aktuelle Textarbeit

Schönheit

Tannengrün lebt

Es war dieser Hüftschwung, der nicht mehr so lässig rollte wie er sollte. Dabei lag es nicht an den Alterszipperlein, die irgendwann jeden treffen. Das wäre für Tannengrün noch akzeptabel gewesen. Nein, es war dieser üble und grundsätzliche Schwindel. Dazu kam je nach Tagesbelastung ein Nebelblick, der sich gewaschen hatte. 

Nur im Bad erlaubte er sich noch, übermütig zu sein. Vor einer relativ großen Spiegelfläche riskierte er die Attitüde aus der besten Zeit seines Leben: Den Hüftschwung, der ihn täglich in eine andere Dimension entführte. O.k., manchmal riß es ihn dabei hinunter auf den Boden der Tatsachen.

Das Bad war klein und kompakt. Eigentlich war die gesamte Wohnung winzig. angefangen beim schmalen Flur mit zwei Türen. Platz war dennoch für ein schmales Bänkchen – für Tannengrüns zweite Obsessionen. 

Die eine Tür führte geradezu in das Wohnzimmer mit Küche, die Tür rechterhand ins Bad. Gleich dort neben der Tür das Klo. Vom Klo war es nur ein Schritt bis zum Waschbecken. Rechts vom Waschbecken befand sich die Duschkabine. 

Über dem Waschbecken bis hin zur Duschecke hatte sich Tannengrün eine S piegelfläche anbringen lassen, mit einem integrierten Haltegriff aus Edelstahl im dezenten Design wie man ihn aus  Privatzimmern in Krankenhäuser kennt. Damals hatte er darauf gedrungen, dass der Griff außerhalb der Duschraums hüfthoch zwischen Waschbecken und der Dusche angebracht wird.

Die Handwerker wollten damals mit ihm über den Sinn eines Haltegriffs außerhalb des Risikobereichs diskutieren, da der Wunsch für sie unlogisch erschien, doch Tannengrün blieb hart. Ihm war gutes Festhalten beim Duschen nicht so wichtig wie ein stabiler Halt bei seinem Hüfttanz vorm Spiegel.

Links neben Waschbecken war nur noch Platz für ein schmales Schränkchen.

Das Bad war wirklich nur ein Handtuch groß.

Er stieg aus dem Duschtrog, trocknete sich ab, zog Unterhemd und Hose an, kämmte sich das feuchte und noch volle Haar, mit dem er jedesmal seine Frisurvirtuosin begeisterte. Dann der Griff zum Griff und schon konnte es beginnen mit dem rhythmischen Ausschlag nach rechts und links, diesem nicht jugendfreien Hüftschwung und den elastischen Schulterdrehern, die durch die Höhe des Griffs problemlos möglich wurden.

Falls er sich nicht an dem Wannengriff festhielt, war es beinahe garantiert, das er bei seinem Hüftschwung wie willenlos zur Seite kippte. 

Das Hoftor

Beiderseits des schmiedeisernen Hoftores mit Gitterstäben 17streckte sich ein dreigeschosiges Gründerzeitgebäude in Hufeisenform, um die asphaltierte Innenfläche der Berufsschule.

Der Schulkomplex war ein beschauliches Fabrikensemble aus dem vorletzten Jahrhundert. Die Seitenflügel wurden auf der Mitte des Gebäudes durch einen Bogengang auf der zweiten Etage und ein flaches Mittelgebäude verbunden.

Im linken Haus befanden sich ebenerdig die Werkstätten für den Praxisunterricht der Telefonhandwerkerklassen. Drüber lagen die Schulräume einiger Mädchenklassen. 

Über den rechten Aufgang kam man zur Verwaltung, dem Lehrerzimmer, der Kantine, der Aula und weiterer Unterrichtsräumen. Im hinteren Haus befanden sich Lagerräume, die Tannengrün während der gesamten Ausbildungszeit nie betrat.

Insgesamt war die Schule ein sehr dunkles und verwinkeltes Gebäude.

Das zweiflügelige Hoftor mit separater Eisenür knarrte und quietschte, wenn sie morgens vor Schulbeginn geöffnet und am Nachmittag zum Unterrichtsende wieder geschlossen wurden. Die Klassen hatten im wöchentlichen Wechsel die Aufgabe, sich darum zu kümmern. 

Wenn Tannengrüns Klasse damit beauftragt war, bedeutete das für ihn, noch eine halbe Stunde früher aufstehen. 

Deshalb war dieser Dienst unter den Lehrlingen eigentlich äußerst unbeliebt. Die Lehrer sahen darin wiederum eine Maßnahme, um dem Lehrlingsvolk schon am Hoftor Ordnung und Disziplin beizubringen.

Waldemar’s Praxisunterricht begann schon um 7 Uhr morgens, also eine Stunde vor dem regulären Beginn. An diesen Tagen von über tausend Kabeln, millionenfache  Adern zusammenspleißen und Löten, Bleimuffenschmieren, was noch die größte Herausforderung darstellte, oder die Leitungen mit 90 Grad Winkel verlegen, Löcher an der oberen Wand bohren und Gipsen und Kabelschellen nageln was das Zeug hält. 

Das war stupide, dreckig und stelle keine intelektuelle Herausforderung für Waldi oder einen seiner Kammeraden dar. Dazu noch jede Menge Blödsinn den die Jungstruppe an diesen Tagen aus purer langeweile ausheckte und anstellte!

Doch obwohl die Woche mit den Praxistagen für Waldi sehr peacemäßig war, wie das heutige Chillen von Waldis Freunden bezeichnet wurde und er noch dazu zur Öffnung des Tores schon bereits in der Schule gewesen wäre, fand er den Tordienst in der Stresswoche mit 6 Tagen nur Theorie viel besser. ( In dieser Woche war auch am Samstag bis Mittag Unterricht.)

Der Lernstoff war die die ewige Pein für Waldemar.  Er verstand einfach diese ganze Elektonik, Mathematik, Physik, Chemie und Elektrotechnik nicht, und damit seinen Lernberuf überhaupt nicht. In diesen Stunden voller Einsamkeit war er sehr schnell überfordert. Da war es nur ein schwacher Trost, das aus seiner Truppe, eigentlich niemand aus der gesamten Klasse, richtig durchblickte. Zusätzlich musste er in der Tor Dienstwoche dann auch noch früher aufstehen. Dennoch quälte er sich lieber mit dieser inhumanen Theoriewoche herum, einfach nur weil er dann bei den regulären Schulpausen dabei sein konnte. Da hieß es nämlich Flirten was das Zeug hält. 

Die Praxispausen fanden zeitversetzt statt, dazu noch im Blaumann und übel dreckverschmiert. 

Waldemars Klasse bestand aus dreißig halbstarken Jungs, deren Berufseinstieg vor allem von Unlust und anderen Plänen geprägt war. Viele wollten in Tonstudios, zum Fernsehen als Techniker oder einfach nur die Zukunft auf sich zukommen lassen. Zu letzteren gehörte auch Waldi. Ein Gitarrist und ein Trommler waren in Tannengrüns Truppe. Klaus S. und Peter K. spielten später in berühmten Bands des Landes und wollten sich etwas technisches Verständnis für den Verstärkersound beibringen lassen. Andere brauchten einen Grundberuf wie Dieter, der eigentlich Artist war und für sein Studium einen Abschluß brauchte. Oder Klaus, der Disjokei, er wollte sich eine Profi-Lichtanlage bauen und da damals die Kenntnisse auf diesem Gebiet noch gering waren und die Gerätschaften fast sämtlich noch nicht im Handel zu kaufen waren, musste man selbst mit dem ABC beginnen.

In den Praxispausen standen die 30 Jungs ziemlich einsam herum, rauchten und erzählten sich Witze. Einige Jungs kannten davon unheimlich viele. In solch einer Pause voller Langeweile. Waldi steckte sich gerade einen Schraubenzieher als stehenden Penis in die Hose und lief so herum und fand es ungemein lustig, da bemerkte er wie sich an die Hauswand gelehnt, Kraus mit Dieter unterhielten und auf seinen Scherz nicht reagierten, sondern die Hauswand bis zur ersten Etage begutachteten und Dieter als Untermann einer Artistengruppe entschlossen nickte. Tannengrün unterbrach sich und zog den Schraubenzieher aus seiner Hose und ging zu den beiden an der Hauswand. Er ahnte, das irgendetwas in der Luft lag. Dann wurde die Klasse zusammengerufen und BamBam der Untermann einer Artistentruppe suchte fachmännisch zwei Kammeraden aus, redete kurz mit ihnen und dann ging es schnell. Er lehnte sich rücklings an die Hauswand, suchte einen stabilen Stand und bildete eine Feuerleiter, dann sprang der erste BaBam in die Hand auf die Schulter, dann nahm der kleine Rudi Anlauf und sprang von der ersten Feuerleiter, auf die Schultern des ersten und von dort wurde er vom zweiten an den Waden gepackt und dann stand er schon auf dessen Schultern.

Die Klasse umringte sie, bangte mit ihnen bis der oberste sich in den Klassenraum in der ersten Etage genüßlich auf den Fenstersims lehnte und wie ein Spaziergänger in eine Mädchenklasse schaute, die da gerade unterrichtet wurde. Ein Gekreische setzte ein und sogleich wurde die Dreierakrobatik aufgehoben. Das sprach sich natürlich schnell herum und die Mädchen freuten sich noch mehr, wenn sich einer aus Tannengrüns Truppe mit ihr unterhielt. 

Es war die Zeit als Give Peace A Chance auf keiner Party fehlen durfte. Da saß man im Kreis, schwang im Schneidersitz die langen Haare und klatschte rhythmisch auf den Boden und brüllte diese Songzeile im Chor. Während eines langweiligen Elektronikunterrichts find Krause der Trommler monoton auf seinen Tisch zu schlagen, die anderen stimmten nach und nach mit ein, nahmen ihre Schulbücher zur Hilfe. Der lehrer stand hilflos vor der Tafel. Aus einem Chor schlug es und brüllte die ganze Klasse immer wieder give me a… Vielleicht nach einer Minute klatschte eine andere Klasse mit, brüllt nach kurzer Zeit die gesamte Schule in einem himmlischen Chor ihr Give peace a… Tannengrün lief ein Schauer über die Haut.

Die gesamte Hoffläche war groß genug, um darauf Fahnenappelle mit den ungefähr 250 Lehrlinge abzuhalten.

Rechterhand vom Durchgang befand sich eine kleine Parkfläche für vielleicht drei oder vier Lehrer-Fahrzeuge.

Ach Anette

Tannengrüns Spiegeltanz löste wohlige Erinnerungen auch an peinliche Momente oder völlig absurde Begebenheiten in seinem Leben aus. 

Gerade dabei huschte ein Spitzbuben-Lächeln über sein Gesicht. Ihm war durchaus bewußt, dass er seinen Hüftschwung allmorgendlich auch deshalb zelebrierte. So kam die Erinnerung zurück und so manch vergessene Episode noch hinzu.

Er hoffte insgeheim durch seine Morgenakrobatik doch noch das ultimative Schlüsselereignis in seinem Leben zu entdecken, ab dem es so existenziell, so verwirrend wurde. 

Sicher suchte er nicht mehr so intensiv danach wie vor fünf oder zehn Jahren, doch gelegentlich stellte er sich noch diese Frage aber nur noch innerhalb seines pointierten Schelmenromans, zu dem er seine Vergangenheit gemacht hatte. 

Nach seiner Überzeugung war das Leben in seinem Alter gelaufen. Die Vergangenheit ändern? Geht nicht. Die Gegenwart ändern? Warum? Die Zukunft ungewiß. 

So wie es jetzt war, war es gut und alles andere käme sowieso zu spät.

Schon lange hatte er sich mit Wohlwollen begnadigt.

Wenn er morgens nach seinem Hüftschwung aus dem Bad kam, war er (meist) gut gelaunt und wirklich unbeschwert. Und nur das zählte: Problemlos den Tag beginnen!

Wie an diesem Morgen. Sein Tanz war heute eine Mischung aus John Travolta und einer schlechten Tabeldance-Darbietung am Haltegriff. Egal, es hatte für ihn genügt, sich in die glücklichste Zeit seiner gesamten Jugend zurück zu schwingen. 

Die begann am 1. September 1972, dem Beginn seiner dreijährigen Ausbildung an der Postberufsschule in Berlin. 

Während er morgens um 5.30 Uhr das von Muttern geschmierte Marmeladenbrot fahrig aß, nahm er ihre aufmunternden Worte hin und motivierte sich verzweifelt selbst: „Jetzt keine Fehler machen!, nicht schwänzen, nur lernen, unauffällig sein – und das drei Jahre lang! Das ist ein klacks gegenüber deinem restlichen Leben.“ 

Er betrachtete die Uniform, die noch über der Stuhllehne hing, strich nervös über das Emblem an der Uniformmütze, die auf dem Frühstückstisch lag. Die Uniform löste beinahe einen allergischen Schock aus.

Tannengrün war sich durchaus des Ernstes der Situation bewußt. Er war zu diesem Zeitpunkt sechzehn Jahre alt und hatte um diese Uhrzeit überhaupt noch keinen Appetit.

Er stieg in die kratzende und insgesamt peinliche Postuniform, die seine Mutter eine Woche zuvor ohne Erfolg versucht hatte, etwas passfähiger abzunähen. Sie war übrigens an der Berufswahl Schuld, denn sie sah in dem Beruf einen karrieretechnischen Start für ihn und er hatte dazu ja gesagt weil ihm nichts besseres einfiel.

Nach dem Frühstück presste er die Schirmmütze seiner grausigen Uniform unter den Arm, ein Kuss auf die Wange…und los gings.

Mit dieser Schüssel auf seinem Kopf kam er sich einfach nur lächerlich vor!

Und mit dem Ding musste er sich, zumindest heute, unter die Menschen trauen, denn zu feierlichen Anlässen, wie eben heute dem Fahnenappell, musste er Uniform tragen. Dieses Monstrum kratzte und sah scheusslich aus! Deshalb nahm er die Haustreppe über 12 Etagen und nicht den Fahrstuhl.

Der Fahnenappell war auf wenig ermutigende 7 Uhr angesetzt, damit „nichts von der kostbaren Ausbildungszeit verloren geht“, wie in den Erläuterungen der Einladung zu lesen war. Deshalb der zeitige Aufbruch. 

Wahrscheinlich wollte die Schule ihren neuen Schützlingen gleich zeigen, wie ernst die Lage für sie tatsächlich ist.

Am Alexanderplatz stieg er in den 57er Bus, der von Lichtenberg bis beinahe vor das Schulgebäude in der Scharnweberstraße in Mitte fuhr.

Diese Schirmmütze, die er nach wie vor verschämt in der Hand trug, entwickelte sich allmählich zum Problem. Aber nach und nach stellten sich immer mehr Jugendliche mit dem selben Problem an der Haltestelle ein. Das Uniformtuch juckte gleich weniger.

Sie hatten wie er die Mützen entweder in der Hand, schräg auf dem Kopf, oder hatten sie in der Tasche verstaut. Die Mädchen trugen das Ding wie ein modisches Accessoir und entschuldigten sich mit dem Blick und lächelten die Peinlichkeit weg. Unsicher beäugten sich die Schüler, die Jungs schienen allesamt von der Masse an Mädchen überwältigt zu sein, denn die waren an dr Haltestelle eindeutig in der Überzahl.

Der Bus war schon voller Uniformen, dennoch ergatterte Tannengrün einen Sitzplatz. Auch hier das gleiche Mischungsverhältnis. Der Bus glich einem Bienenschwarm: viele Bienen und ein paar Drohnen. Es herrschte sofort eine Neckerei und Distanzlosigkeit, die in den 70er Jahren unter Jugendlichen selbstverständlich war. In der Rückschau aus heutiger Sicht waren es mindestens 10 versuchte Vergewaltigungen, 50 Grabschreien und unzählige verbale Eindeutigkeiten. Eigentlich hörte und erlebte er nur jugendliche Frivolität unter Gleichaltrigen.

Und Tannengrün war mittendrin.

Er hatte einen Ständer. Er legte die Schultasche darüber, da die Mädchen sich einen Spaß daraus machten, genauer hinzuschauen. Juchzend schubsten sie sich beim Anfahren und Abbremsen des Busses gegenseitig auf die Typen. Dabei grabschten sie lachend mal kurz unter die Taschen. Ihn traf es auch. Beim Anfahren ließ sich ein Mädchen wie ausversehen auf seinen Schoß fallen  und hielt sich an seinem Hals fest. Ihr Haar umspielte seine Nase…und duftete. Sehr selten bisher durfte sich Tannengrün einem Mädchen so nähern. Und hier schien es ganz normal zu ein. Das entwickelte sich alles sehr vielversprechend. Doch was seine guten Vorsätze betraf, sah er schwarz…

Tannengrün war nicht der einzige, der seine Tasche festhalten musste. Besonders drollig wurde es beim Aussteigen. An der Endstation leerte sich der Bus. Fast alles Postler. Die Jungs hielten die Schultasche vor die Beule in ihrer Hose. Das sah bei Tannengrün besonders skurril aus. Hager und lang, Mittelscheitel, dünnes, langes Haar bis über die Schultern, John Lennon- Brille, M51 Shell- Parka, echte Levis-Jeans, Jesuslatschen und rote Frotteesocken. Durch seine schlampige Haltung hing die Kleidung an ihm herunter. Sein Krummrücken, den man damals als lässiger Typ machte, verstärkte die Silhouette eines Fragezeichens. Noch im Bus erhielt er den Namen „Tanne“.

Beim Aussteigen verhielten sich die Mädchen recht ruhig bis sie sich nach wenigen Schritten wie verabredet kichernd auf die Jungs stürzten, um ihnen die Taschen – Feigenblätter wegzureißen. 

Der Unterricht sollte in dieser Stimmung letztlich in den gesamten drei Ausbildungsjahren zu einer Überbrückung bis zur nächsten Pause werden.

Am Schultor wurden die Lehrlinge von den Lehrmeistern in Empfang genommen. Sie sortierten sie nach Klassen und formten so ein Hufeisen zum Fahnenappell. Tannengrüns Klasse bestand nur aus Jungs, manche waren leidlich gemischt, die meisten jedoch waren reine Mädchenklassen. Er suchte das Mädchen aus dem Bus. Als er sie entdeckte, lächelten sie sich zu. Sie gehörte zu den Fernmelderinnen, also zur grauen Post, genau wie er. In den Blöcken der gelben Post (das waren die Mädchenklassen) ging es ununterbrochen gackernd und kichernd zu.  

Dann der Fahnenappell, feierlich, getragen, ernst. Anschließend betraten die Klassen das Innere des Schulgebäudes. Die Tür zum Klassenraum der NT 2012 war noch verschlossen. Sie lag am Ende eines Nischenraums des Flurs mit einer Holzbank, wie sie in altehrwürdigen Gerichtsgebäuden standen. Eine große Deckenkugel warf fahles Licht auf Tannengrün und seine 29 neuen Kammeraden, die vor der Klassentür warteten. Zwischen Tür und Bank hing ein Feuerlöscher. Krause und Blume lehnten lässig links und rechts an dem Gerät. Tannengrün hörte folgenden Dialog:

Krause: “Du traust dich nicht“

Blume: „Und ob!“
Krause: „Du traust Dich nicht“

Blume: „Wollen wir wetten?“

Krause: „Du bekommst fünf Mark.“

Tannengrün: „Und von mir auch noch eine.“

Beide schauten sie sich an. Da haute Blume auf den Knopf des Feuerlöschers.

Der Flur, die Anwesenden alles schwamm schaumbedeckt und grölte dazu. Der Lehrmeister, der gerade dazukam, fühlte sich in seiner Autorität ramponiert und ließ die vermeintlichen Rädelsführer der Klasse die gesamte Unterrichtsstunde hindurch wischen. Zum Ärger des Lehrkörpers halfen die anderen dabei.

Nach diesem Lernauftakt war sich Tannengrün sicher, dass der Ernst des Lebens doch noch auf ihn warten musste.

In den ersten Monaten dieses neuen Lebensabschnitts ereignete sich für Tannengrün eine Katastrophe, die seinem Hüftschwung eine bittersüße Note verlieh. Da war damals nichts mehr mit lustig. Das schmeckte schon verdammt Ernst und das an einer Stelle, an der er nicht damit gerechnet hatte. Dieser Tsunami mit 16 verlieh ihm einen beachtlichen Ruf und brachte ihm bewundernden Spott in der Klasse ein. Den kompletten Lehrkörper dagegen brachte er die gesamte Ausbildung gegen sich auf.

Dabei fing es ganz harmlos an. 

Jedes Wochenende fanden in der Kantine der Berufsschule berüchtigte Discofeten statt. Die Jungsklasse Tannengrüns dominierte. Die meisten von ihnen saßen auf den Knien im Kreis, schwenkten die langen Haare zu Deep Purple, Led Zeppelin und Uriah Heep oder wie die Bands der 70er Jahre hießen. Andere saßen an ihrem Stammtisch und tranken Weinbrand-Cola, Bier und Schnaps. Die Jungsklasse war der Hahn im Korb und die ersten, die ihr Revier markierten. Verschämt und tuschelnd betraten Mädchenklassen den Raum und bestaunten den haareschwenkenden Jungskreis. Wer sich traute, setzte sich dazu, doch die meisten setzten sich brav an die Tische.

Tannengrün saß wie immer gespannt am Tisch bei Cola-Wodka ohne Bier und beäugte die Ankommenden. 

Ohne viel Geziere mischten sich schnell die Jugendlichen, die sich alle vom Schulhof kannten. Tannengrün blieb allein. Er war einfach verklemmt und schüchtern. Bisher beschränkten sich seine Mädchenkontakte auf Knutschereien ohne Zunge mit Petra oder eine wilde Küsserei auf einer Tischtennisplatte im Freien mit Tanja. Es unter die Wäsche, auf die nackte Haut bis zu den Brüsten zu schaffen, gelang ihm nur selten und wenn, da war Sturm in der Hose und Samen spritzte. Beim Tanzen hielt er meist Abstand, weil da sein Glied besonders revoltierte. Es war ihm peinlich, dabei wünschte er sich nichts sehnlicher, als ein Mädchen zu- und von dieser berührt zu werden. Der gehaltene Abstand wegen der garantierten Missgeschicke in seiner Hose wurde ihm als Ablehnung ausgelegt, da er plötzlich so  unpersönlich wurde und seine Tanzpartnerin auf Abstand hielt. 

Das Dilemma war für Tannengrün entsetzlich. Er empfand sich nur als Beisitzer, wenn die anderen sich abgrabschten und auch bei den Übetreibungen unter Jungs hatte er keinen Beitrag aber dafür große Ohren.

Bei Nahkampftiteln wie Lady Jane oder Angie von den Rolling Stones oder bei „When a Man Loves an Woman“ Percy Sladge

schaffte er es nicht, rechtzeitig von seinem Stuhl aufzustehen und sein Postprinzessin am Tisch gegenüber aufzufordern. Denn da saß sie, Anette, die Anette aus dem Bus. Bisher waren meist Andere schneller als er. Ihm fehlte ganz einfach der Mut, sie aufzufordern. Also schlürfte er mißmutig an seinem Mischgetränk und wartete auf die nächste Gelegenheit. 

Doch heute war es soweit. Sie saß an einem Tisch nicht weit von ihm und hatte ihn diesmal sofort mit dem Blick fixiert. Tannengrün hatte gar keine Chance ihr ausweichen zu können. Wie ein Magnet zog sie ihn an . Wie in Trance stand er auf. Ohne ein Wort stand sie auf und umklammerte ihn bei Deep Purpel und legte ihren Kopf an seine Brust. Tannengrün atmete ihr blondes lockiges Haar und inhalierte  den zarten Duft ihres Wesens. Trotz der körperlichen Bewegung war er innerlich wie erstarrt. Er unterdrückte seinen erregten Atem, sodaß er einige Atemzüge später, umso tiefer atmen musste. Anette schien das nicht zu stören. Im Gegenteil, auch ihr Atmen klang mehr und mehr wie seufzen, tief aus der Brust bis er sich mit seinem vereinigte. Sie sahen sich gleichzeitig erschreckt und wissend in die Augen. Und dann wuchs sein Freund immer mehr und Anette ließ Tannengrün nicht zurückziehen, sondern presste ihr Becken an seines. Es war wie eine Explosion und es wurde amgenehm warm in seiner Hose. Anette küßte ihn. Sie schauten sich überrascht und wissend an und vergruben sich beide ineinander.

Am nächsten Morgen saß Tannengrün mit Dauergrienen am Frühstückstisch.  Sein Vater war bereits aus dem Haus. Die Mutter saß wie so oft noch am Morgen daneben.

Sie sah sofort, dass mit ihrem Sohn etwas geschehen war und fragte vorsichtig. Na, wie wars gestern? Und er? Er explodierte innerlich beinahe. Es genügte nicht, dass er einfach nur bei den Tatsachen blieb. Er spinnte um Anette ein Geflecht aus Tatsachen und Legenden, die den Eindruck von Beständigkeit und Solidität bei seiner Mutter machen sollte. Also, Anette wäre schon länger seine Freundin, sie helfe ihn bei den Schulaufgaben, sie hätte politisch ordentliche Eltern und er wäre zu ihren Eltern eingeladen. Da blieb seiner Mutter beinahe nichts anderes übrig als ihm vorzuschlagen, sie demnächst einmal vorzustellen. 

Waldi, wie die Mutter ihren Sohn nannte, war glücklich.

Maria und Josef in der Stadt

Nach gut drei Monaten. Anette war bereits vor langer Zeit (also Wochen) seinen Eltern vorgestellt und karieretechnisch für gut befunden worden. Fast jeden Abend fand auf Tannengrüns Jugendliege eine Entdeckungswühlerei statt. Unterbrochen wurden die wilden Knutschereien, bei denen durchaus ein Glas oder die Knabberschale zu Bruch gehen konnten, lediglich durch das mütterliche Klopfen, und das war dann garantiert im falschen Moment. 

Wilde Knutschereien, der nackte Körper war vertraut, die  Orgasmen in der Hose waren nicht mehr peinlich und die Sehnsucht nach noch mehr Intimität, das Verlangen nach totaler Verschmelzung näherte sich seinem Siedepunkt. Anette führte bereits seit Tagen dieses ultimative Aufklärungsbuch „Du und ich intim“ wie ein Heiligtum mit sich herum. Beide verschlangen die Schilderungen über den ersten Blick, erste Liebkosungen, die männlichen und weiblichen erogenen Zonen, über Verhütungsformen bis hin zum Liebesspiel und der Vereinigung. Da stand alles drin was man wissen muss, „was wir wissen müssen“, wie zumindest Anette mit Nachdruck meinte. 

Für den sechzehnjährigen „Waldi“ war das irritierend. Einiges klang so ganz anders als die Kameraden erzählten und wie sich das Sexualbild allmählich bei ihm entwickelt hatte. In dem Buch, Anettes Bibel für Jungfrauen, stand nur etwas von vier Stellungen. 

Der animalischen von hinten, die als unnatürlich und tierisch bewertet wurde, dann von der Kerzenstellung obenauf, der Stellung für vertraute Beziehungen. Allerdings habe die auch nichts mit dem wahren Gefühl zu tun. 

Die seitliche wurde denen empfohlen, die Kinder wollten  und dann die letzte der vier, die einzige, die wahre, die rauf und runter Stellung wie Tannengrün diese abschätzig für sich bezeichnete. Und da war die erste Unstimmnigkeit der beiden. Unter den Jungs wurde viel über das Kamasutra spekuliert, denn eigentlich wußte keiner etwas genaues. Namen wie Anäis Nin und  nahmen die Runde, ohne das jemand etwas konkretes wusste. Auch wenn das jungsfantasien waren, dennoch, die waren allesamt anders als was in dem Buch stand.

Tannengrüns Eltern wußten von dem Notstand ihres Sohnes und brachen an einem Wochenende zu einem Verwandtenbesuch auf. Freitag, Samstag und Sonntag – und nichts passierte. Tannengrün und Anette stellten sich einfach viel zu blöd an. Dann kam Tannengrüns Vater mit zwei Theaterkarten nach Hause. Er hielt sie vielsagend vor Tannengrüns Nase: „Wir gehen übermorgen am Mittwoch ins Theater, anschließend will ich mit Deiner Mutter noch ein Glas Wein trinken, also da mußt Du leider alleine bleiben, Waldi!“

Dienstag Morgen. Im Schulbus schaute er Anette vielsagend in die Augen. Antette bestätigte den Blick. Sie sprachen kaum noch. Tannengrün hatte einen dicken Klobs im Hals und Anette war feierlich gespannt.

Mittwoch. Der Tag der Tage. Die Beiden tuschelten nur einmal auf dem Pausenhof miteinander. Wann genau war nur noch zu klären. Anette fügte noch ein: „ich bring unser Buch mit!“ Bei dem Wort „unser“ schluckte Tannengrün schwer. Ihm wurde die Bedeutung dieses Wortes schlagartig bewußt.

Seine Eltern waren aus dem Haus. Anette klingelte und und ging ohne ihn anzuschauen geradewegs in sein Zimmer und setzte sich auf das Bett, aufgestütz auf den Ellenboegen beugte sie sich leicht nach hinten. Ein Knopf mehr war an der Bluse geöffnet. Waldi stütze sich gleich über sie, versuchte sie nervös zu berühren, küsste sie und zerrte an ihrer Bluse, fingerte an der Schleife ihres Wickelkleideleides, die vorn in Höhe des Bauchnabels saß. In diesem Kleid fand er  Anette besonders aufreizend. Diese leichte Tuch, das verspielt in Melodien Falten warf und manchmal mit der Form ihrer Schenkel spielte. Wenn die Schleife geöffnet war, konnte man den Stoff des Kleides einfach nach den Seiten aufklappen. Soweit waren sie schon so oft. Heute klemmte es gewaltig. Überhastet wollten es beide zwingen. Es waren vielleicht noch drei stunden Zeit.

Endlich ausgezogen versuchte es Tannengrün an allen erogenen Stellen, die er aus dem Buch kannte. Die Scheide ließ sich nicht öffnen. Heute war alles wie vernagelt. Anette stöhnte wie es sich für eine Frau in dieser Situation gehört, versuchte mit ihm die Scheide zu öffnen. Selbst für den Mittelfinger war es zu eng und zu trocken. Erschwerend kam hinzu, das Anette die immer verzweifelten Versuche, sein Glied endlich in die Scheide einzuführen, mit ihrem Lehrbuchwissen begleitete. Glied und Scheide sollten bei Erregung Flüssigkeit absondern. Und die Beiden waren derart erregt und Tannengrüns Glied eregierte bei einem neuerlichen Versuch. Er dachte in diesem Moment, das es vielleicht kein irrtümlich angenommenes Sperma sei sondern nur eben diese Flüssigkeit und er demnach noch nie einen Orgasmus bekommen hatte und das jetzt, das größte, noch nie erlebte Gefühl werden wird. Er war sich nicht mehr nach diesem Buch sicher. Also bei einem weiteren Versuch spritzte er die Flüssigkeit an die Scheidenöffnung, um vielleicht doch noch auf diese Weise einzudringen. Aber das mißlang weil sein Freund schlaff wurde, Er wußte jetzt, dass er und seine Jungensrunde recht hatte, das es kein Segment war.

Nach diesem gründlich mißlungenen versuch sprachen sie sich Anette und Waldi seltener. Die Blicke auf dem Schulhof wurden immer ausweichender bis die von Anette so merkwürdig fliehender, schwerer und vorwurfsvoller wurden.

Einem Gespräch wich Anette aus.

Und dann kam ein Morgen, da brach die Welt über Tannengrün ein, da begann ein monatelanger Spießrutenlauf, der eigentlich bis zum Ende der Lehre anhielt. Seit ein paar Tagen tuschelten Lehrer wenn sie ihn sahen und sahen ihn kollektiv wie eine Küchenschabe an. Wenn er sich meldete und er antworten durfte, war der Lehrer nicht so wie früher hoch erfreut, da er sich überhaupt beteiligte. Selbst bei einer richtigen Antwort, bekam er kaum einen Kommentar. Er wurde ignoriert. 

An diesem besagten Morgen ging es gleich mit dem ersten Lehrer los. Wutentbrannt ging er bereits bei der Begrüßung verbal auf ihn los.- Schwängert verantwortungslos die Nette aus der Amtsklasse, sitzt jetzt hier als ob nichts gewesen wäre und überhaupt, wie will er mit diesen schlechten Zensuren eine Familie ernähren! „Komm gleich mal her Freundchen. Mal sehen was Du weißt! Und Waldi wußte nichts. Er stand neben dem Lehrertisch am Pranger. Die ganze Klasse musste grienen. Nach der Stunde kamen einige zögernd auf ihn zu. „Arme Sau, Scheiße, Hallo Papa Waldi, 18 Jahre zahlen“ war ihr trauriger Kommentar. Andere fragten nach dem Hochzeitstermin und ob er schon eine Kinderpostuniform hätte. Die coolen Jungs um Krause und Wendt kamen lässig auf ihn zu, klopften ihm mitfühlend auf die Schulter und meinten „Pech gehabt“. 

Ab da gehörte er zu ihrer Clique, zu denen mit langen Haaren und Parka, die ohne besondere Anstrengung auf einen Abschluß mit Zwei zusteuerten. Und die Mädchen? Nicht das sie ihn besonders verachteten, nein, Tannengrün war sich sicher schon einige verstohlene, prüfende Blicke bemerkt zu haben, die nun lohnenswerte Eigenschaften in ihm suchten.

Anders sah es bei dem gesamten Lehrkörper aus. Am liebsten hätten ihn einige gleich von der Schule verwiesen, einige ignorierten ihn im Unterricht oder führten sein Nichtwissen der Klasse vor was nicht schwer war. Nur ein alter Lehrmeister hatte ihn beiseite genommen, ihm erzählt wieviel ein Kind kostet, er solle genau überlegen, ob er die Frau wirklich liebt und wie das Kind seine ganz persönlichen Pläne durchkreuzen würde und zum Schluß schüttelte er den Kopf und meinte, Mensch Junge, pass bloß auf, mit zwei Babys sieht es noch viel schlechter aus!“

Jedenfalls wirken Tannengrüns Eltern auf Anette ein, ihre Freundin und auch einige Lehrer redeten ihr zu, das Kind abzutreiben. 

Als sie das noch innerhalb der drei Monate machte, viel Tannengrün ein Stein vom Herzen und er atmete tief durch ohne wirklich sein Leben bis auf gute Vorsätze zu verändern. Nach wie vor war Tannengrün Jungfrau. Wie sollte er die Tatsachen seinen Eltern erklären? In ihren Augen war er ein Hallodrie. Dennoch hatte er irgendwie das Gefühl, nur ein Kavaliersdelikt begangen zu haben, dass nun einmal Männern passieren kann.

Der Anruf

Es war einer dieser heißen Sommertag Mitten im Mai, wie es ihn heute in Zeiten des offiziell bestätigten Klimawandels immer häufig gibt. 

Die Erde war dazu knüppeltrocken. Seit Tagen wurde  eine Sturmfront mit einem Temperatursturz von 20 Grad als latente Hoffnungsbedrohung angekündigt. Ein derart extremer Temperatursturz war eigentlich auch nichts Ungewöhnliches mehr. Die Temperaturen blieben wie fixiert über Tage konstant bei über 30 Grad. 

Die angekündigten Unwetter blieben über Bayern und NRW stehen, bewegten sich keinen Meter weiter, ostwerts. Nichts passierte und auch das war inzwischen ganz normal. 

Die Sonne füllte die Straßencafe’s im Prenzlauer Berg, die digitale Boheme döste vor sich hin und beschäftigte sich mit sich selbst, Touristen genossen sichtlich das Besucherflair; junge Frauen mit Freundinnen Habitus; junge Männer in abgeklärter Pose – alle freuten sich sichtlich mit mediterranen Berlin zu sein.

Die Sonne hatte in den letzten Tagen schon erheblich Tannengrüns Gehirn auseinander dividiert. Rosa und ich lümmelten in unseren Liegestühlen auf unserer schattigen Terrasse auf der Rückseite unseres Hauses herum. 

Es war Sonntag im Oderbruch und wir hatten nichts zu tun.

Sie malträtierte dabei beruflich die Tastatur ihres Notebook und ich, ebenfalls das Notebook aufgeklappt auf den Bauch gestellt, stöberte nur so in den gespeicherten Nachrichtenseiten herum. „Was soll das erst im Sommer werden mit diesem Wetter“, stöhnte ich dabei in mich hinein, wenn schon diese ersten heiße Tage im Jahr genügen, um mich derart Kraft- und willenlos machen.

Wir lagen also in unseren Liegestühlen, tranken kühles Minzwasser als das Festnetztelefon  klingelte.

Ich drückte die Taste und sagte „Hallo“

Unvermittelt auf der anderen Seite ein erleichtert klingendes „ gerade habe ich die Information bekommen, dass Du nicht bei der Stasi warst! Ich habe sogar erfahren, dass  Du laut deiner Akte auch Probleme mit denn hattest!“ Ein beschwippstes sächsisch mit bemühter Berliner Klangfarbe. Dieses typische sächsisch, kumpelhaft, dem man jede Geschäftsfähigkeit abschreibt.  

Verträumt

Der kleine Waldi spielte am liebsten allein, ob nun im Haus oder im Garten, am liebsten aber

in seinem Buddelkasten, vielleicht zwei mal zwei Meter groß, im Blick der Großmutter durch das Küchenfenster.

Er hatte Kastanien aufgesammelt und  pflanzte sie in seinem Sandkasten aus. Und tatsächlich wuchsen sie ca. 10 cm hoch in Waldis Wahrnehmung zu einem  regelrechten Jungle heran. Er legte eine kleinen Wasserstelle an, setzte alle möglichen Käfer, Regenwürmer und Raupen in seinen Urwald, hockte sich davor und wartete. Jeden Morgen vollzog er das Ritual und wartete bis er die Lust daran verlor. 

Als er die Endzeugnisse der ersten Klasse bekam, es begann der letzte Sommer im Haus der verwunschenen Fantasie, an dessen Ende sein Vater endlich wieder nach Hause kam und es hieß, die Koffer zu packen und gemeinsam in die große Stadt zu ziehen.  

Etwas ging zu Ende, spürte Waldi aber noch besser war das Abenteuer, das nun begann. Er saß eines der letzten Male in seinem Sandkasten, der plötzlich gar nicht mehr spannend war oder in dem sich Geschichten zutrugen, als die Nachbarin die Großmutter besuchen wollte, ihn fragte, ob das Zeugnis gut ausgefallen ist. Waldi antwortete “ach naja, ich bin sitzen geblieben“. Die Nachbarin war nahezu geschockt und Waldi löste es nicht auf und verschwand im hinteren Garten. Er hatte Freude am schockieren, er freute sich, sich doofer darzustellen als er wirklich war.

Ski und Rodeln gut

Februar. Waldemar’s letzte Winterferien und die begannen mit einer Überraschung! Waldis Vater kam am Freitag vor den Ferien von der Arbeit nach Hause und rief bereits an der Wohnungstür vergnügt nach seinem noch 15jährigen Sprößling.

„Gleich, ja gleich, ich komme schon“, unterbrach sich Waldemar neugierig geworden, beim Stadtplan Zeichnen in seinem Zimmer, und kam heraus. Stadtpläne zeichnete Waldi immer dann, wenn ihm gar nichts anderes mehr einfiel. Beim zeichnen vollzog er die gesamte Entwicklung einer Stadt, angefangen bei einem kleinen Fischerdorf am Flusslauf, bis hin zu einer Zeichenblatt füllenden Metropole.

Noch als Vater Tannengrün seine Aktentsche abstellte und den Mantel in die Garderobe hängte, platzte die Neuigkeit aus ihm heraus. „Ich habs geschafft!“, ich habe für Dich doch noch einen Ferienplatz bekommen! Gleich am Montag geht es los.

Tannengrün Senior strahlte Waldi jetzt begeistert und auch erleichtert an.

„Wohin soll es denn gehen?“, der Junge versuchte seine Enttäuschung darüber zu überspielen, denn eigentlich hatte er sich schon andere Pläne für die Ferien vorgenommen.

„Nach Altenberg gehts ins Erzgebirge mit richtig viel Schnee. Das Wort Schnee klang aus seinem Mund so lustvoll. Waldemar konnte sich der Euphorie seines Vaters nicht anschließen. Bei dem Wort Schnee wurde es ihm nur  kalt und das Erzgebirge war auch nicht gerade Berlin.

Vater Tannengrün war über die verhaltene Reaktion enttäuscht weil es ihm sehr viele Argumente gekostet hatte, um den freigewordenen Ferienplatz für seinen Sohn zu bekommen.

„Da fahren die Kinder von den Kollegen meiner Abteilung mit.

Klaus oder den Peter kennst Du ja, auch Frank ist dabei.“, versuchte er seine Überaschung attraktiver zu machen.

Immer noch mißmutig fragte Waldemar „fährt auch die Kerstin mit?“, er kannte sie von früher, zwar als Petze, aber Menschen ändern sich und sie jetzt vier Jahre weiterentwickelt, körperlich meinte er.

„Weiß ich nicht, es sind jedenfalls von jeder Abteilung welche dabei, die Du nicht kennst.“

Die Maulerei seines Sohnes ärgerte den Vater ungemein, der dabei war, seine Schuhe auszuziehen. 

„Du freust Dich wohl gar nicht? Mensch, Du kommst endlich mal rauß hier und bist mit anderen zusammen als immer nur mit deinen Leuten. Bist du ein Stubenhocker!

„Wenigstens bezeichnet er uns nicht als „Kinder“ stöhnte Waldi, denn das er schon Erwachsen war, wollte wohl immer noch nicht in die Köpfe seiner Eltern hinein. Ganz unbewußt hatte sein Vater mit dem Satz „von jeder Abteilung sind welche dabei“, genauer mit dem Zusatz „ die du nicht kennst“ bei Waldemar genau die Wirkung erzielt, die er eigentlich mit dem Begriff Schnee beabsichtigt hatte. 

Um Schnee ging es dem pubertierenden Waldemar ganz und gar nicht. Unter denen, die er nicht kannte, konnte durchaus eine dabei sein, die sich für ihn interessiert.

Zum Ende des kleinen Disputs musste der Vater unnötiger Weise seinen Lieblingsspruch vor sich her brabbeln mit dem er seinen jugendlichen Sohn so richtig piesackte: „Ist doch wirklich besser als immer nur mit“, mit dem er seinen Sohn so richtig satt machte.

„Ist doch wirklich besser für ihn als immer nur mit den Kumpels rumgammeln.“ Dabei zog er etwas beleidigt seinen Schlips aus dem Hemd .

 

Es stimmte schon, Waldemar wollte mit seiner Schulclique ausgiebig die neuen Schallplatten anhören und Musikzeitschriften lesen, die Bernd’s Oma aus dem geheimnisvollen Mauerland, von Drüben heraus geholt hatte. Er wollte mit seinen Jungs die frische Musik gleich auf die Musikrekorder überspielen, was nicht leicht und aufwändig bei der Qualität damaliger Magnetbänder war. Sehr oft gab es dabei Bandsalat. Da mußte die Spule mit Bleistift oder mit dem Finger bis zur Unglücksstelle zurückgedreht oder wenn das Magnetband gerissen war, mit Nagellack geklebt werden. Sehr ärgerlich.

Außerdem mussten die Informationen aus der wirklich wichtigen Welt, der ihrer Helden – den Rolling Stones – ausgiebig analysiert/diskutiert und ausgewertet werden. War dann doch noch Zeit, hieße es, die Informationen noch einmal von vorn zu diskutieren. Allein dafür waren eigentlich zwei Wochen Ferien zu kurz.

Dieser blöde Vorwurf, er würde nur Rumgammeln hätte sich sein Vater wirklich sparen können, denn der stimmte nicht!

Noch während der Vater sich entfernte, hatte er seine Schulfreunde schlagartig vergessen. 

Die Winterferien waren zwar restlos verplant gewesen, doch jede Abwechslung, alles Neue war ihm recht, denn er hatte ständig das Gefühl, sein Leben sei langweilig.

Die überraschende Planänderung nun, bedeutete nun auch eine Nachtwanderung, eine Schlittenfahrt im Dunkel und einen Ausflug in die Tschechoslowakei zum Plattenkauf. 

Und das tollste: Es war an jedem Abend eine Baudendico geplant! Er war neugierig auf die unbekannten Mädchen, unter denen vielleicht die Eine sein wird! Vielleicht sogar eng tanzen und endlich küssen – wie sollte bei dieser Aussicht der kleine Waldi seinen Klassenkameraden noch nachweinen? Waldemar war ganz heiß geworden.

In der Nacht vor der Abreise träumte er von den Plattenkäufen in Prag und von dem Mädchen, dass ihn und nur ihn küssen wird. 

Das mit der Kälte, dem Schnee und den Skifahren sollte auch irgendwie klappen, obwohl er an Winterfreuden nicht interessiert war.

Fazit: Es lag sehr viel Schnee und es war sehr kalt gewesen in diesen zwei Wochen in Altenberg. Er war mit dem Schlitten den Waldweg hinunter gerast, und er hatte wie die anderen mit seiner Taschenlampe nachts bei der Wanderung herum geleuchtet.

Der Winterspaß im Schnee war tatsächlich großartig. 

Es gab keine Schallplatten von den Bands, auf die Waldemar stand und auch beim Tanz war alles wie gehabt geblieben, Waldi saß am Rand auf seinem Stuhl und sah den Paaren zu, die eng umschlungen den Klammerblues tanzten und sich direkt vor seinem Platz knutschen mußten. Er traute sich nicht ein Mädchen, die eine, die vielleicht mit ihm tanzen würde, aufzufordern. Vielleicht war sie zu Hause geblieben.

Was in Mädchen damals vorging, blieb  danach für Waldi für immer ein Rätsel.

Und mit diesem ultimativen Kuss hat’s darum wiedermal nicht gelingen wollen.

Nachdem er voller Erlebnisse zurück war, begann am Montag der neuen Woche wieder die Schule und er hatte so viel zu erzählen!

Aber etwas stimmte nicht. Die Unterrichtslehrerin, der Klassenlehrer, die Direktorin betraten gemeinsam mit einem Mann im Anzug den Raum. Die allgemeine Unruhe verebbte. Die Direktorin teilte uns mit bewegter Stimme mit, dass heute einige Schüler unserer Klasse und  aus der Nachbarschule in der nächsten Zeit fehlen werden. Das hatte Waldemar schon bemerkt. Es waren auch einige Freunde Tannengrüns darunter, denen er gern von seinem Abenteuer erzählt hätte.

 

Die kleine Gruppe von fast 14 Schülern hatte sich nichts anderes vorgenommen als mit einer langen Gartenleiter Tag für Tag in der Ferienzeit an der Mauer entlang zu laufen, um nach einer günstigen Stelle zum darüber klettern Ausschau zu halten. Am Abend hatten sie die Leiter irgendwo versteckt und machten da am nächsten Morgen weiter. Natürlich wurden sie dabei beobachtet und nach einigen Tagen wurden sie verhaftet, gerade als sie an diesem Morgen die Leiter auf die Schulter packen wollten.

 

Die Direktorin warnte uns davor auch so zu enden. Anschließend wurde die komplette Klasse befragt, ob sie auch das Land verlassen wollen. Die

niederschmetternde Grundstimmung in der Klasse brachte ein Schüler von Waldemar’s Freunden auf den Punkt: Ganz schön dumm sind die, noch nicht einmal einen Schulabschluss und dann abhauen, ich würde warten bis ich einen Berufsabschluss in der Tasche habe. Die Direktorin schien verzweifelt zu sein. Tannengrün schwieg und war froh, im Winterferienlager gewesen zu sein.




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