutter von der Gefahr erzählte, mischte sich noch mehr Sorge in ihr Gesicht, ohne dass sie ihrem Sohn von ihren Ängsten erzählte. 
Da war diese Fast-Schwangerschaft gleich zu Beginn der Lehrzeit, viele kleine Pannen und Malheure und jetzt diese Begebenheit und da sollte und musste sie bald ihren noch nicht einmal siebzehnjährigen Sohn allein zurücklassen. Sie machte sich Sorgen um ihn, denn sie fand ihren Schulz zu jung und zu wenig charakterlich gefestigt, als das er ohne ihren Schutz allein in der Wohnung, allein im Leben, die Zeit der Ausbildung überstand. Sie zweifelte daran, ob es richtig sei, bald ihrem Mann ins Ausland zu folgen. 
Schulz spürte die drohende Gefahr, noch ein Jahr länger der mütterlichen Obhut ausgeliefert zu sein. Zu sehr hatte er sich bereits die Zeit ohne Eltern allein in der geräumigen Wohnung ausgemalt. Mädchenbesuche ohne Ende, keine Rechenschaft ablegen müssen und ausschlafen können, die Schule schwänzen dürfen, ohne dass ihn die Mutter am Morgen zu dieser Qual trieb.
Seine finanzielle Ausstattung, die jeden, dem er davon erzählte, neidisch machte, war mit 700,- Mark üppig, sie betrug mehr als ein Arbeiter im Land durchschnittlich verdiente. Die Miete und die anderen Kosten wollten seine Eltern übernehmen, dazu sollte er Dollar für den Intershop, die begehrten Westutensilien, bekommen und Pakete mit Schallplatten. Obwohl, mit den Plattengeschenken hatte er seine Zweifel, denn er wusste von den bisher mitgebrachten, dass es in den arabischen Ländern nicht unbedingt die Musik gab, die er hörte. Außerdem meinte sein Vater zu wissen, was ihm gefallen müsste. Als sein Vater für mehrere Wochen im Ausland eine Turbine reparierte, bestellte er eine Platte von Alice Cooper, der gerade mit seinem furchterregenden Outfit und der schrägen Rockmusik angesagt war. Und was brachte sein Vater mit? Jazz von Alexis Corner. Schulz tröstete es da kaum, das bei diesem Musiker selbst Mike Jagger gespielt und gelernt hatte. Dennoch reichte es bisher, Andere neidisch zu machen und vor den Mädchen zu prahlen. Außerdem waren Feten mit den Kameraden geplant. Er träumte mit seinem Freund Bam Bam, was sie dann alles machen könnten. Die Vorteile lagen für einen Jugendlichen auf der Hand und diese waren durch den mütterlichen Zweifel in Gefahr! Also wollte Schulz alles tun, um seiner Mutter das schlechte Gewissen zu nehmen.
Zur selben Zeit war Rudi aus seiner Klasse kaum noch von seiner Seite zu denken. Seit dem er wusste, das Schulz bald allein leben würde, kramte er sämtliche Gemeinsamkeiten heraus. Da war das gemeinsame Winterferienlagererlebnis im Erzgebirge, die gemeinsame Arbeitsstätte seines und Schulz’ Vater. Rudi kannte Schulz Situation zwischen finanzieller Sorglosigkeit und familiären Erschütterungen nur zu gut. Rudis Mutter war Russin. Sie lernte den Vater während seiner Emigration aus Deutschland beim Nationalkomitee Freies Deutschland kennen, wo er während des Krieges Demoralisierungsarbeit gegen die Deutschen Truppen leistete. Rudi sprach demnach perfekt die ungeliebte Sprache Russisch, die auf jedem Studenplan stand und Schulz arge Probleme bereitete. Außerdem konnte Rudi auf der Gitarre Smoke on the Water von Deep Purple spielen und er war, obwohl er keiner Clique in der Klasse mehr angehörte und sich an keinen Streichen beteiligte, ja sogar zu den Besten gehörte, dennoch allgemein beliebt, da er freigiebig mit seinem Wissen war und jeden, der neben ihm saß, abschreiben ließ. Außerdem hatte Rudi, völlig untypisch für die damalige Zeit, kurze Haare, typisch russisch, wie Schulz fand. Rudi ließ ihn wissen, dass er endlich allein leben möchte, weg von seinen Eltern wollte. Die Vorteile dieser sich daraus ergebenden Koalition lagen auf der Hand. Einerseits konnte Schulz von Rudi fachlich profitieren und andererseits mit Rudis Vernunft seine Mutter beruhigen, damit sie endlich wegfliegen konnte, denn sie mochte den kurzhaarigen und wohlerzogenen Rudi sehr und vertraute ihm mehr Gewissenhaftigkeit zu als ihrem Sohn. 

Das Arbeitsamt

Was waren das für Jahre? Wie hatte er sich abgemüht!
Sofort nach der Lehre hatte Schulz bei der Post gekündigt und sollte auch nie wieder in seinem erlernten Beruf arbeiten. Nach einigen Umwegen war er kulturell tätig, in dem Bereich, der eine Art Freiraum in der DDR darstellte. In Klubhäusern, die es allerorts in der DDR gab, organisierte er Veranstaltungen und Ausstellungen und später als sein Weg über den Ausreiseantrag ins berufliche Abseits führte, in eine gesellschaftliche und vor allem berufliche Ächtung, die ihn nur noch als Reinigungskraft in einem halbstaatlichen Betrieb unterkommen ließ, kümmerte ihn das alles nur noch marginal. Er wollte nach Westberlin, denn er hatte eine Frau kennengelernt, zu der er wollte und die er heiraten wollte. Das dauerte Jahre und wenn man Pech hatte, dann kam man überhaupt nicht weg. Bei diesem Stress hatte die Beziehung eigentlich keine Chance und Schulz hatte Pech. Er kam nicht raus und die Beziehung ging zu Bruch. Da war er nun ein Putzteufel wider Willen, ohne Perspektive, ausgegrenzt.
In den Jahren heiratete er mehrmals, ebenso oft wurde er geschieden, zeugte Kinder, die Ehe mit der Westberlinerin blieb ihm versagt. Er vegetierte die letzten Jahre vor dem Mauerfall nur noch so dahin. Dann kam das Jahr 1989. Er sprang noch schnell auf den Ausreisezug auf, um sich selbst treu zu bleiben.
Im Westen angekommen, blieb ihm der Weg auf das Arbeitsamt nicht erspart. Seine Daten wurden erfasst, ein beruflicher Weg rekonstruiert. Schulz führte allerlei Tätigkeiten ins Feld, vor allem die, wo er eine gewisse Berufung verspürt hatte. Das alles zählte nicht. Der Bearbeiter bohrte und wollte seinen Grundberuf erfahren. Schulz wandte sich und erst nach zwei, drei Nachfragen antwortete er sehr widerwillig. Gleich hinten an fügte er hinzu, dass er diesen Beruf niemals ausgeübt hätte. Es half nichts. Das Wort Nachrichtentechniker würgte im Hals. „Also Nachrichtentechniker sind sie! Für diese Tätigkeit könnte ich sie vermitteln, aber anders…“ Schulz fühlte sich, als ob er sich die ganzen Jahre betrogen selbst hätte. Einmal Post, immer Post. Er musste an die Drohungen seines alten Lehrers denken, an den Fluch, der nun eingetroffen war, denn die Arbeitslosigkeit nahm ihm die Würde.